Die Angewohnheit, Regale, Simse und Kommoden mit kleinen Figuren oder Souvenirs zu füllen, ist ein kulturelles Phänomen, das weit über einen rein ästhetischen Zweck hinausgeht. Aus wohnpsychologischer Sicht ist dieses Verhalten ein elementarer Teil der räumlichen Aneignung: Durch das Platzieren persönlicher Gegenstände wird ein neutraler Raum in ein vertrautes Zuhause transformiert. Diese oft liebevoll als „Nippes“ oder „Stehrümchen“ bezeichneten Objekte fungieren als biografische Anker und externe Speicher für Erinnerungen in einer dynamischen Außenwelt. Sie bieten visuellen Halt und emotionale Sicherheit.
Für Musiker, deren Arbeitsumgebung durch Tourneen ständigen Veränderungen unterworfen ist, gewinnt diese Praxis eine besondere Bedeutung. Durch gezielte Dekoration wird die Bühne nicht nur zur Plattform der Darbietung, sondern auch zu einem privaten Refugium, das Distanz abbauen und Intimität schaffen soll. Neil Young ist ein Paradebeispiel für diesen Ansatz. Seine Bühnenpräsentation ist eine komplexe Inszenierung, in der Requisiten und technische Artefakte zu Akteuren einer „Konzert-Fantasie“ werden. Viele dieser Requisiten nutzt Young seit Jahrzehnten immer wieder, wodurch er sich eine vertraute Bühnenumgebung schafft. Einige der Dekostücke hatten eine Erinnerungsfunktion, andere wurden mit einem Augenzwinkern platziert.
Besonders deutlich wird dies an der Art und Weise, wie Young seine Verstärker über Jahrzehnte hinweg dekorierte und personalisierte. Nachfolgend eine Auswahl der Dinge, die im Laufe der Jahre auf seinen Verstärkern standen. [
Weiter: Alle Neil Young-Amp-Dekos 1973-2008 ...]

|
1973
Nach dem Welterfolg seines Albums "Harvest" (1972) erwartete das Publikum auf Neil Youngs Tournee mit den "Stray Gators" 1973 gefällige Folk-Hymnen. Doch Young, tief getroffen vom Drogentod seines Gitarristen Danny Whitten, verweigerte sich. Statt bekannter Hits präsentierte er den ausverkauften Großarenen laute, raue und völlig neue Songs. Hinter den Kulissen herrschte Chaos: Spannungen zwischen den Musikern, Alkoholkonsum und Tonprobleme prägten die Tour. Neil Young bekam sein Amp-Setup und die Gibson Flying V-Gitarre, die Old Black ersetze, nie in den Griff. An einen Fender Bassman Amp, Teil seiner damaligen Verstärkerwand, hängt er ein "No Pass Outs"-Schild. Auf Deutsch: Kein Wiedereintritt. Ein damals üblicher Hinweise, um Zuschauer in den Hallen zu halten.
|
|
1976
Mit "Crazy Horse" ging Neil Young 1976 auf eine Welttournee, die in Japan startete und anschließend nach Europa führte. Auf seinem legendären Fender-Deluxe-Verstärker war damals die erste Version des Whizzer installiert, mit der Young per Fernsteuerung zwei verschiedene Lautstärkestufen abrufen konnte. Als Dekoration standen auf dem Verstärker noch ein Bild der freizügigen Tanzgirls der Pariser "Crazy Horse"-Revue sowie ein Exemplar der Actionfigur "Big Josh" des US-Spielzeugherstellers Mattel. Der bärtigen Holzfällerpuppe hatte Neil Young einen kleinen japanischen Kimono umgehängt.
|
|
1977
Im Sommer 1977 zog sich Neil Young nach Santa Cruz, Kalifornien, zurück und schloss sich dort spontan der kurzlebige Rockband "The Ducks" an. Zusammen mit Jeff Blackburn (Gitarre), Bob Mosley (Bass) und Johnny Craviotto (Schlagzeug) tauchte der Superstar in die lokale Clubszene ab, wo sie wochenlang fast ausschließlich unangemeldete Überraschungskonzerte in kleinen Bars rund um Santa Cruz gaben. Erst im Jahr 2023 wurden diese mythischen Club-Gigs offiziell als Live-Album unter dem Titel "High Flyin'" veröffentlicht. Auf Youngs Verstärker mit dem ersten Whizzer thronten - passend zum Bandnamen - stets verschiedene Spielzeugenten.
|
|
1987
Als Neil Young im Jahr 1987 mit "Crazy Horse" auf Europatournee ging – die Tour wurde im Film „Muddy Tracks” dokumentiert – hatte er immer noch die erste, von von Sal Trentino entworfene Version des Whizzers auf seinem Fender Deluxe montiert. Als Deko hatte er diesmal ein Modellauto daneben platziert. Es handelte sich um einen Chevrolet Corvette Roadster, Baujahr 1954, in dem er laut seinen Memoiren erfuhr, dass seine Lebensgefährtin Carrie Snodgress mit seinem ersten Sohn Zeke schwanger war. Den Wagen besang er später in den Songs "Road Of Plenty" und "Chevrolet".
