Samstag, 28. Juli 2012

3 x 66 + 3 x 6 = Albuquerque - Mystischer Tourneebeginn

In 6 Tagen - am 3. August - werden Neil Young & Crazy Horse in Albuquerque das erste Konzert ihrer Tour 2012 spielen. Die Show im "The Pavilion" von Albuquerque ist nicht nur die erste nach acht Jahren Pause. Sie steht auch unter einem ganz besonderen Zahlenzauber:

Neil Youngs Rückkehr in 6 Tagen im Alter von 66 Jahren in die Stadt an der legendären Route 66, in der er im März 1966 auf der Fahrt von Kanada nach Kalifornien mit angeschlagenem Auto und Nervenkostüm für einige Tage gestrandet war. In Neil Youngs zweitem Leichenwagen "Mort II" fuhren zudem genau 6 Passagiere bis nach Albuquerque. Außerdem ist es nach den Konzerten 1969, 1973, 1988, 2000 und 2004 exakt der 6. Auftritt in der Stadt im US-Bundestaat New Mexico.

Albuquerque gehört, neben Los Angeles ("L.A.") und Berlin ("After Berlin"), auch zu den wenigen Städten, nach denen Neil Young einen Song benannt hat. Das Lied über die Flucht aus der Berühmtheit und ein ungestörtes Leben entstand 1973 in Neil Youngs dunkler "Ditch-Periode". Es erschien 1975 auf dem Album "Tonight's The Night".


Die 6 Passagiere von 1966

Tannis Neiman, Jeanine Hollingshead
1967 nach der Rückkehr in Toronto
Nach der Auflösung der Band "Mynah Birds", deren bei Motown aufgenommenes Album wegen der Verhaftung von Sänger Ricky James Matthews (aka Rick James) nicht erschien, wollten Neil Young und Bassist Bruce Palmer Toronto verlassen. Sie verkauften den größten Teil des Bandequipments, investierten das Geld in einen alten 1953 Pontiac Leichenwagen und wollten nach Los Angeles. Die Passagiere Nummer 1 und 2 standen also fest.

Passagiere Nummer 3 und 4 waren Jeanine Hollingshead und Tannis Neiman. Die beiden waren Teil der Folkszene in Torontos angesagten Bezirk Yorkville und arbeiteten im Coffeehouse "Cellar Club", einer Art Stammkneipe von Neil Young und Bruce Palmer. Tannis Neiman war selber Musikerin und trat bis zu ihrem Tod 1986 als Folksängerin auf.

Passagiere 5 und 6 waren Judy Mack und Mickey Gallagher. Die beiden waren "zahlende Gäste" und sollten helfen, die Spritkosten zu senken. Dazu hatte Neil Young unmittelbar vor der Abfahrt die befreundete, aber mittellose Bev Davis weinend auf der Straße stehen lassen. Judy Mack gehörte zur Clique um Neiman, Davis und Hollingshead. Während die anderen Mädchen ein Auge auf Neil Young geworfen hatten, lockte Judy Mack das Abenteuer in Kalifornien.Über Mickey Gallagher ist wenig bekannt außer, dass er genug Geld für die Reisekasse hatte.

Hätte Ärger vermieden:
Bedienungsanleitung
Die Reise der sechs Kanadier sollte über etwas mehr als 4.200 Kilometer von Toronto nach Los Angeles gehen. Nach 2.900 Kilometern, ungefähr 70 Prozent der Gesamtstrecke, spitzen sich die Ereignisse zu. Nachdem sein erster Leichenwagen "Mort I" im Jahr zuvor wegen einer Getriebepanne für immer in Blind River liegen blieb, ließ Neil Young kaum einen Mitfahrer ans Steuer. Und wenn doch, dann schimpfte er bei fast jedem Schaltvorgang. Die Nerven unter den sechs Passagieren lagen blank, als "Mort II" in Albuquerque mit einem Defekt liegen blieb.

Während der Wagen in die Werkstatt kam, schickte man Neil Young wegen totaler Erschöpfung erstmal zum Arzt und dann für drei Tage zum Schlafen ins Bett. Während dessen verbrannte sich Tannis Neiman ihr Gesicht bei der Explosion des Gasherdes in ihrem Motelzimmer und musste ebenfalls ins Krankenhaus. Dort traf dann wenig später auch Jeanine Hollingshead ein, die wegen Nierensteinen an Koliken litt. Zu guter Letzt stellte Tannis Neiman noch fest, dass sie schwanger war.

Nach diesem grotesken Zwischenstopp in Albuquerque, der auch dem Drehbuch einer schlechten Seifenoper entstammen könnte, bleiben Neiman, Hollingshead und Mickey Gallagher in New Mexico zurück. Neil Young, Bruce Palmer und Judy Mack setzten den Weg nach Los Angeles fort, wo die beiden Musiker wenige Tage später mit Stephen Stills und Richie Fury "Buffalo Springfield " gründeten. Der Rest ist dann Musikgeschichte ...


Der Song "Albuquerque"

Die besondere Mystik, die den Ort Albuquerque in Neil Youngs Karriere umweht, setzt sich im Song gleichen Namens fort. Das fängt schon damit an, dass ihn Neil Young bis heute mit einer Fender Broadcaster (Vorläufer der Telecaster) spielt - akustische Versionen einmal ausgenommen.

