Mittwoch, 19. Januar 2011

Vor 40 Jahren: Meilenstein "Live at Massey Hall“

Heute vor genau 40 Jahren, am 19. Januar 1971, trat Neil Young im kanadischen Toronto auf – seiner Geburtsstadt. In der altehrwürdigen „Massey Hall“ in der Victoria Street in Downtown Tororonto (Link zu Google-Streetview) absolvierte er an diesem Tag im Rahmen seiner „Journey through the Past Solo Tour“ gleich zwei Auftritte, die von Youngs damaligem Produzenten David Briggs aufgezeichnet wurden. Die Aufnahme der Late Show erschien dann 36 Jahre später unter dem Titel „Live at Massey Hall 1971“ als zweite CD der „Archives Performance Serie“.

Zur bei Neil Young typischen Verwirrung trägt der Umstand bei, dass diese zweite CD offiziell als „Volume 03“ der Serie veröffentlicht wurde. “Volume 00“ - Live at Canterbury House 1968 – erschien aber erst danach und „Volume 02“ - Live at the Riverboat 1969 – ist Teil der "Archives Vol. 1" und wurde zudem mit unterschiedlichen Previewtracks auf Bonus-CDs einigen Varianten des Albums „Chrome Dreams II“ von 2009 beigelegt, das seinerseits wiederum eine um ein paar Songs ergänzte Neuauflage des unveröffentlichten Albums „Chrome Dreams“ von 1977 war, dessen Songs allerdings zum großen Teil aber auch schon auf anderen Alben enthalten waren. Alles klar?

CD-Cover
Dabei waren schon 1971 die Umstände rund um die Aufzeichnung der Massey-Hall-Show nicht weniger verwirrend. Ursprünglich plante Neil Young nämlich ein Live-Album als Nachfolger von „After the Gold Rush“ aus dem Jahr 1970. Diese Live-Album sollte im März 1971 mit Material der „Journey through the Past Solo Tour“ und eines Konzerts mit „Crazy Horse“ im Fillmore East von 1970 erscheinen. Im Streit mit seinem Produzenten David Briggs, der das Live-Album produzieren wollte, entschied sich Young dann aber dagegen und für die Veröffentlichung eines Studio-Albums, das unter dem Titel „Harvest“ im Februar 1972 auf den Markt kam und nicht mehr von Briggs produziert wurde. Fünf Songs des dann von Elliot Mazer produzierten "Harvest" gehörten bereits zur Setlist der "Massey Hall"-Show.

Die 'Massey Hall' in Toronto heute
Neil Youngs Fans kamen 1971 dann aber trotzdem in den Genuss eines Live-Albums: Im April 1971 veröffentlichte Atlantic Records das CSN&Y-Live-Album „4 Way Street“ – Nachdem sich das Quartett zu Gunsten ihrer jeweiligen Solo-Projekte im Sommer 1970 eigentlich schon aufgelöst hatte. Die auf "4 Way Street" von Neil Young akustisch und solo präsentierten Titel “Cowgirl in the Sand," "Don't Let It Bring You Down," and "Down By the River" entsprechen im Arrangement weitgehend den Versionen aus der "Massey Hall". Die "Massey Hall"-Versionen von "Journey Through the Past" and "Love In Mind" wiederum entsprechen den Versionen, die dann 1973 auf den Album “Time Fades Away”, erschienen – dem einzigen Album, dessen CD-Wiederveröffentlichung immer noch aussteht.

Die für das 1971-er Live-Album geplante Aufnahme von "The Needle and the Damage Done" erschien dann seltsamerweise auf dem „Harvest“- Studio-Album, das das Live-Album ersetzte. Die Live-Aufnahmen des Konzerts im Fillmore East von 1970 wurden übrigens auch noch veröffentlicht: Im Jahr 2006 als „Volumne 02“ im Rahmen der oben bereits erwähnten „Archives Performance Serie“. Immer noch alles klar?

Nur der Vollständigkeit halber: Der in der "Massey Hall" vorgestellte Song "See the Sky About to Rain” erschien als Studioversion 1974 auf „On The Beach“ und "Dance Dance Dance" erst 1977 - inzwischen in "Love is a Rose" umgeschrieben - auf „Decade“ sowie 1971 als Cover auf dem Solo-Album von „Crazy Horse“. Als einziger Song der „Massey Hall“-Show blieb "Bad Fog of Loneliness“ bis zum 2007er Release der „Massy Hall“-CD ohne jede Veröffentlichung.

Für alle, die jetzt den Überblick verloren haben, hier ein Schema mit den Songs des „Massey Hall“-Konzerts und wo sie später veröffentlicht wurden (Draufklicken zum Vergrößern):


Musikalisch bedeutete die „Journey through the Past Solo Tour“ den endgültigen und auch internationalen Durchbruch Neil Youngs als Solo-Künstler. Wie seine drei Partner von CSNY hatte auch er nach der Bandauflösung 1970 mit „After the Gold Rush“ ein Solo-Album vorgelegt, das es wie die Alben der anderen drei unter die TOP-15 der US-Charts schaffte. Dabei war Stephen Stills mit Platz 3 seines Debüts und einer weiteren TOP-10 Platzierung seines Zweitwerks kommerziell allerdings wesentlich erfolgreicher.

