Samstag, 14. Januar 2017

Bitte anschnallen: Alles über Neil Youngs Gitarrengurt

Neil Young Guitar Strap
Neben der schwarzen Gibson "Old Black" gehört der breite Gitarrengurt mit den auffälligen weißen Peace-Zeichen und Friedens­tauben zu den wohl bekanntesten Marken­zeichen Neil Youngs. Den Gurt, der 2017 sein 40-jähriges Bühnenjubiläum feiert, verbinden viele Fans ausschließlich mit "Neil Young & Crazy Horse". Dabei sind Herkunft und die vielen Veränderungen dieses Gitarrengurts so komplex und verworren wie die lange Karriere Neil Young selbst - "There is more to the picture than meets the eye ..."

Der Gurt war zwar immer an Neil Youngs Gibson Les Paul "Old Black" befestigt - aber keineswegs zu jeder Zeit und auf jeder Tour. Er stammt auch nicht direkt aus der "Rust Never Sleeps"-Ära mit "Crazy Horse", sondern kam zuvor bereits bei zwei anderen Bands zum Einsatz. Und im Verlauf seiner nun 40-jährigen Verwendung kam er in die Änderungs­schnei­derei und durchlebte wundersame Metamorphosen. Mit seinem zerfetzten und fadenscheinigen Äußeren sieht der Gitarrengurt heute aus, als hätten ihn Archäologen in den staubigen Überresten einer untergegangenen Rockmusik-Arena ausgegraben. Wer das auseinander­fallende Stück Textil auf der letzten "Rebel Content Tour" live gesehen hat, wundert sich, dass es die schwere Gibson-Gitarre überhaupt noch halten kann.

Höchste Zeit also, die Geschichte des legendären Gurts einmal ausführlich zu beleuchten. "Rusted Moon" hat dazu alle Daten & Fakten zu dem wohl berühmtesten Gitarren­gurt der Rockgeschichte recherchiert und stellt seine Herkunft, den Einsatz in Neil Young verschiedenen Karriere­abschnitten sowie seine zahlreichen Veränderungen detailliert da. [Weiter: Die Geschichte von Neil Youngs Gitarrengurt ...]


Das Original


ACE Peace & Doves guitar strap
Neil Youngs "Peace & Dove"-Gitarrengurt ist ursprünglich ein ganz normales Serienmodell der US-amerikanischen Firma "ACE Musical Strap, Co." mit Sitz in Chicago. ACE war in den goldenen Zeiten der Rockmusik neben "Bobby Lee" der bekannteste Hersteller von Gurten für Gitarren und andere Musikinstrumente. Die Gurte von ACE wurden von vielen berühmten Musikern verwendet. Im Programm der schon lange vom Markt verschwundenen Firma waren Dutzende Modelle mit einer unüberschaubaren Vielfalt an Mustern, Ornamenten und Materialien. Zum Klassiker im ACE-Sortiment wurde der rotgemusterte Gurt, den Jimi Hendrix 1969 bei seinem Auftritt beim Woodstock-Festival an seiner Stratocaster hatte.

Das Modell mit den auffälligen Peace-Zeichen und den Friedenstauben im Wechsel brachte ACE Ende der 1960er Jahre auf dem Höhepunkt der Hippie-Ära heraus. Er war in den Farben Schwarz, Blau, Rot und Braun erhältlich. Bei allen Varianten waren die Symbole in Weiß auf den gewebten Grundstoff aufgedruckt. Die Gurtenden bestanden in jeder Farbvariante aus weißem Leder. Die Rückseite des Gurts bestand aus weißem Kunstleder auf einer dünnen geschäumten Schicht. Die sollte den Tragekomfort erhöhen, fing aber nach einer gewissen Zeit an zu zerbröseln.


