Mittwoch, 21. März 2012

"High Flyin' Bird" - Neil Young hebt ab

Die Ankündigung des „Americana“-Albums von "Neil Young & Crazy Horse" rückt ein paar alte Folksongs in den Fokus, deren Hintergrund weit über das rein Musikalische hinausgeht. Viele der jetzt neu aufgenommen Songs sind nämlich ganz eng mit der persönlichen Geschichte Neil Youngs verbunden. Sie reichen weit zurück in jene Zeit, als der Kanadier mit ersten Bands in Winnipeg erste Erfahrungen sammelte.

Mit dem Song „Oh Susannah“, den Neil Young zusammen mit Dave Matthews beim letzten Bridge-School-Benefit 2011 in einer schrägen Akustikfassung präsentierte, wurde die überraschende Hinwendung zu alten Folk-Wurzeln deutlich. „Oh Susannah“ gehörte schon zum Repertoire jener Folksongs, die „Neil Young and The Squires“ 1964 und 1965 spielten. Damals vollzog die Band eine Wandlung – weg von den alten Instrumentals im Stil der Shadows, hin zu einer noch unbestimmten Mischung aus Folk und früher Rockmusik.

Neben „Oh Susannah“ wurzeln auch die Songs „High Flyin' Bird“, „Tom Dooley“ und „Gotto Travel On“ in jener frühen Phase, als Neil Young und seine Band in Winnipeg, Fort William (heute Thunder Bay) und Churchill die ersten Schritte als professionelle Musiker machten. Vor allem „High Flyin' Bird“ hat eine Geschichte, in der viele Aspekte von Neil Youngs musikalischem Werdegang wie in einem Brennglas deutlich werden:

Im Booklet zum „Americana“-Album, dessen vorläufige Version für kurze Zeit im Internet kursierte, verweist Neil Young auf Stephen Stills. Dessen Band „The Company“ hatte den Song ebenfalls im Repertoire. Neil Young traf Stephen Stills und dessen Band am 18. April 1965 im "4-D Coffeehouse"  in Fort William, wo die "Squires" bis zum 16. Juni die Afternoon-Sessions spielten. Nur wenige Tage zuvor waren die "Squires" noch im hohen und eiskalten Norden Manitobas. Im Hudson-Hotel in Churchill spielten sie eine Woche bei Eis und Schnee.

An jenem ersten Tag im "4-D" in Fort William traten „The Company“ während der Abend-Session auf. Stephen Stills war von Neil Youngs rockigen Arrangements alter Folkssongs wie „Oh Susanna“ begeistert. Neil Young war umgekehrt von Stephens Stills Gesang und Gitarrenspiel beeindruckt. Beide sollen noch am selben Abend ins Gespräch gekommen sein. Sie verbrachten eine Nacht mit reichlich Alkohol und Gesprächen über Musik in Neils Leichenwagen „Mort“. Stephen Stills soll sogar ernsthaft überlegt haben, „The Company“ zu verlassen, um mit Neil Young zu spielen.

Terry Erickson mit Framus
Der Song „High Flyin'g Bird“, den Stephen Stills an jenem Abend spielte, wechselte über ins Repertoire der „Squires“. Terry Erickson, Bassist und Gitarrist aus Fort William, der mit seiner 9-saitigen deutschen Framus-Gitarre häufig zusammen mit Neil Young jammte, erinnert sich im Gespräch mit „Rusted Moon“ daran, damals „High Flyin'g Bird“ mit den „Squires“ gespielt zu haben.

Terry Erickson und Neil Young schmiedeten zu der Zeit auch hochfliegende Pläne, nach England zu gehen, dem Epizentrum der damaligen Musikwelt. In dieser Aufbruchphase, in der Neil Young die Welt erobern wollte, benannten sich die „Squires“ sogar für kurze Zeit um in „The High Flyin' Birds“.

Der Aufbruch der hochfliegenden kanadischen Vögel endete bekanntlich nicht in England, sondern zunächst in einem kleinen kanadischen Nest namens „Blind River“, wo Neil Youngs Leichenwagen mit Getriebeschaden liegen bleib. Ein paar Tage später schlugen sich er und Terry Erickson nach Toronto zu Neils Vater durch.

In Toronto versuchte man sich dann erfolglos unter dem neuen Namen „Four To Go“, ehe Terry Erickson endgültig nach England ging. Neil Young tingelte für eine Weile solo und mit einer akustischen 12-saitigen Gitarre als Folksänger durch Torontos Coffeehouses. Die Welt sollte Neil Young erst nach einer weiteren legendären Leichenwagenfahrt von Toronto nach Los Angeles erobern.

High Flyin'g Bird“ ist also ein zentraler Song im Leben Neil Youngs. Er markiert die Grenzlinie, an der sich die Karriere des späteren Weltstars entschied: Als kanadische Provinzband weiter in kleinen Orten spielen oder lieber hoch hinaus in die weite Welt fliegen?

High Flyin'g Bird“ stellt zudem die erste Verbindung zu Stephen Stills her. Die Zusammenarbeit mit dem kongenialen Partner, auch wenn sie oft problematisch war, besteht seitdem über fast 50 Jahre. Stephen Stills singt daher auch auf „Americana“ im Song „This Land Is Your Land“.

