Freitag, 13. April 2012

Clementine - Requiem für Danny Whitten und Bruce Berry

Oh My Darling Clementine
Der Folk-Standard „Clementine“ gehört neben "Oh Susannah" und „High Flyin’ Bird“ zu den biographisch interessantesten Songs des neuen „Americana“-Albums von Neil Young  & Crazy Horse. „Rusted Moon“ hatte bereits in „High Flyin’ Bird – Neil Young hebt ab“ ausführlich die Verbindung zu Neil Youngs Band „The Squires“ und zu Stephen Stills beschrieben. 

Diesmal steht mit „Clementine“ ein Song im Mittelpunkt, der wahrscheinlich zu den allerersten Liedern gehört, die der Musiker Neil Young überhaupt je auf einem Instrument gespielt hat. 

Hier nun Alles rund um diesen traditionellen Folksong, der nicht nur am Anfang von Youngs Musikerlaufbahn, sondern auch im Zusammenhang mit einem der dunkelsten Kapitel seiner Karriere stand.

Instruction sheet for plastic ukulele
Alte Spielanleitung für
eine Plastikukulele
Am Anfang war Plastik. Aus diesem im Instrumentenbau damals noch neuen Material bestand eine Ukulele, die Neil Young in der zweiten Jahreshälfte 1958 von seinen Eltern geschenkt bekam. Die Youngs wohnten zu dieser Zeit in Brock Road, einer Siedlung nahe dem heutigen Pickering, ein paar Meilen östlich von Toronto. Der damals erst 12-jährige Neil Young betrieb im Garten ihres Hauses eine Hühnerzucht und verkaufte Eier in der Nachbarschaft.

Gleichzeitig begann der kleine Neil, die Welt der Musik über Top-40-Radiosender und die elterliche Plattensammlung zu erkunden. Neil Youngs Vater Scott kaufte in einem örtlichen Laden eine „Arthur Godfrey“-Plastikukulele, die seinen Sohn im Schaufenster faszinierte. Ursprünglich als Weihnachtsgeschenk gedacht, bekam Neil Young das Drei-Dollar-Instrument sogar schon ein paar Monate früher. 

Das genaue Fabrikat der Ukulele ist nicht näher bekannt. Zwei konkurrierende Hersteller hatten seinerzeit Plastikukulelen mit dem Namen des bekannten TV-Moderators „Arthur Godfrey“ beworben. „Rusted Moon“ hat in „Das Rätsel um Neil Youngs erste Plastikukulele“ den Kreis der Instrumente auf die „Meccaferri Islander“ und die „Emenee Flamingo“ eingegrenzt. Beide Instrumente wurden mit einem Heftchen ausgeliefert, das neben einer Spielanleitung auch verschiedene Lieder mit Akkorden und Texten enthielt. 

Neil Young's note sheet for Coming Round the Mountain
"Coming Round The Mountain"
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Scott Young beschrieb in seinem Buch „Neil and Me“, wie der Sohn an Weihnachten 1958 auf seinem Zimmer stundenlang die Lieder und deren Akkorde übte. Eines dieser Lieder dürfte mit ziemlicher Sicherheit „Clementine“ gewesen sein. Der traditionelle Folksong war in den Songbüchlein abgedruckt, die beide Ukulelen-Hersteller ihren Instrumenten beilegten. Das gilt auch „Coming Round The Mountain“. Der Song ist als "Jesus’ Chariot (She’ll Be Coming Round The Mountain)" ebenfalls auf „Americana“ von Neil Young & Crazy Horse vertreten.

Beide Songs haben die frühe Ukulelen-Phase überlebt und waren noch Jahre später im Werk Neil Youngs präsent. Als „Neil Young and The Squires“ 1965 im „4-D Coffeehouse“ in Fort William mit wilden Rock-Versionen klassischer Folksongs auftraten, standen auch wieder „Clementine“ und „Comin' Round The Mountain“ in der Setlist.