Die erste Fassung von "Albuquerque" hat Neil Young im August 1973 in der legendären Session im SIR Studio in Hollywood aufgenommen, das dem Bruder des an Drogen gestorbenen Roadies Bruce Berry gehörte. Die Aufnahmen der Session erschienen erst zwei Jahre später auf dem Album "Tonight's The Night".

Obwohl der Song "Albuquerque" heißt, geht es aber hauptsächlich um den Nachbarort Santa Fe, der ist nämlich nur "90 miles away". In Albuquerque, singt Neil Young, hat er gerade mal Zeit, einen Joint zu drehen und ein Auto zu mieten. Zurück auf der Straße fühlt er sich dann frei, keiner kennt ihn dort in der Gegend, er kann nach "Spiegeleiern mit Schinken" Ausschau halten. Ein paradiesisches Gegenprogramm zu den Stress, den der Musiker nach seinem Mega-Album "Harvest" und dem Hit "Heart Of Gold" hinter sich hatte.

Dennoch eine widersprüchliche Ortswahl für diesen Song, bedenkt man, was Neil Young 1966 bei der Anreise in die USA dort erlebt hat. Man darf gespannt sein, ob "Albuquerque" in Albuquerque auf der Setlist von Neil Young & Crazy Horse stehen wird. Bislang hat er den Song dort nur 1988 einmal gespielt.


Der Auftrittsort Albuquerque

1960er Jahre: Route 66 in Albuquerque
Am 3. August tritt Neil Young zum sechsten Mal in Albuquerque auf - diesmal mit Crazy Horse. Auch beim fünften Auftritt 2004 war er auf der "Winter Greendale Tour" mit der Band da.

Davor war es bunt gemischt: Der erste Auftritt 1969 war mit CSN&Y, beim zweiten Mal 1973 kam er mit den "Stray Gators" auf "Time Fades Away Tour". 1988 führte ihn die Herbst-Tour mit "Ten Men Workin'" zum dritten mal nach Albuquerque. Beim vierten Mal, im Jahr 2000, kam er während der "Music In Head Tour" mit den "Friends And Relatives" in den Wüstenort. Die Datenbank auf SugarMountain.org verzeichnet als Besonderheit, dass Spooner Oldham an dem Tag in ein Krankenhaus von Albuquerque musste und ausfiel.

Neil Youngs Fans in Albuquerque haben über die Jahre also einen bunten Querschnitt aus dem Werk des Kanadiers gesehen, der 1966 auf dem Weg zu seiner Weltkarriere durch ihren Ort kam.


Albuquerque und "Crazy Horse"

de Coronado auf Erorberungszug
Albuquerque ist die größte Stadt im US-Bundestaat New Mexico und liegt an der legendären Route 66. Heute leben knapp 550.000 Einwohner in dem Ort, der vor 1.000 Jahren schon von Indianern besiedelt wurde.

Im Jahre 1540 kam der spanische Konquistador Francisco Vásquez de Coronado auf der Suche nach den sagenhaften sieben goldenen Stätten von Cibola in diese Gegend. Er benannte den Ort nach dem spanischen Herzog von Alburquerque. De Coronado eroberte damals fast den gesamten heutigen Südwesten der USA. Anfang des 18. Jahrhunderts kamen dann spanische Siedler, die die heutige Stadt Albuquerque gründeten. Historisch ergibt sich also auch eine gewisse Verbindung zu Neil Youngs Klassiker "Cortez The Killer", einem anderen bekannten spanischen Konquistador.

Auch zu "Crazy Horse" kann man eine direkte Verbindung herstellen: Albuquerque-Gründer Vásquez de Coronado verlor bei seinen Eroberungszügen nämlich einen Großteil seiner Pferde. Diese Pferde verwilderten und bildeten den Grundstock für die riesigen Mustangherden in den Präries. Für die Indianer, die Pferde zuvor gar nicht kannten, bedeutete die Nutzung der Mustangs als Reit- und Nutztiere einen radikalen Wandel in ihrer Kultur. 

"Crazy Horse" wäre ohne den Albuquerque-Gründer de Coronado also gar nicht denkbar.


Die legendäre Route 66

So mythisch wie Albuquerque für Neil Young, ist auch die durch den Ort führende Route 66 für die gesamten Vereinigten Staaten. Die Fernstraße verbindet Chicago mit Santa Monica an der Westküste und führt quer durch den amerikanischen Kontinent. Es war 1926 erste durchgehende Fernverbindung und ein Reiseweg von Millionen Amerikanern. In den Zeiten des "Dust Bowls" vor dem zweiten Weltkrieg wanderten verarmte Landarbeiter aus dem mittleren Westen über diese Straße nach Westen in die kalifornischen Obstplantagen.

Mit dem Bau neuer Autobahnen - den Interstates - und durch den Boom des Flugverkehrs hatte die alte und oft nur einspurige Fernstraße schon zur Zeit von Neil Youngs Reise im Jahr 1966 ihre verkehrspolitische Bedeutung verloren. Trotzdem lebt der Mythos der Route 66 bis heute und zieht magisch Touristen an, die mit Motorrädern und Straßenkreuzern die verbliebenen Reste der alten Straße abfahren - Auf der Suche nach Freiheit und Abenteuer.

Hinweisschilder auf Neil Youngs Leichenwagen-Reise von 1966, eine Messingplakette am Krankenhaus oder der Reparaturwerkstatt sucht man allerdings vergeblich.

"Crusing down Route 66
Where the guys and gals used to get their kicks
In the old days"

Neil Young "When Worlds Collide" - auf "Fork In The Road", 2009


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