Und schließlich hat „High Flyin' Bird“ selbst eine interessante Entstehungsgeschichte, in der viele Aspekte der damals populären Folkbewegung deutlich werden:

Billy Edd Wheeler - High Flyin BirdDer Song stammt aus der Feder von Billy Edd Wheeler, einem Singer-Songwriter, der auch für andere Künstler schrieb. Das „Kingston Trio“ hatte mit zwei Wheeler-Songs große Charterfolge. Später veröffentlichten unter anderem Hank Snow, Judy Collins und Richie Havens Kompositionen von Billy Edd Wheeler. Wheelers wohl bekanntester Song ist „Jackson“ - ein Dialog-Song, den Johnny Cash und June Carter berühmt machten.

Wheelers „High Flyin' Bird“ erschien 1963 bei Kapp Records - zunächst in einer Aufnahme von Joan Toliver. Wheeler selber nahm den Song erst 1967 für sein ebenfalls bei Kapp erschienenes Album "Paper Birds" auf. Nach Angaben von Billy Edd Wheeler wurde der Song insgesamt von über 50 Künstlern gecovert.

Nur kurze Zeit nach Joan Tolivers Version nahm Judy Henske 1963 den Song auf. Ihr „High Flyin' Bird“ erschien im Januar 1964 auf ihrem zweiten Album bei Elektra, das sogar den Titel „High Flyin' Bird“ hatte. Die Sängerin und Songschreiberin Judy Henske wurde in den frühen 1960er Jahren vor allem durch die Fernehreihe „Hootnanny“ bekannt, in der Folkmusik live gespielt wurde. Auf dem Höhepunkt des damaligen Folkrevivals erschien 1963 der Kinofilm „Hootenanny Hoot“, der Judy Henske noch populärer machte und ihr die Verträge für die beiden Alben bei Elektra Records einbrachte.

Judy Henske - High Flyin Bird
Judy Henskes Aufnahme von „High Flyin' Bird“ wurde noch im selben Jahr 1964 von den „Au Go Go Singers“ gecovert. Die Band spielte im gleichnamigen New Yorker „Cafe Au Go Go“ und hatte unter ihren neun Mitgliedern zwei damals noch unbekannte Gitarristen und Sänger: Stephen Stills und Richie Furay. „High Flyin' Bird“ wurde Track 8 auf ihrem einzigen Album „Call Us Au Go Go Singers“, auf dem auch noch der Folkklassiker „Gotto Travel On“ enthalten ist. Auch dieser Song taucht nun auf Neil Youngs „Americana“ Album auf.

Die „Au Go Go Singers“ lösten sich nicht lange nach Veröffentlichung des Albums auf. Richie Furay nahm einen regulären Job an, während Stephen Still mit einigen anderen Mitgliedern der “ Au Go Gos“ eine Band namens „The Company“ gründete. Die ging im Frühjahr 1965 auf eine kurze Tournee mit Auftritten in den Filialen der 4-D-Coffeehouse-Kette in Kanada, wo man am 18. April 1965 auf „Neil Young and The Squires“ traf – siehe oben.

Stephen Stills  - High Flyin Bird
Die Liner Notes zum "Americana" Album bezeichnen das Arrangement von Stephen Stills Version mit „The Company“ als Grundlage für die Fassung, in der „Neil Young and The Squires“ den Song „High Flyin'g Bird“ damals spielten. Offen bleib allerdings, ob damit die Albumfassung von 1964 oder die Live-Fassung von April 1965 gemeint ist.

Sollte Neil Young das Album der „Au Go Go Singers“ gekannt haben, könnten die „Squires“ ihre Version von „High Flyin'g Bird“ schon 1964 in Winnipeg oder bei ihrem ersten Aufenthalt in Fort William gespielt haben. Sowohl John Einarson in „Don’t Be Denied“, als auch Jimmy McDonough in „Shakey“ schreiben davon, dass Neil Young schon 1964 in Winnipegs 4-D-Filiale zur Folkmusik fand.

Kannte Neil Young diese Albumfassung, würde auch das Zusammentreffen mit Stephen Stills in neuem Licht erscheinen. Dann nämlich hätte Neil Young seinen späteren Partner bei Buffalo Springfield und CSNY schon auf Platte gehört, bevor sie sich in Fort William überhaupt persönlich kennen lernten. Auch Richie Furay, den Neil Young im November 1965 in New York traf, als er eigentlich Stephen Stills besuchen wollte, hätte er schon vorher auf „High Flyin' Bird“ singen gehört.

Wie auch immer: „High Flyin' Bird“ ist ganz unzweifelhaft ein früher Kristallisationspunkt in der Karriere von Neil Young. Ein Highlight des kommenden „Americana“-Albums ist er daher allemal. Nur schade, dass Stephen Stills auf der Aufnahme nicht mitsingt. Den Kreis vollständig zu schließen, hat Neil Young leider verpasst.


Joan Toliver  - High Flyin' Bird 1963 (First Version ever recorded)




Au Go-Go Singers - High Flyin' Bird 1964 (Ausschnitt)






Billy Edd Wheeler - High Flyin' Bird 1967





St. George & Tana - High Flying Bird 1967





Jefferson Airplane - High Flyin' Bird 1967 at Montery Festival






Richie Havens - High Flyin' Bird 1969





Judy Henske im Trailer zum Film "Hootnanny Hoot" 1963






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