Neil Young's note sheet for Clementine
Clementine für Ukulele
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"Fort William war der Beginn jener Art des Folk-Rocks, den wir spielten", erinnert sich Neil Young in John Einarsons Buch über die Band "Buffalo Springfield", in der Neil Young später den Folk-Rock perfektionieren sollte. "Es war anders als alles, was ich vorher oder nachher getan habe. Es war eine Art Folk-, Punk-, Rock-Ding in Moll. Es war funky", so Neil Young weiter.

Jimmy McDonough zitiert Neil Young in "Shakey" so: "Das war ein besonderes Squires-Programm, das nie aufgenommen wurde. Ich wünschte, es gäbe Bänder von diesen Shows. Wir nahmen berühmte alte Folksongs wie "Clementine", She'll Be Comin' 'Round the Mountain", "Tom Dooley" und wir spielten sie alle in Moll."

Wie bei „High Flyin’ Bird“, dessen Arrangement auf Stephen Stills Band „The Company“ oder deren Vorgänger „Au Go-Go Singers“ zurückgeht, stand aber möglicherweise auch für „Clementine“ ein anderes Arrangement Pate. 

Jan & Dean's first album
Erstes Album von "Jan & Dean"
Der Song war 1959 von „Jan & Dean“ für deren erstes Album aufgenommen worden. Er erschien auch als Single, die dann im Jahr darauf die Top-100 der Billboard-Charts erreichte. In jenem Jahr 1960 begann auch Neil Young, sich ernsthaft für Folk zu interessieren. Von Pickering waren die Youngs inzwischen nach Toronto gezogen und aus der Plastikukulele war eine Bariton-Ukulele geworden.

Zusammen mit Freund Comrie Smith an den Bongos und anderen Schulkameraden jammte der damals 14-jährige Neil Young mit seiner Ukulele zu Schallplatten. "Ich erinnere mich, zu Hause oft das 'Kingston Trio' gehört zu haben", erzählte Neil Young seinem Biographen Jimmy McDonough. Eine richtige Band zu gründen traute er sich noch nicht. Die ersten Bands hatte Neil Young erst gut ein Jahr später nach dem Umzug nach Winnipeg.

Mit denen hatte er zunächst überwiegend Instrumentals von Bands wie den Shadows nachgespielt und später  eigene Song in diesem Stil geschrieben. Auch die Beatles hatten in dieser Zeit großen Einfluss. Als in Winnipeg im Sommer 1963 dann eine von drei Fillialen der „4-D Coffeehouse“-Kette aufmachte, kam auch wieder der Folk hinzu. Im Gegensatz zu den Comunity-Clubs in Winnipeg, in denen überwiegend Tanzmusik gespielt wurde, traten im "4-D Coffeehouse" nämlich fast nur Folk- und Countrybands auf. Neil Young war oft im "4-D".

Anzeige des "4-D" von 1964
Laut Autor John Einarson gefielen Neil Young vor allem die Textinhalte der Folkmusik, die über das übliche "Junge trifft Mädchen und sie verlieben sich" des Rock 'n' Roll hinausgingen. "Folkmusik bot mehr Substanz, Botschaft, Ausdruck echter Gefühle und tieferer Emotionen", scheibt Einarson. "Für einen introvertierten jungen Mann, der dazu tendiert, seine Gefühle zuruckzuhalten, bot Folkmusik ein Ventil." 

Die von „Jan & Dean“ aufgenommene rockige Version von "Clementine" mag Neil Young durch den Charterfolg der Single bekannt gewesen sein - und sie dürfte ihm gefallen haben. Den alten Folk-Klassiker hatten die beiden Kalifornier nämlich in einen neuartigen Mix aus Folk, Rock’n Roll, Surfmusik und Shadows-Sound gekleidet. Im Gegensatz zur etwas traditionelleren Albumversion war ihre Single zusätzlich  durch den Einsatz eines Echo-Geräts, dem stilprägenden Effektgerät jener Ära, aufgepeppt worden (siehe Video unten). 