Ein Vorgänger aus Jeans


Neil Young 1976
Neil Young 1976
In der Zeit unmittelbar bevor der "Peace & Dove"-Gurt auftauchte, hängte Neil Young seine "Old Black" gerne an einen Gitarrengurt aus blauem Jeans-Stoff. Dieser Gurt war mit 3 Zoll um einiges breiter als die sonst üblichen 2-Zoll-Gurte. Er hatte als Besonderheit vorne eine Tasche aufgenäht - ebenfalls aus Jeans-Stoff. Die Gurtenden waren aber nicht aus Leder oder mit Leder verstärkt. Die Gurtpins der Gitarre steckten direkt im Stoff.

Diesen Jeans-Gurt benutzte Young für "Old Black" im Jahr 1976 während der Tourneen mit "Crazy Horse" in Europa, Japan und den USA. Auch sein Neil Youngs allererstes Deutschlandkonzert mit "Crazy Horse" in Eppelheim bestritt er mit diesem Gurt. Jeans-Gurte kamen bei dem Kanadier aber bereits in den Jahren zuvor, hauptsächlich bei seinen Akustikgitarren zum Einsatz. Ob der 1976er Jeans-Gitarrengurt für "Old Black" selbst geschneidert war oder von einem der damals bekannten Gurthersteller stammte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.


Neil Youngs Gurtwende von 1977


Neil Young 1977
Neil Young & "The Ducks" 1977 
Als sich Neil Young im Sommer 1977 überraschend mit Johnny Craviotto, Bob Mosley und Jeff Blackburn zur Band "The Ducks" zusammentat und in kleinen Clubs in und um den kalifornischen Küstenort Santa Cruz spielte, war der Jeans-Gurt zunächst immer noch im Einsatz. Aber mitten in dem nur siebenwöchigen Intermezzo mit "The Ducks" wechselte Neil Young dann zum "Peace & Dove"-Gurt. Fotos aus dem Club "The Catalyst" belegen das erstmals Ende Juli 1977. "Old Black" - damals mit dem für die "Ducks"-Ära typischen Santa-Cruz-Aufkleber verziert - hatte damals seine Hochzeitsnacht mit dem berühmten Gitarrengurt.

Nachdem der kurze "Sommer mit den Ducks" Anfang September 1977 schon wieder zu Ende war, wandte sich Neil Young seinen zahlreichen anderen Projekten zu. Bis November beendete er sein Album "Comes A Time", das dann im darauf folgenden Juli erschien. Im Mai 1978 spielte er zehn akustische Solo-Shows am Stück im "The Boarding House" in San Francisco - übrigens mit dem Jeans-Gürtel an seiner damals brandneuen Taylor 12-String Gitarre.

Neil Young 1977
Neil Young & "DEVO" 1977
Danach startete Neil Young die Produktion seiner bizarren Filmkomödie "Human Highway", die erst vier Jahre später fertig wurde und in die er eine Menge privates Geld investierte. Direkt im Anschluss an die Shows im "The Boarding House" ging er mit der New-Wave-Band "DEVO" ins Studio, wo er eine schräge Version seines Klassiker "Hey Hey, My My" filmte. Die Szene ist eines der Highlights in "Human Highway".

Die Filmszene belegt aber auch: Der "Peace & Dove"-Gürtel aus der "Ducks"-Ära" hing immer noch die Gibson "Old Black". Auch der "Santa Cruz"-Aufkleber pappte noch auf der Gitarre. "DEVO" war damit schon die zweite, in der Neil Young den berühmten Gürtel zum Einsatz brachte.


Jeans meets Peace bei Rust Never Sleeps


Neil Young 1978
Rust Never Sleeps 1978
Musikalisch wandte sich Neil Young 1978 wieder seinen Kumpels von "Crazy Horse" zu. Mit denen startete er im September und Oktober die legendäre "Rust Never Sleeps"-Tour, für die er sich ein besonderes Bühnendesign mit Riesen­verstärkern und Showelementen mit verkleideten Roadies ausgedacht hatte. Sein eigenes Bühnenoutfit bestand aus weißer Kleidung mit Hosen­trägern und dem schwarz-weißen "Peace & Dove"-Gurt zu "Old Black". An den Gurt hatte sich Neil Young zudem einen großen Button mit dem Portrait von Jimi Hendrix gesteckt.

