Oktober 23, 2026

Am Fluss: Neil Young-Cover aus der alten Sowjetunion

Die Weltlage vor 50 Jahren kommt einem heute erstaunlich vertraut vor: In Afrika verschärften sowjetisch-kubanische Inter­ventionen und amerikanische Gegen­maßnahmen regionale Kon­flik­te, allen voran in Angola. Im Nahen Osten tobte der Liba­nesische Bürgerkrieg, in den Syrien im Juni 1976 mili­tärisch eingriff, um den Einfluss der PLO einzudämmen. Die westlichen Industriestaaten kämpften noch immer mit den Folgen des ersten Ölpreisschocks. Arbeitslosigkeit und hohe Inflation zugleich stellten die Regierungen vor kaum lösbare Probleme. Hinzu kam, dass sich die Ent­span­nungs­politik zwischen Moskau und Washington spürbar abkühlte und der Kalte Krieg wieder Fahrt aufnahm.

Umso verblüffender, dass ausgerechnet in dieser Situation in Leonid Breschnews Sowjetunion mit "Down By The River" eine Neil Young-Coverversion erschien, noch dazu in englischer Sprache (Video oben, ab 6:27). Sie ist bislang die einzige sowjetische Perle in der Rusted Moon-Coverdatenbank. Eingespielt hat sie das Vokal-Instrumental-Ensemble "Dielo" (russisch Диэло) aus Tiflis, der Hauptstadt der damaligen Georgischen Sowjetrepublik. Bereits 1961 unter anderem von Wachtang Kikabidse gegründet, trug es seit 1962 den Namen "Dielo", was sich etwa mit "Lied, das dem Sonnenaufgang entgegenfliegt" übersetzen lässt. Kikabidse wechselte übrigens 1967 zu "Orera" und wurde später einer der bekanntesten Sänger und Schauspieler der Sowjetunion.

Markenzeichen von "Dielo" war der mehrstimmige Gesang, der traditionelle georgische Polyphonie mit Pop, Jazz-Harmonien und klassischen Einflüssen verband. Zum Repertoire gehörten moderne sowjetische Lieder, Bearbeitungen georgischer und internationaler Volksmusik, Beatles-Coverversionen und Instrumentalstücke im Stil von Herb Alpert. Die Alben erschienen auf dem sowjetischen Staatslabel Melodija.

So auch "Dielo '76", auf dessen Cover die Band auf einem alten Auto posiert. Neil Youngs "Down By The River" trägt dort, obwohl englisch gesungen, den russischen Titel "У реки" ("Am Fluss"), versehen mit dem Vermerk "Musik und Text: N. Young". Solist ist Michail Popchadse, der in der Band auch Bassgitarre spielte. Auf derselben Platte finden sich Eigenkompositionen von Amiran Ebralidse und Schlager des Moskauer Komponisten Wjatscheslaw Dobrynin. Das wunderbar soulig präsentierte Neil Young-Cover lief also zwischen Sowjet-Hits und Folklore. Interessanterweise wurde das tödliche Drama am Fluss textlich deutlich entschärft. Aus "I shot my baby" wurde "I shout to my lady". Das Geständnis "shot her dead" des Ich-Erzählers wurde gestrichen.

Bemerkenswert ist, dass Young überhaupt als Autor genannt wird. Verpflichtet war Melodija dazu nicht: Zwar war die UdSSR 1973 dem Welturheberrechtsabkommen beigetreten, und im selben Jahr entstand mit der VAAP eine staatliche Agentur, die den Rechteverkehr mit dem Ausland monopolisierte. Ironischerweise schützte das Abkommen in der Sowjetunion aber nur ausländische Werke, die nach dem Beitritt erschienen waren. "Down By The River" stammt bereits von 1969 und war damit dort frei verwendbar. Rubel aus Moskau dürften auf Neil Youngs Tantiemenkonto also kaum geflossen sein.

Ähnliche Artikel:

  1. US-Außenminister rockt mit Neil Young-Song in Kiew
  2. Wikileaks enthüllt: Kalter Diplomatenkrieg wegen Neil Young
  3. "Neil Young and The Squires" - Die ukrainischen Wurzeln

0 comments :

Kommentar veröffentlichen

Wenn du auf meinem Blog Kommentare postest, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung (https://www.rusted-moon.com/p/impressum.html) und in der Datenschutzerklärung von Google.