Samstag, 8. September 2012

Neil Young, Bob Dylan und „La Bamba“ im Schnee

Neil Young, Bob Dylan, La Bamba
"Twisted Road" gehört zu den neuen Songs, die Neil Young & Crazy Horse im August zum Auftakt der Tour 2012 vorstellten. Möglicherweise wird er im Oktober auch auf dem neuen Album "Psychedelic Pill" erscheinen. In dem Song geht es um nicht weniger als Musikgeschichte: Neil Young besingt seine Musikerkollegen Bob Dylan, The Greatful Dead, Roy Orbison und wie deren Musik ihn selber beeinflusst hat.

Gleich in der ersten Strophe erinnert sich Neil Young, wie er zum ersten Mal Bob Dylans berühmten Song "Like A Rolling Stone" hörte, wie beeindruckt er davon war, wie er diese Eindrücke mit nach Hause nahm, den Song abänderte und selber spielte. Aber nichts, so singt Neil Young, komme an das Erlebnis beim allerersten Hören heran. "Like A Rolling Stone" gehört nicht ohne Grund zu den einflussreichsten Rocksongs aller Zeiten.

Rollende Steine in der wackeligen Scheune

Die Dylan-Episode in "Twisted Road" führt zurück in Neil Youngs erfolglose Zeit in Toronto von Sommer 1965 bis März 1966. Genau in dieser Zeit erschien auch Bob Dylans "Like A Rolling Stone": Die Single kam im Juli 1965 heraus. Das Album "Highway 61 Revisited" folgte Ende August. Live spielte Bob Dylan den Song erstmals auf dem Newport Folk Festival am 25. Juli 1965.

Neil Young war bereits 1963 in Winnipeg erstmals mit Bob Dylans Musik in Kontakt gekommen, bewunderte den Amerikaner wegen dessen Gitarrenspiels und seiner besonderen Stimme. Später, 1965 in Toronto, übernahm er einige von dessen akustischen Songs für sein eigenes Folk-Soloprogramm, mit dem er im Winter 1965 erfolglos durch Torontos Coffehouses tingelte.

Mit den umgruppierten "Squires", die sich in Toronto "Four To Go" nannten, spielte Neil Young zudem auch Songs von Bob Dylans erstem elektrischen Album. Für den einzigen Auftritt von Neil Youngs erfolglosester Gruppe, ein Gig am Halloween-Abend 1965 in einer Skihütte namens "Wobbly Barn" im Wintersportgebiet von Vermont, probte die Band eilig Dylans "Just Like Tom Thumb's Blues" - wie "Like A Rolling Stone" ebenfalls vom Album "Highway 61 Revisited".

The Wobbly Barn
"The Wobbly Barn" gibt's noch heute
Der Gig in der Skihütte, an den sich bei Erfolg noch ein einwöchiges Engagement anschließen sollte, geriet zu einem absoluten Desaster. Der Manager des Ladens fragte die Band gleich zur Begrüßung, ob sie auch Richie Valens Hit "La Bamba" spielen könnten, erinnert sich Drummer Geordie McDonald. Falls nein, könne man die Sache sowieso vergessen. Neil Youngs Laune, so Geordie McDonald weiter, verfinsterte sich sofort.

Der lustlos runtergespielte Gig am Abend kam dann weder beim Aprés-Ski-Publikum noch beim Manager der Skihütte gut an. Das Engagement für den Rest der Woche war somit gestorben. Am Tag darauf verließen Neil Young und Bassist Ken Koblun das Skigebiet in Richtung New York, um dort Stephen Stills zu besuchen. Drummer McDonald reiste zurück nach Toronto. Die Band "Four To Go" wurde aufgelöst.

Die traurige Episode im Schnee von Vermont kann als musikhistorischer Treppenwitz in Neil Youngs Karriere gelten: Denn genau jenes "La Bamba" inspirierte nämlich Bob Dylan zu seinem Klassiker "Like A Rolling Stone" - dem wohl wichtigsten Rocksong aller Zeiten. Bob Dylan gibt an, beim Komponieren  mit dem Riff von "La Bamba" begonnen zu haben:
"My wife and I lived in a little cabin in Woodstock, New York, which we rented. I wrote the song there. . . It just came, you know it started with that 'La Bamba' riff." (Bob Dylan, Liner Notes zum Box Set "Biograph", 1985)
Würde Neil Young "La Bamba" damals in der Ski-Hütte doch gespielt haben, hätte er diese Vorgeschichte gekannt? Es gehört wohl mit zu den kuriosesten Wendungen in Neil Youngs Karriere, dass er ausgerechnet von Bob Dylan zu einem ersten Intermezzo als Solo-Folksänger mit akustischer Gitarre inspiriert wurde, sogar dessen Songs übernahm. Dann aber ausgerechnet ein Engagement und eine Band wegen eines verweigerten Hits verlor, der Bob Dylan immerhin als Inspiration für seinen Jahrhundertsong diente.

