Samstag, 20. Februar 2016

Wie 'Rockin' In The Free World' entstand - Version Nr. 3

Chad Cromwell
Schlagzeuger Chad Cromwell, der in verschiedenen Backingbands über 200 Konzerte mit Neil Young bestritt und auf sechs Alben zu hören ist, hat "Working Drummer" ein Interview gegeben. In dem jetzt als Podcast veröffentlichte Gespräch mit dem Fachmagazin für Schlagzeuger kommt Cromwell auch mehrmals auf seine Arbeit mit Neil Young zu sprechen. 

So erzählt er, wie es 1988 überhaupt zur Zusammenarbeit kam. Dabei spielte Niko Bolas, Neil Youngs langjähriger Produzent, Joe Walsh und dessen damalige Freundin eine Rolle. Studiomusiker Cromwell spielte 1986 in Memphis auf dem ersten Album, das Niko Bolas als unabhängiger Produzent aufnahm. Als Joe Walsh damals das Studio besuchte, stellte sich heraus, dass Cromwells Frau die beste Freundin von dessen damaliger Partnerin war. Cromwell und Walsh freundeten sich ebenfalls schnell an und ein Jahr später landete der Studiodrummer am Schlagzeug in der Tourband von Joe Walsh, in der auch Bassist Rick Rosas spielte. Neil Young rief dann später Cromwell und Rosas zu Hilfe, als sich die "Crazy Horse"-Rhythmusgruppe mit Ralph Molina und Billy Talbot für die Aufnahmen mit der Blues-Bigband "The Bluenotes" als ungeeignet erweisen. Cromwell spielte schließlich auf dem Album "This Note's For You" und auf der 1988er Tour mit den "Bluenotes".

Im selben Jahr saß Chad Cromwell auch bei den Aufnahmen zu Neil Youngs Album "Freedom" am Schlagzeug. Im Interview plaudert er aus, wie der Klassiker "Rockin' In The Free World" entstand. Cromwell: "Die Aufnahmen fanden in der Scheune auf seiner Ranch statt. Der mobile Aufnahmewagen war auch dort. In der Scheune standen die Mikrofone. Jeden Tag hatte er da diese Schreibtafel mit dicken Filzstiften. Und jeden Tag kamen wir rein und er ...  däng, däng, däng däng däng ... hatte dieses Riff. Er führte uns dieses Riff immer und immer und immer wieder vor. Und er war aufgeregt, weil er fühlte, dass es gut war. Und dann schrieb er und stoppte, stoppte und kritzelte Wörter auf diese Schreibtafel. Wenn wir zurück kamen, begann er zu singen, was er erarbeitet hatte. Er hatte so etwa zehn Strophen geschrieben." [Weiter: Youngs und Ponchos Versionen ...]

Berliner Mauer
Inspirierte die Mauer den Song?
Cromwell weiter: "Zu diesem Zeitpunkt waren seine Songs wie epische Geschichten. Es gab diesen anderen Song, "Ordinary People", der auf ein Album - "Bluenotes Live" - kam, das nie veröffentlicht wurde. Jetzt gerade kam es heraus. Dieser Song ist 21 Minuten lang. Wie auch immer, "Rockin' In The Free World" gehört zu dieser Songfamilie. Wir arbeiteten daran, wir taten es über Tage. Wir spielten es eine Weile, nahmen auch andere Songs auf, aber kamen immer wieder darauf zurück. Und jeden Tag kam er mit ein oder zwei neuen Strophen an.

Ich glaube, er hat den ganzen Song im Laufe einer Woche geschrieben. Das erste Mal haben wir den Song, ich glaube in Seattle gespielt. Das erste Mal, als wir den Song spielten, den Refrain anstimmten und die Reaktionen beobachteten - das Album war ja noch nicht erschienen - war uns sofort klar: OK, das wird eine Weile im Gedächtnis bleiben."

Neil Young und "Poncho" mit anderen Versionen 


Mit dieser Darstellung liefert Cromwell eine neue Variante der Entstehungsgeschichte des Songs. Laut Neil Youngs Memoiren "Waging Heavy Peace" entstand der Song nämlich im Februar 1989 im Tourbus auf dem Weg nach Seattle. Nachdem sie im TV Nachrichten über Unruhen an der Berliner Mauer sahen, habe "Poncho" Sampedro das mit "Keep On Rockin' In The Free World" kommentiert und damit den Titel für den neuen Song geliefert, den Neil Young noch am gleichen Tag im Bus vollendete und schon am nächsten Tag aufgenommen haben will.

Khomeini
... oder doch Khomeini?
"Poncho" Sampedro hatte dagegen Jimmy McDonough für dessen Buch "Shakey" eine andere Variante geliefert. Danach habe er den Songtitel auf Tour 1989 beim Verfolgen von TV-Bildern vom Begräbnis des iranischen Präsidenten Ayatollah Khomeini geprägt. Im Hinblick auf eine bevorstehende Europtour sei es besser, den Nahen Osten zu meiden und lieber weiter in der freien Welt zu spielen. In "Ponchos" Variante habe Neil Young den Song nach ein paar Tagen fertig gehabt und dann "Poncho" im Tourbus vorgestellt. Am nächsten Abend sei der Song den ahnungslosen anderen Bandmitgliedern auf der Bühne in Seattle erstmals präsentiert und live gespielt worden.

Youngs und Sampedros Versionen enthalten beide Ungereimtheiten: Im Februar 1989 gab es an der Berliner Mauer noch keine Unruhen. Und die Beerdigung von Ayatollah Khomeini war nicht im Februar sondern ein paar Monate später - im Juni 1989.  Aber auch Cromwells Variante ist in einem Punkt ungenau: Die Aufnahme des Songs auf dem Album "Freedom" datiert vom 10. März 1989 - mehr als zwei Wochen nach dem Live-Debüt am 21. Februar. Denkbar wäre höchstens, dass sich Cromwells Erinnerungen auf eine frühere Aufnahme des Songs beziehen, die es dann nicht aufs Album geschafft hat. Welche Variante letztlich stimmt, wird sich möglicherweise erst klären, wenn alternative Aufnahmefassungen eines Tages in Neil Youngs Archiven veröffentlicht werden. Letztlich aber gilt: Große Songs haben meist immer auch einen Entstehungsmythos.


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