Donnerstag, 11. August 2011

Neil Young, Odin und die Öl-Krise - Geschichte des ersten deutschen Covers 1971

Die Band "Odin"
Coverversionen der Songs von Neil Young sind in den Anfangsjahren seiner Karriere selten. Erscheinen in der 2000er Jahren im Schnitt etwa 80 Coverversionen jährlich auf offiziellen Alben anderer Künstler, so kann man sie in den ersten Jahren von Neil Youngs Karriere fast an einer Hand abzählen. Selbst während der gesamten 60er und 70er Jahre – also bis 1979 – wurden nur in etwa so viele Coverversionen veröffentlicht wie heute in einem einzigen Jahr. 

Die nach heutigem Kenntnisstand ersten deutschen Coverversionen entstanden 1971. Aufgenommen hat sie eine ProgRock Band namens „Odin“, die sich Anfang der 70er Jahre in Bayern formierte - und die sogar um ein Haar zu den großen Rockbands der 70er Jahre gehört hätte. Warum es dann aber doch nicht dazu kam und was ausgerechnet arabische Scheichs damit zu tun hatten, lohnt sich einmal näher zu beleuchten: 

Jeff Beer heute
Zu Beginn der 70er Jahre zog es den 1952 in Mitterteich geboren Keyboarder Jeff Beer aus der bayerischen Oberpfalz nach Regensburg, wo er als Keyboarder an einer Hammond A-100 mit seiner Amateurband „Elastic Grasp“ den renommierten Regensburger Jazz- und Rockpreis „Die Goldene Gitarre“ gewann. Kurzzeitiges Mitglied der Band wurde später auch der in den Niederlanden geborene Gitarrist Rob Terstall, der in Amsterdam Gitarre studiert hatte, und damals in Deutschland lebte. 

Die beiden Musiker gründeten direkt nach Auflösung von „Elastic Grasp“ die Nachfolgeband „Odin“, mit der sie professionell Musik machen wollten. Zu ihnen stießen noch der Bassist Ray Brown und der Schlagzeuger Stuart Fordham. Beides Engländer mit Erfahrungen als Studio- und Sessionmusiker. Die zwei Engländer hatten mit Rob Terstall zuvor bereits bei „Honest Truth“ gespielt, die als Band amerikanische Künstler bei Bühnenshows in Clubs der US-Army in Deutschland und Italien begleitete. Brown und Fordham kamen eigens für das neue Projekt „Odin“ wieder aus London zurück in die bayerische Provinz. Diese nunmehr bayerisch/niederländisch/englische Formation zog anschließend in ein kleines Dorf in der Nähe von Würzburg, wo Jeff Beer inzwischen an der Staatlichen Musikhochschule studierte. 

Das erste Album
Nach Anfangserfolgen mit Liveauftritten in regionalen Clubs trat „Odin“ mit ihrem an Frank Zappa oder „Gentle Giant“ orientierten Progressive Rock auch auf großen Festivals auf. Dabei teilte sich die Band die Bühne mit großen internationalen Acts wie der „Jeff Beck Group“, „Manfred Mann‘s Earth Band“ oder „Ten Years After“. Kritiker und Fans bescheinigten „Odin“, mit diesen großen Bands durchaus auf Augenhöhe zu spielen. Die sehr gute Live-Performance brachte der Band schließlich einen Plattenvertrag bei Vertigo/Phonogram ein. Schon 1972 nahmen sie in Hamburg das erste, „Odin“ betitelte, Album auf. 

Trotz guter Kritiken war der kommerzielle Erfolg der Platte eher gering. Dennoch wurde die englische Phonogramm auf das in Deutschland produzierte Album aufmerksam und wollte „Odin“ 1973 auf eine England-Tournee schicken - für Rockbands zu dieser Zeit durchaus eine Art „Ritterschlag“ und ein potenzieller Karriere-Turbo. In London war sogar ein Auftritt im legendären Marquis-Club geplant. 

Wiener Opec-Konferenz 1973
Doch dann platzten die Tourneepläne völlig unvermittelt, als die Ölkrise 1973 in ganz Europa zu Fahrverboten und einer tiefen wirtschaftlichen Krise führte. Die arabischen Scheichs der OPEC hatten dem vom Öl abhängigen Westen erstmals ihre Macht demonstriert und einfach den Ölhahn zugedreht - und damit zugleich den wichtigsten Karriereschritt der aufstrebenden Band „Odin“ zunichte gemacht. 

Leere Autobahn
"Odins" Englandpläne wurden von der Londoner Phongramm wieder eingestampft, weil internationale Erfolge ohne unterstützende Tour nicht mehr zu erwarten waren. Zu allem Unglück legte daraufhin auch noch die Hamburger Phongramm das geplante zweite Album der Band auf Eis. Im Frühjahr 1974 löste sich „Odin“ frustriert auf. 

