Freitag, 28. Oktober 2011

Neil Youngs One-Night-Stand in der wackligen Scheune

Von allen Bands, in denen Neil Young zu Beginn seiner langen Karriere spielte, war wohl "Four To Go" die mit Abstand erfolgloseste. In dem knappen Vierteljahr ihrer Existenz hatten sie nur einen einzigen Auftritt. Das gilt zwar auch für Neil Youngs erste Band "The Jades", aber da waren alle Mitglieder ja noch Teenager. Mit "Four To Go" dagegen, wollte der damals 20-jährige Neil Young als richtiger Profimusiker in Toronto Erfolg haben.

Die Band hatte mit Martin Onrot sogar einen Manager. Der konnte zwar anderen Künstlern zu Auftritten und Plattenaufnahmen verhelfen, bei "Four To Go" bleiben jedoch alle Bemühungen erfolglos. Fast alle! Denn ein einziges Mal, am Vorabend von Allerheiligen, am 31. Oktober 1965, sollte "Four To Go" doch noch auf einer richtigen Bühne und vor Publikum stehen.

Halloween-Party 2011
Allerdings stand der Aufritt in einer für den Aprés-Ski-umgebauten Scheune im Ski-Gebiet von Killington im US-Bundesstaat Vermont statt. Der Gig im sogenannten "Wobbly Barn" stand unter einem ebenso schlechten Stern wie die gesamte "Karriere" dieser unglücklichen Band.

Am 29. Oktober 2011 feiert die die "Wobbly Barn" ihre diesjährige große Halloween-Party. Ein guter Anlass, um mit einem großen Halloween-Special an Neil Youngs von Legenden umranktes Desaster im Oktober 1965 zu erinnern:


Ausgangslage: Harte Zeiten in Toronto

Willkommen ohne Erfolg
"Four To Go" gründete Neil Young im Spätsommer 1965 in Toronto, als er die "Squires" in Fort William verlassen hatte, dann aber mit seinem alten Leichenwagen "Mort" wegen eines Getriebeschadens in Blind River strandete. Nachdem ihm Vater Scott Young in Toronto Unterkunft gewährte, fanden schließlich auch sein treuer Bassist Ken Koblun und Bob Clark, Drummer der "Squires", den Weg nach Ontario.

Terry Erickson, den Neil Young ein paar Wochen zuvor von Fort William nach Sadbury fahren wollte, ehe das Getriebe streikte, spielte die zweite Gitarre. Er und Clark wurden aber schon wenig später durch Geordie McDonald und Jim Ackroyd ersetzt. Martin Onrot, der als Manager auch die Folk-Gruppe "Allan-Ward-Trio" betreute, sollte die Karriere vorantreiben. Die Band probte in einem alten Kinosaal, für den Vater Scott Young anfangs die Miete zahlte. Neil Young schrieb eine Reihe von Liedern, darunter "The Rent Is Always Due", "Nowadays Clancy Can't Even Sing" und "Extra, Extra", die bis auf wenige Ausnahmen unveröffentlicht bleiben.

Trotz aller Bemühungen und gewissenhaften Probens ließ der Erfolg auf sich warten. In Toronto, zur damaligen Zeit ein Zentrum der Rock- und Folkmusik, war der Musiker aus der kanadischen Provinz nur einer von vielen. Seine Musik passte zudem weder richtig in die Rockschiene noch in die aufblühende Folkszene um Joni Mitchell, Phil Ochs oder Gordon Lightfoot. Folk-Rock - ein Mix aus beiden Genres - kam erst später in Mode. Die vier Jungs von "Four To Go" hielten sich mühsam mit anderen Projekten oder Aushilfsjobs über Wasser. Neil Young jobbte für fünf Wochen im Lager eines Buchladens.

Frustriert vom ausbleibenden Erfolg der Band verkauft er im November 1965 sogar seine geliebte elektrische Gretsch 6120 und begann, mit akustischer Gitarre als Solo-Künstler in Folk-Clubs zu spielen. Auch das ohne großen Erfolg.


Der Gig im Skigebiet

Bitte Umsteigen: Greyhound
Busterminal in Buffalo, NY
Mitten in diese triste Karrierephase ereilte die erfolglosen Vier dann doch noch der Ruf auf die Bühne. Das "Wobbly Barn", ein Après-Ski-Lokal in Killington, buchte "Four To Go" als Live-Band. Die Jungs sollten zunächst einen Abend zur Probe spielen und bei Erfolg für die gesamte Ski-Saison engagiert werden.

Das genaue Datum des Gigs wird unterschiedlich angegeben. Jimmy McDonough nennt in "Shakey" den 30. Oktober, während Johnny Rogan in "Zero To Sixty" den Vorabend von Allerheiligen als Auftrittsdatum angibt. Das wäre der 31. Oktober, weil Allerheiligen auf den 1. November fällt. Rogans Darstellung klingt zudem plausibler: Zum Einen fiel im Jahr 1965 der 31. Oktober auf einen Freitag, an dem zur Vorsaison in einer Kneipe Livemusik wahrscheinlicher ist, als unter der Woche Donnerstags. Zum Anderen ist am 31. Oktober Halloween, das im "Wobbly Barn" bis heute mit einer zünftigen Party und Livemusik gefeiert wird. Rogan schreibt weiter, dass die Band am nächsten Tag abreiste. Neil Youngs Weiterreise nach New York datiert er auf den 1. November, was ebenfalls für den 31. Oktober als Auftrittsdatum spricht.