Neil Young und Bob Dylan in Toronto

Neil Young saß 1965 in Toronto musikalisch zwischen den Stühlen. Mit den "Squires" und deren Nachfolger "Four To Go" spielte er elektrischen Folk-Rock, der aber weder zur akustischen Coffeehouse-Folk-Szene im Studentenviertel Yorkville passte, noch zum rockigen Toronto-Rocksound der Clubs in der Yonge-Street.

Neil Young geriet zunächst in den Dunstkreis der "Folkies", wohnte bei Sängerin Vicky Taylor und hing mit den Folkgitarristen David Rea und Craig Allen herum, die ihm Fingerpicking, Open Tunings und den Konsum von Haschisch beibrachten. Bob Dylan, eine der Ikonen der Folkbewegung war stets Thema dieser Clique. Erst Recht, als diese Musikikone im Sommer 1965 den unerhörten Tabubruch beging, mit einer elektrischen Gitarre auf der Bühne zu erscheinen - und das ausgerechnet auch noch mit Musikern aus Toronto. Bob Dylan hatte nämlich nach anfänglichen Experimenten mit Mitgliedern der Paul Butterfield Bluesband  "The Hawks" verpflichtet. Die später als "The Band" berühmt gewordene Truppe um Robbie Robertson und Levon Helm hatte er in Toronto gecastet, wo sie in den Clubs der Yonge-Street auftraten.

Bob Dylan und Robbie Robertson 1965
Bob Dylan und Robbie Robertson
Am 14. und 15. November 1965 kam Bob Dylan dann mit seinen Toronto Musikern im Rahmen der Tour zum Album "Highway Revisited" nach Toronto zu zwei Konzerten in der berühmten "Massey Hall". Die lokale Presse berichtete herablassend über den Folkmusiker, der mit einer "drittklassigen Yonge Street Rock'n Roll Band" spiele.

Wie auf allen Stationen der Tour, spielte Bob Dylan zunächst ein akustisches Set, dem sich ein elektrisches Set mit den neuen Titeln des elektrischen Albums anschloss. Und wie bei allen Konzerten der Tour, war "Like A Rolling Stone" das letzte Stück des Abends. Das Publikum quittierte den zweiten Teil der Konzerte mit lauten Buh-Rufen und Beschimpfungen. Sogar Früchte wurden anfangs auf die Bühne geworfen. Die Folk-Fundamentalisten wollten den Stilwechsel ihrer Ikone Bob Dylan hin zum Rock nicht akzeptieren.

Neil Young war damals Zeuge eines der Konzerte in der Massey Hall. Wie John Einarson im Buch "Don't Be Denied" berichtet, hatten ihm Mitglieder der Folkgruppe "The Three Blind Mice", die Neil Young aus Winnipeg kannte, eine Konzertkarte besorgt. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass er "Like A Rolling Stone" erst auf dem Konzert zum ersten Mal hörte. Die Single war schließlich seit vier Monaten auf dem Markt und in den Charts. Sicher wird ihn das Konzert und die beiden unterschiedlichen Teile aber schwer beeindruckt haben. Die Textzeilen "I felt the magic and I took it home / Gave it a twist and made it mine" über den Song in "Twisted Road" könnte ein Hinweis auf das Konzert sein, von dem er den Song in Gedanken mitbrachte und sich selber auf der Gitarre aneignete.

Nachweislich selber gespielt hat Neil Young "Like A Rolling Stone" aber erst sehr viel später: 1976 bei einem unrühmlichen Aufrtitt mit der Band "Spirit" und 1988 zusammen mit Bob Dylan als Gast auf dessen "Never Ending World Tour".

Bob Dylan als Vorbild

Ein paar Jahre später sollte sich Neil Young dann genau wie damals Bob Dylan verhalten. Auch er stieß 1973 seine Fans gehörig vor den Kopf. Statt auf Tour die Klassiker seines im Vorjahr erschienen Erfolgsalbums "Harvest" zu spielen, quälte Young seine Konzertbesucher mit bis dahin unbekannten und dunklen Songs, die  später auf dem "Tonight's The Night" Album erschienen.

Auch Bob Dylans Konzept von 1965, zunächst ein akustisches und dann ein elektrisches Set zu spielen, hat Neil Young später immer wieder praktiziert.

