Freitag, 29. April 2011

„Bridge-School-Verstärker“ aus Deutschland

Einen ungewöhnlichen Gitarrenverstärker testete das deutsche Magazin „Gitarre&Bass“ für seine aktuelle Ausgabe Mai/2011: Der „Twangtone Deluxe“ ist ein Klon des „Tweed Deluxe“ von Fender aus der 5e3-Baureihe, der auch der legendäre 1959er Deluxe von Neil Young entstammt. Solche Nachbauten dieses Klassikers gibt es unzählige, das besondere am Twangtone aber ist der Umstand, dass er in Handarbeit in einer Berliner Werkstatt für Behinderte gebaut wird. Es gibt jetzt also Neil Youngs Gitarrenverstärker aus einer der Bridge-School ähnlichen Einrichtung in Deutschland.

Die Werkstatt für Behinderte am Kaspar Hauser Therapeutikum in Berlin-Pankow beschäftigt Menschen mit geistigen, körperlichen und seelischen Behinderungen. Ihnen werden geschützte Arbeitsplätze im Handwerks- und Dienstleistungsbranchen geboten sowie die Möglichkeit der Integration auf den allgemeinen Arbeitsmarkt oder in weiterführenden Projekte. Bislang wurden dort vor allem Produkte wie Gebrauchsgeschirr, Schlosserei-Erzeugnisse, elektrische Kabel oder Kerzen hergestellt. Auf die ungewöhnliche Idee, auch einen Nachbau des Fender Tweed Deluxe 5E3 ins Programm zu nehmen, kam Werkstattleiter Manfred Rossek, selber Gitarrist und Liebhaber alter Röhrengeräte.

Die 20 Mitarbeiter der Behindertenwerkstatt bauen ihre Version des Fender Deluxe in Handarbeit auf Grundlage eines Bausatzes von „Tube Amp Doctor“ (TAD) aus Worms. Dessen hochwertige, handverlesene Bauteile genießen in Fachkreisen einen sehr guten Ruf. Die Elektrik wird in Berlin-Pankow in klassischer Handverdrahtung „point-to-point“ verlötet. Anschließend kommt das Chassis in ein Gehäuse aus massiver Kiefer – genauso ist es auch beim Original. Wahlweise kann auch Kirsche oder Walnuss geordert werden. Die Gehäuse werden in Berlin bei einem Gitarrenbauer gefertigt. Kunden können noch auf Lackierung und Einzelheiten wie den Tragegriff Einfluss nehmen. Auch sind unterschiedliche Lautsprechertypen erhältlich.

Leider wird kein Tweed-Bezug angeboten, so dass die Optik etwas rustikaler als beim Original ausfällt. Im Hörtest bei Gitarre&Bass schlug sich der Boutique-Amp aus der Behindertenwerkstatt dagegen sehr gut. Tester Ebo Wagner bescheinigt dem Twangtone „authentischen Vintage-Charakter“ mit „schönen harmonischen Zerrungen“. Klar, Neil Youngs Original Fender Deluxe von 1959 mit dem untypischen Netzteil, dem Umbau auf 6L6-Röhren und den uralten original Jensen-Speakern, ist noch mal eine ganz andere Liga.

Die Handarbeit beim Löten und Gehäusebau sowie die hochwertige Elektrik haben natürlich ihren Preis. Je nach Ausstattung werden zwischen 1.600 € und 1.750 € aufgerufen. Das ist natürlich teurer als ein chinesischer „Brot-und Butter-Nachbau“ aus Spanplatten und Platinenelektronik, liegt aber im Rahmen anderer hochwertiger, handverdrahteter Verstärker. Und mit dem „Bridge-School-Charme“ sowie dem Umstand, eine sinnvolle sozialtherapeutische Einrichtung unterstützt zu haben, können Mitbewerber eh nicht konkurrieren. Den Twangtone Deluxe gibt es in ausgesuchten Läden oder direkt beim Kaspar Hauser Therapeutikum.

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