Auch zum Hintergrund dieses überraschenden Angebots gibt es zwei Versionen: Nach Darstellung von John Einarson in seinem Buch "Don't Be Denied" ging es auf einen Auftritt zurück, den Drummer Geordie McDonald im Jahr zuvor mit einer Jazz-Band in der Ski-Scheune hatte. Neils Vater Scott Young dagegen schrieb in "Neil and Me" Manager Martin Onrott den Vermittlungserfolg zu.

Wer letztlich auch immer für den Gig verantwortlich war, er tat der Band damit keinen Gefallen. Das Unglück begann schon damit, dass Gitarrist Jim Ackroyd mit einer anderen Band unterwegs war. Also machten sich die "Four To Go" nur noch zu dritt auf nach Vermont. Neils Vater Scott fuhr, wie er selber berichtete, die drei Jungs mitsamt ihrem Equipment zum Greyhound Busbahnhof, von wo es - mit Umsteigen in Buffalo - mühselig ins Skigebiet ging.

Pistenschilder  in Killington
(Sharry W. fuhr "Outer Limits"!)
Dort angekommen stieß man auf einen Manager, der musikalisch anscheinend etwas ganz anderes erwartet hatte. Beim Soundcheck fragte er die Band, ob sie auch den Hit "La Bamba" spielen könne, und sorgte damit für erstes Widerwillen. Neil Youngs Laune besserte sich nicht, als beim abendlichen Auftritt nach Darstellung von Geordie McDonald ein betrunkener Zuschauer für eine zerrissene Saite auf Youngs Gitarre sorgte. "Four To Go" zogen den Gig wenig begeistert durch.

Neil Young aber hatte genug und wollte auf keinen Fall weiter den Aprés-Ski in der "Wobbly Barn" musikalisch untermalen - und mit "La Bamba" schon gar nicht. Auch der Manager des Lokals war mit der Band unzufrieden. Und so stellte sich das einzige Engagement von Neil Youngs "Four To Go" am Ende als ein einziges großes Missverständnis heraus.

Das ist letztlich auch kaum verwunderlich, denn eine 3-köpfige Band mit Bass, Schlagzeug und elektrisch verstärkter Akustikgitarre wirkt doch etwas merkwürdig, wenn sie sich "4 To Go" nennt.  Ein Repertoire mit Songs von Bob Dylan, Phil Ochs und Neil Youngs depressive Toronto-Kompositionen - vorgetragen mit Youngs  damals noch sehr unsicheren Folkgesang passt auch nicht so wirklich zu einer Halloween-Party in einer Après-Ski-Kneipe. Die Band war zur falschen Zeit am falschen Ort. 

Übersicht Skigebiet
Drummer Geordie McDonald kehrte enttäuscht nach Toronto zurück. Neil Young und Ken Koblun führen am nächsten Tag weiter nach New York, wo man Stephen Stills besuchen wollte - dann aber nur Richie Furay in dessen Apartment antraf.

Zurück in Toronto löste Neil Young die Band auf. Etwas später machte er als Solokünstler in New York noch Demoaufnahmen für das ELEKTRA Plattenlabel, die der Firma aber nicht gut genug waren und im Regal verstaubten.

Der Ausflug nach Vermont und New York endete also, wie er begonnen hatte: in der Erfolglosigkeit.


Das "Wobbly Barn" - Eine Institution

Der Ort, an dem Neil Young und seine Band "Four To Go" an Halloween 1965 ihr Waterloo erlebten, ist noch heute nahezu unverändert erhalten. Die "Wobbly Barn" - auf Deutsch übersetzt die "wackelnde Scheune" - gehört nach wie vor zu den beliebtesten Aprés-Ski-Lokalen im Skigebiet von Killington in Vermont. Immer noch spielen jeden Abend Live-Bands und heizen den Skifahrern kräftig ein. Was ihnen offenbar auch besser gelingt, als damals Neil Young.

Erfolgreiches Après-Ski Lokal
Die "Wobbly Barn" wurde im Dezember 1963 eröffnet, also nur zwei Jahre vor dem unglückseligen Auftritt Neil Youngs. Die Betreiber hatten ein Anwesen im Skigebiet gekauft und dort eine dreistöckige Scheune als Steakhaus und Kneipe für Livemusik errichtet. Die neu gebaute Scheune dekorierten sie dann mit Sammelstücken und Einzelteilen von zehn alten Scheunen aus New England.

Bei Steaks, Bier und lauter Livemusik wackeln in der Wintersaison regelmäßig die Wände der "wackeligen Scheune" - vielleicht mit Ausnahme des Auftritts von "Four To Go"  im Jahr 1965. Dieses klassische Après-Ski-Konzept mit deftigem Essen, reichlich Trinken und lauter Musik wird seit 48 Jahren unverändert beibehalten - mit großem Erfolg. Die "Wabbly Barn" ist immer noch das Party-Zentrum der Region und Veranstaltungsort für die jährliche Saisoneröffnung.

Vielleicht ist Neil Young einfach ein paar Jahre zu früh in der "Wobbly Barn" aufgetaucht. Aber wer weiß, in welche Richtung es für ihn gegangen wäre, hätten "Four To Go" 1965 tatsächlich die ganze Wintersaison "La Bamba" gespielt. Dann würde Neil Young heute vielleicht durchs verschneite Zillertal tingeln ...


Werbevideo für Skigebiet und "Wabbly Barn":




Das wollte Neil Young nicht spielen: "La Bamba" - Hier in einer Instrumentalversion von Neil Youngs frühen Vorbildern "The Ventures":





Links:
  1. Homepage der "Wobbly Barn"
  2. Info-Seite über das Ski-Gebiet (in englisch)
  3. Biographie von Drummer Geordie McDonald

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