August 14, 2026

Memoiren der Video-Ära: Time Pope über Neil Young

Tim Pope - I Shoot Rock Stars - 2026
Am 13. August 2026 veröffentlichte der britische Musikvideo-Regisseur Tim Pope seine Memoiren "I Shoot Rock Stars: The Wild Adventures of a Music Video Director". (Affiliate-Link zu jpc) Pope gehörte in den 1980er Jahren zu den prägenden Köpfen der MTV-Generation und schuf mit seinen Clips einen unverwechselbaren visuellen Stil. In seinem Buch, für das Robert Smith von The Cure das Vorwort schrieb, widmet er Neil Young gleich zwei ausführliche und ausgesprochen unterhaltsame Kapitel. Darin blickt Pope auf ihre Zusammenarbeit während einer der turbulentesten Phasen in Youngs Karriere zurück – geprägt von kreativen Experimenten und dem erbitterten Konflikt mit Geffen Records.

Die Geschichte beginnt zu Beginn der Video-Ära im Jahr 1983, als Youngs Manager Elliot Roberts den Regisseur kontaktierte. Nach einem Telefonat mit Neil Young flog Pope nach Los Angeles, um das Video zu "Wonderin'" (Video untern) vom Album "Everybody's Rockin'" zu drehen. Der in der Londoner Punkszene verwurzelte Brite stand Young zunächst skeptisch gegenüber und sah in ihm vor allem einen Hippie-Veteran der Woodstock-Generation. Während des Flugs hörte er den Song in Endlosschleife – und landete in einer, wie der Regisseur schreibt, für ihn völlig neuen Welt.

Schon die ersten Stunden in Kalifornien hielten einige Überraschungen bereit. Im Sunset Marquis Hotel sah Pope zum ersten Mal überhaupt den Musiksender MTV und stellte verblüfft fest, dass dort bereits sechs seiner Videos in hoher Rotation liefen. Ebenso amüsant beschreibt er seine Erkenntnis, dass sich das legendäre Hollywood tatsächlich in Los Angeles befindet. Das erste Treffen mit Neil Young auf der "Broken Arrow"-Ranch verlief ebenso ungewöhnlich: Young empfing den Regisseur barfuß und in Begleitung seines Hundes Elvis. Pope stellte seine Idee für das Video vor – Young als einsamer Drifter, während die Umgebung durch eine Bildrate von lediglich 12,5 Bildern pro Sekunde in surreal beschleunigter Bewegung vorbeizieht. Young war sofort begeistert und gab ohne Zögern grünes Licht. [Weiter: Tim Pope über Neil Young ...]

Ausführlich schildert Pope anschließend die Dreharbeiten in Los Angeles. Young fuhr den Regisseur im weißen Cabrio zu möglichen Schauplätzen, während beide nach geeigneten Locations suchten. Für eine besonders skurrile Episode sorgte die Garderobe: Weil Young die von der Stylistin ausgesuchten Kleidungsstücke ablehnte, trug er kurzerhand ein psychedelisch gemustertes Schwarz-Weiß-Hemd aus Popes privatem Kleiderschrank. Erst auf dem Rückflug nach England bemerkte der Regisseur, dass sein Lieblingshemd dauerhaft den Besitzer gewechselt hatte.

Auch die Postproduktion erwies sich als Herausforderung. Die ungewöhnliche Aufnahmetechnik verlangte nach aufwendiger analoger Nachbearbeitung. Editor Tim Waddell entwickelte ein komplexes Verfahren, mit dem der gewünschte ruckelige Bildeindruck entstand – ein Effekt, der das Video unverwechselbar machte und entscheidend zu seinem Erfolg auf MTV beitrug.