Die Journey-Tour mit ihren vielen neuen, unveröffentlichten Songs brachte Young aber durchweg begeisterte Kritiken und eine Einladung in die populäre „Johnny Cash TV Show“ nach Nashville ein, wo er am 17. Februar "The Needle and the Damage Done" und "Journey Through the Past" live dem Fernsehpublikum präsentierte. Nur fünf Tage später folgten dann mit zwei Konzerten im Shepherds Bush BBC-Television Theatre (Link zu Google-Streetview) und der „Royal Festival Hall” (Link zu Google-Streetview) in London die ersten eigenen Auslandsauftritte, sieht man einmal von Shows zusammen mit CSN&Y ab. Die BBC-Show vom 23. Februar(!) 1971 ist heute auf DVD unter dem Titel "Hot Summer(!) Nights in London" erhältlich - vielleicht war der Londoner Februar damals ja besonders heiß ...

DVD des Londoner'
Konzerts von 1971
Die beiden Termine in Nashville und London nutzte Young auch gleich für Studioaufnahmen zum Harvest-Album. In Nashville spannte er dazu in den "Quadrofonic Sound Studios" (Link zu Google-Streetview) des Produzenten Elliot Mazer, den er auf einer Party nach der Cash-Show kennen lernte, gleich die beiden anderen Gäste der "Johnny-Cash-Show" - James Taylor und Linda Ronstadt - als Backgroundsänger ein. In London wurde sogar das "London Symphonic Orchestra" verpflichtet, das unter Produzent Jack Nietzsche in der "Barking Town Hall" (Link zu Google-Streetview) die Orchestertracks für "A Man Needs A Maid" und "There's A World" aufnahm.

Fünf Songs der neuen Songs von Journey-Tour bildeten damit das Grundgerüst des kommerziell sehr erfolgreichen Albums "Harvest". Das auf der Tour erstmals präsentierte „Heart of Gold“ sollte sogar Youngs einziger Nummer-Eins-Hit seiner Karriere werden. Überschattet wurde die Tour durch Neil Youngs Rückenleiden, das ihn dazu zwang, die Konzerte teilweise mit einem Stützkorsett zu absolvieren. Der Musiker hatte sich kurz zuvor am Rücken verletzt, als er auf seiner neu erworbenen Ranch Bauholz gehoben hatte. Die Rückenverletzung gilt auch als eigentlicher Anlass für die Solo-Tour, da ihm ein Spiel im Stehen mit umgehängter E-Gitarre bei einer Crazy-Horse-Tour physisch nicht möglich war. Eine im August 1971 notwendige Bandscheibenoperation verzögerte zudem die Fertigstellung des Harvest-Albums bis ins Jahr 1972.

Wie "Live at Massey Hall" deutlich macht, war Young trotz dieser gesundheitlichen Probleme stimmlich sowie in seinem Spiel auf akustischer Gitarre und Klavier auf höchstem Niveau. Die Atmosphäre der Show und Youngs Bühnenpräsenz sind unvergleichlich. Der sonst eher wortkarge Musiker zeigt sich zudem ausgesprochen redselig. Das liegt zum Einen sicher am Publikum, das dem gebürtigen Torontoer in seiner alten Heimatstadt einen warmen Empfang bereitete und sogar einen Kanadabezug in "Journey through the Past" mit Sonderapplaus beklatschte. Zum Anderen lebt das Album von Neil Youngs besonderer Spielfreude an diesem Abend - offenbar beseelt durch den Auftritt in seiner Geburtsstadt und der eigenen Begeisterung über die neuen Songs, die zum Teil noch wie erste Skizzen und dadurch noch wesentlich intensiver als die durcharrangierten und zum teil symphonisch beladenen "Harvest"-Fassungen wirken. Bemerkenswert ist vor allem die Pianoversion von "Heart of Gold" am Ende des Medleys mit "A Man Needs A Maid".

Eine schöne Anekdote lieferte Neil Young bei der Ansage zu "Bad Fog of Loneliness“, das er angeblich speziell für die "Johnny Cash TV Show" schrieb, zu der ihn Cash eingeladen habe. Der Auftritt sei aber dann gecancelt worden, nachdem das Stück fertig war. Später habe ihn Johnny Cash dann wieder engagiert. Diese Cash-TV-Show sei in einigen Wochen, dann werde er das Stück aber nicht noch einmal spielen - es sei jetzt schon zu alt. Tatsächlich erschien "Bad Fog Of Loneliness" dann auch erst 36 Jahre später auf CD.


Video: Neil Young 1971 in der "Johnny Cash TV Show"






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