In der Musikindustrie wird grundsätzlich zwischen zwei zentralen Rechteebenen unterschieden. Das Urheberrecht am musikalischen Werk (Composition Copyright, gekennzeichnet durch das ©-Symbol) schützt die ursprüngliche geistige Schöpfung, also die Komposition, den Songtext sowie die Melodie und Harmonien.. Diese Rechte gehören primär den Songwritern oder Komponisten und bleiben in der Regel bis zu 70 Jahre nach dem Tod des letzten Urhebers bestehen. Die Komposition eines Songs existiert rechtlich unabhängig davon, wer ihn aufnimmt oder aufführt. Diese Rechte werden in der Regel durch Musikverlage für die Songwriter und Komponisten verwaltet. Die fälligen Tantiemen, zum Beispiel für Radioeinsätze oder Live-Auftritte, erheben und verteilen dann Verwertungsgesellschaften an die Urheber. In den USA sind das die Verwertungsgesellschaften ASCAP oder BMI
Davon klar getrennt sind die Rechte an der Tonaufnahme (Phonographic Copyright bzw. Master Rights, gekennzeichnet durch das ℗-Symbol). Es schützt die spezifische Fixierung der Klänge in einer Tonaufnahme auf einem Tonträger oder in einer digitalen Datei. Traditionell liegen diese Rechte fast vollständig bei den Plattenfirmen, da diese die Produktionskosten finanzieren. Werden alte Alben jedoch komplett neu aufgenommen (und nicht nur remixt), wie Taylor Swift es mit ihren ersten vier Alben tat, liegen die Master Rights für die neuen Alben beim neuen Label und die der alten Alben beim alten Label. Solche Neuaufnahmen ermöglichen es den Künstlern, etwas Kontrolle über ihre Musik zurückzugewinnen, während der Wert der Originalaufnahmen gleichzeitig sinkt.
Auch die Karriere von Neil Young illustriert exemplarisch den jahrzehntelangen Versuch eines Künstlers, sämtliche Ebenen dieser Rechteverwaltung wieder unter eigene Kontrolle zu bringen. Hier eine Übersicht über das komplexe Firmengeflecht des 80-jährigen Musikers. [Weiter: Wem gehört was an Neil Youngs Werken ...]
Die frühen Jahre: Industriestandard und erste Verlagsgründungen
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| Frühere (C) und (P) Credits |
Das Modell blieb jedoch zunächst weiterhin hybrid: Die Urheberrechte an den Songs lagen bei Youngs Firmen, während die Kontrolle über die Master-Bänder weiterhin bei den jeweiligen Labels verblieb. Daran änderte sich selbst während seiner konfliktreichen Jahre bei "The David Geffen Company" zwischen 1982 und 1987 wenig.
In aktuellen Veröffentlichungen, insbesondere bei den "Neil Young Archives", tauchen oft beide Firmen parallel in den Credits auf. Dies geschieht immer dann, wenn eine Veröffentlichung (wie z. B. "Live At Massey Hall 1971" oder "Young Shakespeare") Songs aus verschiedenen Schaffensperioden enthält, deren Rechte historisch bei "Broken Arrow" oder "Broken Fiddle" (Frühphase) oder "Silver Fiddle" (spätere Phasen) liegen.
Der Wendepunkt: Silver Bow und die Archiv-Strategie
Mitte der 1990er Jahre begann Young dann, die Vermarktung seines umfangreichen Archivmaterials strategisch neu auszurichten. Am 20. Dezember 1994 wurde die "Silver Bow Productions, Inc." gegründet. Diese Gesellschaft markiert einen entscheidenden Wendepunkt, da sie bei späteren Archiv-Veröffentlichungen erstmals nicht nur als Produzentin, sondern häufig auch als offizielle Inhaberin der Master-Rechte (℗) auftrat. Ein Beispiel ist das Archivalbum "Live at the Fillmore East". Hier erscheint "Silver Bow Productions" sowohl als Copyright- als auch als Phonographic-Copyright-Inhaber. Young sicherte sich damit die Kontrolle über historische Aufnahmen, noch bevor große Major-Labels deren kommerzielle Verwertung dominieren konnten.