Vor 40 Jahren: Das Videosprojekt zu "Landing on Water"


Ein weiterer Schwerpunkt des Buches ist das Jahr 1986. Für sein Album "Landing on Water" verfolgte Neil Young eine damals visionäre Idee: Zu sämtlichen zehn Songs des Albums sollten Musikvideos entstehen – als Beweis, dass sich ein komplettes Videoalbum auch ohne Millionenbudget realisieren lässt. Zur Vorbereitung flog Pope erneut in die USA und lebte mit seiner Freundin Reet auf der Broken Arrow Ranch, wo er einen seltenen Einblick in Youngs privates Umfeld bekam.

Mit feinem britischen Humor beschreibt Pope die eigentümliche Atmosphäre auf der Ranch. Beim Abendessen mit den Youngs traf er unter anderem auf Art Director Gary Burden, der schweigend in einer Raumecke saß, auf Bongos spielte und dann plötzlich wieder verschwand. Besonders berührend sind auch Popes Schilderungen über Neil Young und seinen Sohn Ben, der an Zerebralparese leidet und nicht sprechen kann. Er beschreibt die wortlose Verständigung der beiden beim gemeinsamen Spiel mit der Modelleisenbahn ebenso eindrucksvoll eine Autofahrt, bei der Young auf einem Freeway spontan wendete, nur um ein Fast-Food-Restaurant anzusteuern – sehr zur Freude seines Sohnes.

Das ambitionierte Videoprojekt zu "Landing on Water" scheiterte schließlich am Widerstand von Geffen Records. Das Label verweigerte die Finanzierung. Ohnehin befand es befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Rechtsstreit mit Young, dem "unkommerzielle" Musik vorgeworfen wurde. Young finanzierte die Produktion daraufhin aus eigener Tasche – allerdings reichte das Budget letztlich nur für vier Videos.

Für "Touch the Night" entstand ein komplett schnittloses Video, in dem Young einen Fernsehreporter spielte und sich während der Dreharbeiten eine Knöchelverletzung zuzog. Im Clip zu "Pressure" verkörperte er einen überforderten Familienvater und schlug sich bei einer Szene mit einem Boxhandschuh versehentlich selbst bewusstlos. Hinzu kamen "Weight of the World", in dem Young als ertrinkender Elvis-Imitator auftrat, sowie "People on the Street", das ihn als Stepptänzer durch San Francisco schickte.

Neil Young - Tim Pope - This Town Video
Neil Young & Schwein im Video zu "This Town"
Besonders reizvoll sind Popes Schilderungen jener sechs Videos, die nicht realisiert wurden. Die Ideen reichen von einem Schweinefarmer mit inzestuöser Familiengeschichte ("Drifter") über einen Außenseiter, der auf einem Atomtestgelände zum Lone Ranger mutiert ("Violent Side"), bis zu Young, der in Unterwäsche hinter einem Jeep durch die Wüste geschleift wird und dabei einen Strauß filmt ("I Got a Problem"). Hinzu kommen ein gealterter LSD-Guru ("Hippie Dream"), eine französische Farce in Las Vegas ("Hard Luck Stories") sowie ein weiteres Konzept für "Bad News Beat".

Mit "I Shoot Rock Stars" liefert Tim Pope mehr als eine Sammlung unterhaltsamer Anekdoten. Seine Erinnerungen bestätigen das Bild eines kompromisslosen Neil Young, der kreative Risiken stets höher bewertete als kommerzielle Erfolgsaussichten. Gleichzeitig dokumentiert das Buch eine außergewöhnlich experimentierfreudige Phase der Musikvideo-Geschichte – und bietet faszinierende Einblicke in eine Zusammenarbeit, die einige der ungewöhnlichsten Neil-Young-Videos der 1980er Jahre hervorbrachte.

Young und Popes Wege kreuzten sich danach noch mehrfach: Der Brite drehte 1996 noch das Video zu "This Town" vom Album "Broken Arrow", in dem neben "Crazy Horse" auch ein großes Schwein mitspielte. 2008 drehte Pope mit "Neil Young in London" einen Film über ein Konzert im Rahmen der Continental-Tour, der erst 2019 auf Youngs Archivseite veröffentlicht wurde.

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