Von der kurzen Schaffenszeit der Band sind bis heute insgesamt drei Tonträger erschienen: Neben dem regulären Album „Odin“ von 1973 gibt es noch die CD „Odin Live at the Maxim“ mit einem Live-Mitschnitt, der im September 1971 im Club Maxim in Schweinfurt aufgenommen und 2007 vom Label „Long Hair Music“ veröffentlicht wurde. Grundlage dafür waren Bänder, die Jeff Beer in seinem persönlichen Archiv auf seinem heutigen Atelierhof in der bayerischen Oberpfalz hütete. Als CD existiert zudem noch eine Aufnahme, die „Odin“ 1973 auf einer Live-Session des Senders SWR in dessen Studio in Baden-Baden für das Radio einspielte. 

Live-Album mit Neil Young Songs
Die CD „Odin Live at the Maxim“ enthält mit den 1971er Aufnahmen von “Ohio” und “Cinnamon Girl” die wohl ältesten Neil-Young-Coverversionen, die je von einer in Deutschland beheimateten Band offiziell auf Platte erschienen sind. 

Jeff Beer, inzwischen bildender Künstler, Musiker, Komponist mit Staatsexamen und Meisterklassendiplom, lebt und arbeitet heute im bayrischen Gumpen an der deutsch/tschechischen Grenze. Er erzählte dem „Rusted Moon Blog“ im Rückblick auf damals, dass die Auswahl der Coverversionen in der Anfangzeit von “Odin“ auf das Repertoire der Vorgängerband „Honest Truth“ zurückgingen. Man habe in der Startphase der Band 1971 zum Teil auf eingespielte Stücke zurückgegriffen, bevor man eigenes Material für das erste Studioalbum erarbeitet habe. 

Bassist Ray Brown berichtet über die damalige Songauswahl beim Vorgänger „Honest Truth“, dass er Neil Young von „Buffalo Springfield“ kannte, die er aber nicht wirklich mochte, und natürlich von CSN&Y. „Ich glaube, was ich an Neil Young gut fand, war die Einfachheit der Akkorde, die zu einer eingängigen Melodie führte“, erklärt Ray Brown, der heute als selbständiger Zimmermann in England lebt. Schlagzeuger Stuart Fordham ist bereits 2003 verstorben. 

Album der SWR-Session
Auch Jeff Beer hatte Neil Young - noch vor seiner Zeit bei „Odin“ - erstmals bei CSN&Y wahrgenommen. „Er fiel in der Zusammensetzung auf, spielte eine eigenwillige, nicht immer fehlerfreie Gitarre“, erinnert sich Beer, „und dann natürlich dieser Gesang.“ 

Als Jeff Beer jetzt nach all den Jahren noch mal die Akkorde von CINNAMON GIRL anspielte, fiel ihm sofort das gute Songwriting auf. „Gerade was die Feinheiten der überraschenden Asymmetrien in den Akkordfolgen betrifft“, analysiert der studierte Komponist, „das macht einen guten Song eben aus - und das gibt ihm ein unverwechselbares Colorit.“ Beer besitzt aus der Zeit mit "Odin" noch eine Les Paul Jr. mit Baujahr aus den 50er Jahren, die der Keyboarder abseits der Bühne privat spielte - Genau das Gitarrenmodell, mit dem auch Neil Young bei seiner ersten echten Band „The Squires“ spielte. 

Ticket des Konzerts 1973 im Londoner
Rainbow. Als Begleitband wurden
fälschlicherweise "The Eagles" genannt!
Für Jeff Beer ist Neil Young aber auch noch in einem anderen Zusammenhang von Bedeutung. Als der bayrische Musiker sich 1973 wegen der dann letztlich geplatzten England-Tournee in London aufhielt, besuchte er ein Konzert des Kanadiers im Londoner Rainbow Theatre. Neil Young war damals mit den „Santa Monica Flyers“ im Rahmen der „Tonight’s The Night“-Tour in England unterwegs. 

Jeff Beers und Neil Youngs Wege kreuzten sich damit nicht gerade zum besten Zeitpunkt ihres jeweiligen Lebens: Während dem einen wegen des schnöden Erdöls gerade die Aussicht auf eine internationale Karriere platzte, schien der andere einen schon erreichten Welterfolg durch drogenschwere und das Publikum vergrätzende Alben und Konzerte gerade wieder zu verspielen. Jeff Beer erinnert sich rückblickend noch gut an die weiße Gretsch und die unverwechselbare Stimme bei „Cowgirl in the Sand“, die sich ihm fest einprägte. Aber auch daran, dass er „leider dermaßen betrunken war und infolge so unvorstellbar miserabel spielte“, erzählt der bayerische Künstler, „dass ich den guten Mann zunächst für einen schlechten Epigonen Neil Youngs hielt.“ 

Aber immerhin: Nicht allzu viele Deutsche dürften die legendär-chaotischen Konzerte der „Tonight’s The Night“-Tour live miterlebt haben, Jeff Beer durfte – oder musste – es.


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Von links: Rob Terstall, Jeff Beer,
Stuart Fordham, Ray Brown 
Odin - Besetzung:
  • Jeff Beer (Orgel, Gesang)
  • Rob Terstall (Gitarre,Gesang)
  • Ray Brown (Bass,Gesang)
  • Stuart Fordham (Schlagzeug)


Odin - Discographie:
  • "Odin", 1973
  • "ODIN Live At The Maxim 1971" - 2007
  • "SWR-Session" - 2007
Alle Alben erhältlich bei "Long Hair Music"


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