Eine Sonderrolle unter Youngs Unternehmen nimmt "Vapor Records" ein. Das von ihm gegründete Label nimmt andere Künstler unter Vertrag und diente so oft als Sprungbrett, zum Beispiel für Tegan and Sara oder Jonathan Richman. Auch Youngs Ex-Frau Pegi und Youngs Mitstreiter wie Ralph Molina, Billy Talbot oder Ben Keith nutzten das Label. Neil Young selber hat nur seinen Soundtrack zu Jim Jarmushs Film "Dead Man" auf "Vapor Records" veröffentlicht.
Totale Autonomie: The Other Shoe Productions und die Markenhoheit
Die konsequenteste Zentralisierung seiner geschäftlichen Interessen erfolgte schließlich 2015 mit der Gründung von "The Other Shoe Productions, Inc.". Unter dieser Gesellschaft, deren Präsident Young selbst ist, laufen heute wesentliche Bereiche seiner kreativen und wirtschaftlichen Aktivitäten zusammen. Das Unternehmen fungiert zugleich als internes Label, Produktionsgesellschaft und Rechteverwalter. Bei neueren Veröffentlichungen wie "Barn", "Toast" oder "Fu##in' Up" hat sich das traditionelle Machtverhältnis zwischen Künstler und Industrie deutlich verschoben. Die Master-Rechte liegen hier vollständig bei "The Other Shoe Productions, Inc.", während die Warner-Tochter "Reprise Records" primär als Vertriebspartner fungiert.
Ein weiterer wichtiger Baustein dieser Strategie ist die Neustrukturierung des Publishing-Bereichs. Jahrzehntelang bildeten "Silver Fiddle Music" und "Broken Arrow Music" die zentralen Säulen von Youngs Verlagsgeschäft. Mit der Gründung der "Bandita LLC" am 22. Juli 2019 begann jedoch eine neue Phase stärker spezialisierter Rechteverwaltung.
Hintergrund ist der im Januar 2021 vollzogene Teilverkauf des Songkatalogs. Neil Young veräußerte 50 Prozent der weltweiten Verlagsrechte an seinem gesamten Songkatalog an den britischen Investmentfonds "Hipgnosis Songs Fund". Branchenexperten schätzten den Kaufpreis auf etwa 150 Millionen US-Dollar. Young behielt die restlichen 50 Prozent der Rechte bewusst ein, um weiterhin die künstlerische Kontrolle über sein Lebenswerk zu behalten. Damit wollte er insbesondere eine kommerzielle Nutzung seiner Musik in der Werbung (z. B. für Fast-Food-Ketten) verhindern.
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| Copyright-Credits auf "Barn" |
Die Bedeutung dieser Struktur zeigt sich in den Credits nahezu aller aktuellen Veröffentlichungen. Seit "Barn" 2021 tritt "Bandita LLC" regelmäßig als Inhaberin der Publishing-Rechte auf. Dies setzt sich über "World Record" und "Before and After" bis zu den neueren Projekten fort. Auch bei "Talking to the Trees" von Neil Young & The Chrome Hearts sowie beim Soundtrack "Coastal" wird "Bandita LLC" als primärer Publisher geführt. Durch diese Struktur kann Young die Einnahmen aus Songwriting-Tantiemen seiner aktuellen Werke unabhängig von älteren Firmenkonstruktionen und dem Käüfer der Rechte an den älteren Songs verwalten. In Kombination mit "The Other Shoe Productions, Inc.", die die Master-Rechte kontrolliert, entstand damit ein nahezu vollständig vertikal integriertes System: Von der ersten Aufnahme bis zur finalen Rechteabrechnung verbleibt die gesamte Verwertung im direkten Einflussbereich des Künstlers.
2025 ging Neil Young sogar noch einen Schritt weiter, um sein Vermächtnis juristisch abzusichern. "The Other Shoe Productions, Inc." reichte eine umfassende US-Markenanmeldung für den Namen „NEIL YOUNG“ ein. Die Anmeldung umfasst Musikveröffentlichungen, Streaming-Dienste, Live-Entertainment sowie umfangreiche Merchandising-Bereiche – von Bekleidung bis hin zu Sammlerartikeln.