|
|
1996
Im Jahr 1996 war Neil Young erneut mit "Crazy Horse" auf Tour. Es begann mit den legendären Warm-up-Gigs im "Old Princeton Landing", bei denen sie unter dem Namen "The Echoes" auftraten. Dabei fungierte ein alter Silvertone-Verstärker mit der Aufschrift "The Travelling Echoes" als Dekoration. Dieser stand auch während der nachfolgenden Welttournee auf Youngs Magnatone-Verstärker, zusammen mit zwei Modellautos: Die bereits bekannte Chevrolet Corvette und ein Ford Lincoln Continental Cabrio. Einen solchen Wagen sollte Neil Young später zum legendären elektrischen LincVolt umrüsten.
|
|
2008
Die Tour mit der Continental-Band im Jahr 2008 war besonders dekorationsreich. Da Neil Young seit 1991 die zweite, größere Version des Whizzers auf seinem Fender Deluxe montiert hat, war dort kein Platz mehr für Dekorationen. Dafür musste seitdem der Magnatone-280-Amp herhalten. 2008 war dieser mit einem Modellhäuschen geschmückt, das die US-amerikanische Firma MHT für die Spur-0-Modelleisenbahn des Herstellers Lionel im Angebot hatte und das sehr passend ein Gitarrengeschäft mit dem Namen "Neil's New And Used Guitars" darstellte. Zur Beleuchtung des Häuschens stand noch ein Transformator von Lionel auf dem Amp.
|
|
2008
Auf der gleichen Tour gab es zudem einen weiteren ungewöhnlichen Dekorationsgegenstand. Der stand aber nicht auf, sondern unter einem Verstärker. Dabei handelte es sich um ein Skateboard, auf dem Neil Young einen Fender Twin-Amp setzte, der zudem mit einer zusätzlichen, etwas vereinfachten Version des Whizzers ausgestattet war. |
Slideshow: Fotos von Neil Youngs Amp-Dekos 1973-2008
Ähnliche Artikel:
- Trommelwirbel - Neil Youngs Drum-Logos in der Übersicht
- Als Neil Young auf einem Versandhaus-Verstärker spielte
- Rust Never Sleeps: Rote Augen schreiben Bühnengeschichte
Das Thema lässt sich noch kräftig ausbauen. Allein die RNS Tour 1978 bot allerhand Bühnenkrempel um die Idee von "I am A Child" zu visualisieren: die große Hohner Marine Band, Harmonika, das dazugehörige Wasserglas, das Mikro, das dann auch bei der Weld Tour und selbst noch bei der Europa-Tour 2013 für dass Iwo Jima Re-enactment herhalten musste. Und was ist mit Woody, dem letzten Überlebenden vom Scheiterhaufen aus "Journey Through the Past", dem Cowboystiefel auf dem Piano, dem roten Telefon und und und Nicht zu vergessen, dass gelegentlich auch Neil Youngs Stage Outfit damit korrespondierte: die Hosenträger zu "I am a Child", das Lionel T-Shirt zur Tour 1987...
AntwortenLöschenWas hatte es 2025 mit dem Papp-Ghetto-Blaster auf der Bühne auf sich? War das ein "Kunschtprojekt" des Fräulein Tochter?
Ja, und auch der Bühnenkrempel bei der Rusted Out Garage Tour mit den fahrenden Kakerlaken usw. Aber das ist eine andere Baustelle, hier geht um das, was er auf seinen Verstärker stellte. Der Ghetto-Blaster stammte von Micah Nelson aka Particle Kid, dessen Fantasie, was schrägen Bühnenkrempel betrifft, Neil Young noch um einiges übersteigt.
LöschenDie thematische Eingrenzung war mir schon klar, aber lässt sich das so einfach trennen? Schließlich gehören auch die Getränke dazu, die während der Konzerte auf den Verstärkern abgestellt und nach und nach konsumiert wurden. Während des 1987er Konzerts in München handelte es sich um ein Helles von Hacker-Pschorr, nach einhelliger Meinung Münchner Experten, eher ein Bier der minderen Sorte...
AntwortenLöschenSpätere Konzerte boten mal Kräutertee o.ä. und vor allem Wasser.
Ja, das lässt sich alles gut trennen. Das Thema Konzertgetränke und Biersorten wäre auf jeden Fall eine eigene Betrachtung wert. Bis dahin zur Einstimmung: https://www.rusted-moon.com/2023/01/neil-young-harvest-bier.html
Löschen