Allerdings war es zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr der Standardgurt von ACE, wie Young ihn mit den "Ducks" und "Devo" benutzte. Für die "Rust Never Sleeps"-Tour fügte er den Jeans-Gurt von 1976 und den "Peace & Dove"-Gurt zu einem sonderbaren Homunkulus zusammen. Dazu ließ sich der Musiker den Stoff mit den Peace-Zeichen und den Friedens­tauben auf die Unterlage aus Jeans nähen  - und das nicht gerade mit eleganter Nadelführung. Das Ganze sieht eher nach Heimarbeit, als nach professionellem Schneider­handwerk aus. Außerdem drehte er den Jeans-Gurt um. Statt mit der aufgenähten Tasche nach vorn, wie er ihn 1976 verwendet hatte, war nun das Gurtende mit dem Verstellmechanismus vorne. Der aufgenähte "Peace & Dove"-Gurt darüber hatte ebenfalls seine Verstellschnalle vorne. Diese verdrehte Konstruktion erlaubt es, die Gurtlänge trotz der Doppellage weiterhin zu variieren. 

Durch den Erfolg der "Rust Never Sleeps"-Tour, das dabei aufgenommene Live-Album "Live Rust" - mit dem Gurt auf dem Cover-  sowie den auf der Tour entstandenen Konzertfilm ist der "Peace & Dove"-Gitarrengurt schließlich zu einem zentralen Bestandteil der Neil Young-Ikonografie geworden.


Die Zwischenzeit


Neil Young 1985
International Harvesters, 1985
Im Anschluss an die "Rust Never Sleeps"-Tour hängt der Gurt zunächst für drei Jahre am Haken. Nach der Geburt seines behindert zur Welt gekommenen Sohnes Ben geht Neil Young erst 1982 wieder auf Tour. Natürlich mit dabei: Der "Peace & Dove"-Gurt. Der wirkte aber inmitten der Synthesizer und Vocoder-Welt der "Trans"-Tour und in Kombination mit Youngs Bühnenoutfit mit New Wave-Frisur und Krawatte wie ein unpassendes Relikt aus guten alten Rockerzeiten.

Den genau gegenteiligen Effekt bewirkte der Gurt dagegen 1984 und 1985 während der Tour mit den "International Harvesters". Damals stritt sich Neil Young mit seiner Plattenfirma Geffen Records herum und tingelte aus Trotz mit einer Truppe von Country-Musikern durch die Lande. Auch bei den Konzerten auf Country-Fairs und vor konservativem Landpublikum muss der markante Gitarrengurt mit seinen Hippie-Symbolen wie aus einer anderen Welt erschienen sein.

Neil Young 1986
Inka-Gitarrengurt 1986
In den folgenden Jahren war der "Peace & Dove"-Gurt aber keineswegs bei jeder Tour an "Old Black" befestigt. Immer wieder tauchten auch andere Gurte auf, mit denen Neil Young seine ikonische schwarze Les Paul auf Bauchhöhe hielt. Bei der "Rusted Out Garage"-Tour 1986 zum Beispiel kam ein überbreiter Doppelgurt mit Fransen zum Einsatz, der mit auffälligen Inka-Ornamenten wie gestickten Lamas verziert war. Dieser Inka-Gurt war auch 1987 und 1988 bei der Tour mit den Bluenotes im Gepäck. Auch mit der Backingband "The Restless" 1989 kam er zum Einsatz. 

1991 während der "Smell The Horse"-Tour wechselte Neil Young dann wieder zurück zum "Peace & Dove"-Gurt zurück. Der erhielt in dieser Zeit neue Gurtenden aus schwarzem Leder, mit denen der Jeans-Stoff an den Stellen verstärkt wurde, wo die Gurtpins der Gitarre einrasten. Die weißen Lederenden des ursprünglichen ACE-Gurtes, die bis dahin nur lose über dem Jeans-Stoff flatterten, wurden dabei mit dem schwarzen Leder der neuen Gurtenden vernäht.