„Jan & Dean", die mit vollem Namen Jan Berry und Dean Torrence hießen, waren so etwas wie die "Kronprinzen" der "Beach Boys". Die Karrieren der beiden Surf-Bands verliefen zeitlich parallel. Zudem waren die Musiker untereinander gut befreundet. Mit "Surf-City" hatten "Jan & Dean" im Sommer 1963 sogar einen Nummer-1-Hit, den Jan Berry und "Beach Boy" Brian Wilson gemeinsam geschrieben hatten. Jan Berrys Karriere wurde 1966 durch einen schweren Autounfall unterbrochen. Er starb im Jahr 2004.

Neil Young ist bis heute ein Fan der "Beach Boys" und der Surf-Musik und besang seine damalige Bewunderung in "Long May You Run". Der Song handelt von Leichenwagen Mort, dem Bandwagen von "Neil Young and The Squires" aus jener Zeit, als sie die rockigen Folkversionen von "Clementine" und anderen Standards spielten. Das erste Album von „Jan & Dean" mit dem Song "Clementine" wurde übrigens von Herb Alpert und Lou Adler produziert. Adler betrieb später in Los Angeles das "Roxy", in dem Neil Young während seiner dunklen "Ditch-Phase" berühmt-berüchtigte Konzerte gab.

Tonight's The Night
Neil Young - Tonight's The Night
Genau in dieser Zeit arbeite ein Bruder von Jan Berry als Roadie für Crosby, Stills, Nash & Young - für die Band als auch jeweils für die einzelnen Musiker. Der Bruder hieß Bruce Berry. Er kam durch "Crazy Horse"-Gitarrist Danny Whitten zum Heroin und starb nur wenige Monate nach Whitten, am 4. Juni 1973, an einer Überdosis.

Neil Young, der über den zweiten Todesfall in seinem direkten Umfeld tief bestürzt war, widmete Bruce Berry daraufhin den Titelsongs seines düsteren Albums "Tonight's The Night":
"Bruce Berry was a workin' man; / He used to load that Econoline Van / A sparkle was in his eyes, / but his life was in his hand. / Late at night when the people were gone / he used to pick up my guitar / and sing a song in a shaky voice / that was real as the day was long"
Das Album "Tonight's The Night", Teil der sogenannten Ditch-Trilogie, hatte Neil Young im August 1973 in den "Studio Instrument Rentals (SIR)" in Hollywood aufgenommen. Der Laden für Studio- und Bandequipment wurde von Ken Berry, dem dritten der Berry-Brüder, betrieben. Auch Bruce Berry hatte für SIR gearbeitet.

Photo of Bruce Berry (c) by Jimmy McDonough
Bruce Berry (c) Jimmy McDonough
39 Jahre später, am 5. Juni 2012, erscheint nun eine von Bruce Berrys Bruder Jan Berry möglicherweise inspirierte Version von "Clementine" auf einem Album von Neil Young & Crazy Horse - der ehemaligen Band von Danny Whitten und zeitweiligem Arbeitgeber von Bruce Berry. Ein Kreis schließt sich.

Fast erscheint es so, als ob neben der Wiederbelebung der Folkmusik aus Neil Youngs musikalischer Anfangszeit, noch eine ganz andere Ebene bei "Clementine" mitschwingt: Der im Song besungene "miner forty-niner" - ein Goldsucher aus dem großen kalifornischen Goldrausch von 1849 - ist womöglich eine Art alter ego von Neil Young. Der hatte bekanntlich mit "After The Gold Rush" schon früher eine Verbindung mit jener Zeit der amerikanischen Geschichte hergestellt.

Und könnte der nun Neil Young und den drei überlebenden Mitgliedern von "Crazy Horse" besungene Tod von "Clementine" nicht auch eine Metapher für den Tod von Danny Whitten oder Bruce Berry sein?

Neil Youngs Karriere als Musiker jedenfalls, ging nach dem tragischen Verlust der beiden Weggefährten ebenso weiter, wie die Arbeit des Goldsuchers "miner forty-niner" nach dem Verlust seiner Tochter im Song "Clementine":
 
"How I missed her! / How I missed her, / How I missed my Clementine, / So I kissed her little sister, /  And forgot my Clementine."



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In Erinnerung an  Danny Whitten und Bruce Berry
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"Jan & Dean" - Clementine, Single-Version 1960




Neil Young - Tonight's The Night, 1992




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