Diversifizierung: Technologie, Modelleisenbahnen und Elektroautos
Neben der Musik nutzte Young spezialisierte Unternehmensstrukturen auch für technische und persönliche Innovationsprojekte. Sein hochauflösendes Audiosystem "Pono" wurde zum Beispiel über die "Ivanhoe (DE) Inc." in der US-Steueroase Delaware entwickelt, die das Investitionskapital mobilisierte. Für seine Entwicklungen im Bereich Modelleisenbahn-Steuerung – ursprünglich inspiriert durch die Bedürfnisse seines Sohnes Ben – gründete Young die "The Creative Train Company, LLC", die zwischen 2003 und 2009 zahlreiche Patente registrieren ließ. Selbst sein Projekt zur ökologischen Mobilität wurde mit der "Lincvolt, LLC" in eine eigenständige rechtliche Struktur überführt.
Die Schaltzentrale am Wilshire Boulevard
Hier eine Übersicht der wichtigsten Unternehmen, die Neil Young zur Organisation und Kontrolle seiner Rechte nutzt:
Aktiv:
- The Other Shoe Productions, Inc. (gegr. 2015): Zentrale Holding für Master-Aufnahmen, Markenrechte und Produktionsaktivitäten.
- Silver Bow Productions, Inc. (gegr. 1994): Spezialisiert auf Archiv-, Live- und Performance-Veröffentlichungen.
- Broken Arrow Music Corporation (gegr. 1970): Früher Musikverlag für Kompositionsrechte (BMI).
- Silver Fiddle Music: Langjähriger Hauptverlag für große Teile des Songkatalogs.
- Bandita LLC (gegr. 2019): Aktueller Publishing-Arm für neuere Studioalben.
- Storytone Publishing: Verlagseinheit für Werke der mittleren 2010er Jahre.
- Shakey Pictures, Inc. / Shakey Pictures Records LLC: Zuständig für Filmprojekte, Dokumentationen und visuelles Archivmaterial.
- Amber Jean Productions, Inc. (gegr. 1985): Tour- und Produktionslogistik.
- Broken Fiddle Music, Inc. (gegr. 1970): Frühe Verlagseinheit zur Rechteverwaltung.
- The Horsefly LLC (gegr. 2020): Aktive kalifornische Beteiligungsgesellschaft.
- NYA Records, LLC (gegr. 2022): Gesellschaft im Umfeld der „Neil Young Archives“.
- Stray Gator Studios, LLC (gegr. 2005): Verbunden mit Youngs Studioaktivitäten.
- CSNY Recordings, LLC (gegr. 2012): Verwaltung gemeinsamer Rechte von Crosby, Stills, Nash & Young.
- Marine Band Payroll LLC (gegr. 2024): Einheit für Lohn- und Gehaltsabrechnungen im Produktionsumfeld.
- Times Contrarian Books LLC (gegr. 2026): Neue Gesellschaft mit möglicher Ausrichtung auf Buch- und Medienprojekte.
- The Creative Train Company, LLC (2003–2009): Ehemalige Patentgesellschaft für Modelleisenbahn-Technologie.
- Ivanhoe (DE) Inc. (2012–2017): Betreibergesellschaft des Pono-Systems.
- Lincvolt, LLC (2010–2018): Gesellschaft für Youngs Elektroauto- und Umweltprojekte.
Tabelle: Alle Alben und deren Rechteinhaber (Quelle: Credits auf den Alben)
Abkürzungen:
BAMC/BAM = Broken Arrow Music (Corporation), SFM = Silver Fiddle Music, STM = Storytone Music, SBP = Silver Bow Productions, TOSP = The Other Shoe Productions, RR = Reprise Records, WBR = Warner Brothers Records, PVM = Poncho Villa Music, RFM = Richie Furay Music, TEM = Ten East Music, SPT = Springalo Toones, CMI = Cotillion Music
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