Like A Rolling Stone, Single 1965
Single mit Song in 2 Teilen
Möglicherweise war "Like A Rolling Stone" sogar noch in anderer Hinsicht prägend für Neil Young. Der Song war damals nämlich mit seiner Länge von über 6 Minuten ein Exot. Die Plattenfirma wollte den Song zunächst gar nicht veröffentlichen, weil er nicht auf eine Seite einer üblichen 45er Single passte.

Nachdem sich Bob Dylan weigerte, eine kürzere Fassung aufzunehmen, erschien dann der Song in zwei Teilen auf der A- und der B-Seite der Single. Auch Radiostationen weigerten sich zunächst, den überlangen Song zu spielen. Ein Hit wurde er dennoch: Nummer 2 in den US-Charts und Nummer 4 in England.

Neil Youngs Faible für lange Stücke und seine mangelnde Rücksichtnahme auf die schwerere kommerzielle Verwertung solch langer Songs mögen auch damit zu tun haben. Bob Dylans "Like A Rolling Stone" hat Neil Young womöglich schon früh deutlich gemacht, dass man auch mit Eigensinn und gegen den Trend Erfolg haben kann.

"La Bamba" und "Like A Rolling Stone"

Beim ersten Hinhören fallen Ähnlichkeiten zwischen den beiden Songs gar nicht auf. Hätte Bob Dylan nicht selber darauf hingewiesen, dass ihn Richie Valens Hit aus dem Jahr 1958 für das melodische Grundgerüst seines eigenen Songs diente, wäre man gar nicht darauf gekommen. Zumal das zugrunde liegende I-IV-V Akkordschema auch in vielen anderen Songs vorkommt.

Richie Valens - La Bamba
Richie Valens († 1959)
Allerdings klang Dylans Song nicht von Anfang an so, wie auf dem Album von 1965. Erste Versionen von "Like A Rolling Stone" hatte Dylan als Walzer komponiert. Der Text war die eingedampfte Essenz eines langen Textes von über 20 Seiten, den Dylan in einer gemieten Holzhütte in Woodstock im Anschluss an eine England-Tournee verfasst hatte.

Im Juni 1965, bei den Aufnahmesessions zu "Highway 61 Revisited" arrangierte Bob Dylan den Song dann mit Mike Bloomfield an der Gitarre und Al Kooper an der Orgel neu - diesmal im 4/4-Takt. Das "La Bamba" Motiv kann man nach Meinung einiger Musikkritiker noch am ehesten in den frühen Live-Fassungen mit den Musikern der Butterfield -Band heraushören.

Richie Valens "La Bamba" und Bob Dylans "Like A Rolling Stone" haben aber noch eine andere Gemeinsamkeit. "La Bamba" ist eigentlich ein 300 Jahre altes mexikanisches Volkslied aus der Region um  Veracruz, das ursprünglich bei Volksfesten und Hochzeiten gespielt wurde. Richie Valens, Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln, hatte aus dem Volkslied 1958 einen Rock'n Roll Song mit elektrischen Gitarren gemacht, der weltweit ein Riesenhit wurde und bis heute unzählige Coverversionen aufweist. Für das mexikanische Liedgut war Richie Valens also im Grunde genau das, was  Bob Dylan mit "Like A Rolling Stone" für die amerikanische Folkmusik war.

Richie Valens kam schon am 3. Februar 1959, wenige Monate nach seinem Erfolg mit "La Bamba" bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Bei dem Unglück starb auch Buddy Holly, der in der gleichen Maschine saß. Nur zwei Tage zuvor besuchte der damals 17-jährige Bob Dylan ein Konzert von Buddy Holly in Duluth, Minnesota. Der 14-jährige Neil Young klimperte da noch in Toronto auf seiner billigen Plastik-Ukulele herum, die er ein paar Wochen zuvor von seinen Eltern geschenkt bekam.


"La Bamba" Revisited

Wenn Neil Young & Crazy Horse im Oktober wieder auf Tour gehen, wird die Band "Los Lobos" bei einigen Stationen als Vorgruppe auftreten. Deren bislang größter Hit war ein Cover von "La Bamba", mit dem sie 1987 einen Nummer-Eins-Hit in den USA und England landeten. Auch auf der aktuellen 2012 Tour von "Los Lobos" war "La Bamba" stets auf der Setlist. Neil Young hätte also durchaus die Möglichkeit, in den Song einzusteigen und nachzuholen, was er 1965 in der "Wobbly Barn" in Vermont mit "Four To Go" verpasst hat: Valens/Dylans "La Bamba" zu spielen ...


Videos

Neil Young - "Twisted Road", 2012




Bob Dylan - Like A Rolling Stone, 1965





Richie Valens - La Bamba, 1958




Los Lobos - La Bamba, 1987



Interview mit Bob Dylan



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