Für Bob Dylan stellt Neil Youngs den Gurt auf den Kopf


Neil Young 1992
Neil Young beim Bobfest 1992
Die nächste größere Änderung an seinem Gitarrengurt nahm Neil Young dann im September 1992 vor. In dem Jahr war er auf vier Solo-Tourneen eigentlich nur mit Akustikgitarren unterwegs und bewarb sein neues Album "Harvest Moon". Seine elektrische "Old Black" kam 1992 hauptsächlich beim "Bobfest", dem All-Star-Konzert zum 30. Bühnenjubiläum von Bob Dylan im Madison Square Garden in New York zum Einsatz. Dort spielte er mit "Booker T. & The MGs" als Begleitband zwei Dylan-Songs und steuerte auf "Old Black" beim Finale mit allen Stars ein Gitarrensolo in "My Back Pages" bei.

Das Besondere an dem Auftritt: Die Peace-Zeichen und Friedenstauben auf dem Gurt standen auf einmal auf dem Kopf. Neil Young hatte seinen berühmten Gurt einfach andersherum an seiner Gitarre befestigt. Über die Gründe kann nur spekuliert werden: Entweder wollte Neil Young damit eine Art Verbeugung vor Bob Dylan, dem musikalischen Anführer der Friedensbewegung der 1960er Jahre, andeuten. Es könnte aber auch als Symbol für die Orientierungslosigkeit gewesen sein, in der sich die Friedensbewegung drei Jahre nach dem Mauerfall und dem vermeintlichen Ende des Kalten Krieges befand. Vielleicht gab es aber auch nur ganz profane Gründe für den Kopfstand des Gurtes - etwa weil ein Loch für den Gurtpin ausgeleiert war oder die Schnalle für den Verstellmechanismus unangenehm auf Youngs Schulter drückte. Vielleicht folgte Neil Young aber auch wieder einmal einfach nur seiner Muse. 

Was letztlich auch immer für diese Änderung gesorgt hat, Neil Young trägt seinen "Peace & Dove"-Gurt bis heute in dieser Form. Er hat ihn nie wieder in die ursprüngliche Lage gedreht. Seit 1992 spielt Neil Young mit auf dem Kopf stehenden Friedenssymbolen.


The History of Neil Young's guitar strap
Die Geschichte von Neil Youngs "Peace & Dove"-Gitarrengurt



Neil Young-Gurt als Nachbau kaufen


Wer sich einen "Peace & Dove"-Gurt für seine eigene Gitarre, als Kameragurt oder für andere Einsatzzwecke zulegen will, kann Nachbauten im Handel kaufen. Hin und wieder tauchen auch alte Originalgurte von ACE bei Ebay oder auf anderen Online-Plattformen auf. Dann muss man aber schon mehr als 200 Dollar investieren.

Neil Youngs Gurt als Replika
Nachbauten dagegen kosten bei Souldier um die 65 Dollar plus Versand. Dafür ist man sehr nahe am Original. Die Firma hat nämlich Restbestände der alten Stoffe von ACE und Bobby Lee aufgekauft und produziert damit die Repliken in Handarbeit. Neil Youngs Gitarrengurt gibt es in den vier Originalfarben Schwarz, Rot, Blau und Braun. Die Farbe der Gurtenden und der Rückseite kann Schwarz oder Weiß sein. Souldier bietet das Peace & Dove Muster übrigens auch für Hundehalsbänder und Hosengürtel an.

Eine preiswertere Variante von Neil Youngs-Originalgurt hat der Hersteller D'Andrea Ace im Programm. Auch dort stellt man Nachbauten der alten ACE-Gurte her, allerdings ohne Zugriff auf die alten Originalstoffe zu haben. Neil Youngs "Peace & Dove"-Gurt gibt es auch in Deutschland zum Schnäppchenpreis von 19,90 EuroDer preiswerte D'Andrea-Nachbau eignet sich auch gut, um mit einem eigenen Neil Young-Gurt zu experimentieren: Einfach auseinander schneiden und auf einen passenden Jeans-Stoff aufnähen. Ob mit Peace-Zeichen auf dem Kopf oder nicht, muss jeder selber entscheiden ...


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