Sonntag, 15. November 2015

The Big Room - Neil Youngs gescheitertes Filmprojekt

Neil Young - Doris Day
Neil Youngs aktuelles Archivalbum "Bluenote Café" enthält mit "Welcome To The Big Room" einen Song, der die ursprüngliche Idee hinter Neil Youngs Blues-Projekt von 1987 widerspiegelt: Ein Film im Stil von "The Blues Brothers". Autor Johnny Rogan beschreibt in "Zero to Sixty", dass der Plot des Films von einer Gruppe erfolgloser Freizeitmusiker handeln sollte, die mit Blues-Nummern in Klubs, Lounges, Restaurants und auf Hochzeitsgesellschaften auftreten.

Neil Young wiederum erzählt in seinen Memoiren "Special Deluxe", dass er damals "völlig berauscht von der Idee" war. Der Streifen sollte "The Big Room" heißen und eine Art Las Vegas-Parodie werden. Neil Young: "Nur richtig schäbig". Er habe sich damals ausführliche Notizen gemacht, die Charaktere und das Klubambiente ausgearbeitet. Er selber wollte als Bandleader namens "Shakey Deal" in dem Film auftreten, Saxophonist Steve Lawrence eine Rolle namens "Big Man" spielen. Er habe auch "einen großartigen Typen für die Rolle des Nachtclubbesitzers" gehabt, schreibt Neil Young weiter. Auch "Autos, ein paar Babes, Zigarettenmädels, Alk" waren schon organisiert .Er habe sogar die Songs für den Film gehabt - und meint damit die Blues-Nummern im Jimmy Reed-Stil, die er dann auf der Tour und dem 1988er Album "This Note's For You" spielte sowie für das damals geplante Live-Album aufnahm.

Eine passende Filmkulisse hatte Neil Young für sein Projekt auch schon ausgesucht. In "Special Deluxe" schreibt er: "Der Klub hätte ein Vegas-Hotel im Miniformat sein sollen, in einer Location, die mal Doris Day gehört hatte. Der Eingangsbereich war vom Typ "Caesars Palace" und die Architektur sehr prächtig, aber es war relativ klein. Eine Vegas Miniatur. Der Showroom war perfekt."  [Weiter: Alles über Doris Days Hotel ...]

Cabana Motel Palo Alto
Doris Days Cabana Motel in Palo Alto
Das obskure Filmprojekt löste sich schnell wieder in Luft auf, nachdem Neil Youngs damalige Plattenfirma Geffen Records keinen Cent in das Projekt investieren wollte. Neil Young in "Special Deluxe": "Ich war wirklich enttäuscht. War stinksauer. noch nie war meine Kreativität so beschnitten worden." Aber das war ja bekanntlich das Grundproblem zwischen dem eigensinnigen Musiker und seinem Label Geffen Records, dem er noch im selben Jahr 1987 den Rücken kehrte.

Jenes Hotel, das Neil Young in "Special Deluxe" erwähnt, war das 5-Sterne "Cabana Ressort Motor Hotel" im kalifornischen Palo Alto - nur etwa 30 Kilometer von Neil Youngs Ranch entfernt. Es wurde 1962 von der Schauspielerin Doris Day und ihrem Geschäftspartner Jay Sarno eröffnet. Sarno war eine schillernde Persönlichkeit der amerikanischen Hotel- und Kasinobranche, der 1958 zusammen mit Stanley Mallin das Cabana Motel in Atlanta eröffnet hatte. Das Geld dafür liehen sich die beiden vom Pensionsfonds der amerikanischen Transportarbeitergewerkschaft. Den Deal hatte deren legendärer Gewerkschaftsführer und skandalumwitterter Mafia-Verbindungsmann Jimmy Hoffa eingefädelt. Hoffa verschwand 1975 unter mysteriösen Umständen und wurde später für tot erklärt.

Kopie: Caesars Palace in Las Vegas
Nachdem das Cabana in Atlanta sehr erfolgreich anlief, expandierte man schon 1959 nach Dallas, Texas und 1962 nach Palo Alto, Kalifornien. Während Jay Sarno sich für das Projekt in Dallas das nötige Geld wieder aus Jimmy Hoffas Pensionsfonds lieh, gewann er für das Cabana in Palo Alto unter anderem Doris Day und deren Ehemann Martin Melcher, der dort das Geld aus den Gagen seiner erfolgreichen Ehefrau ("Bettgeflüster", "Ein Pyjama für zwei") auf anraten ihres Finanzberaters Jerome Rosental investierte. Rosental fungierte dann auch als Direktor des Hotelmanagements.

Das Cabana war eigentlich eine Nummer zu groß für Palo Alto - und purer Kitsch: Es hatte eine mit mehreren Springbrunnen und von einer Zypressen-Alle gesäumte Auffahrt, große Statuen im Pseudo-römischen Stil, einer "Nero-Bar" und Kellnerinnen, gekleidet in antiken Togas. Architektonisch und konzeptionell war es damit das direkte Vorbild für das von Sarno vier Jahre später in Las Vegas eröffnete Großkasino "Caesars Palace". Jay Sarno nahm dafür sogar einige der Statuen aus Palo Alto mit nach Las Vegas, wo er das "Caesars Palace" wieder einmal mit Geldern von Jimmy Hoffas Gewerkschaft aufbaute. Sarno starb 1984, lange nachdem er seine Hotels verkauft hatte, an einem Herzinfarkt - ausgerechnet in dem von ihm gebauten "Caesars Palace."

The Big Room - Cabana, Palo Alto
The Big Room im Cabana, 1963
Auch Doris Day hatte wenig Glück mit ihrem Investment. Nach dem Tod ihres Ehemanns Martin Melcher im Jahr 1968 merkte die Schauspielerin, dass dieser ihr gesamtes Vermögen mit dubiosen Investitionen wie dem Cabana in den Sand gesetzt hatte. Das Hotel in Palo Alto - und die Schauspielerin selbst - waren bankrott. Ihr Finanzberater Rosental hatte seine berühmte Klientin um viel Geld betrogen. Doris Day verklagte ihn und erstritt sich vor Gericht 23 Mio. Dollar Schadenersatz, die ihr Rosental aber zum grüßten Teil schuldig blieb.

Etwa zur selben Zeit war Doris Days Sohn Terry Melcher schon ein erfolgreicher Musikproduzent an der amerikanischen Westküste. Er hatte mit den "Byrds" den Hit "Mr. Tambourin Man" produziert, arbeitete mit den "Beach Boys" und war auch mit Neil Young befreundet. Der Bandenmörder Charles Manson hatte 1968 versucht, über die "Beach Boys", Neil Young und Terry Melcher an einen Plattenvertrag zu kommen.

Das Cabana Motel in Palo Alto ging nach der Pleite an die Hotelkette Hyatt, wechselte danach noch mehrmals den Besitzer und wurde 1992 nach einem Feuer schließlich geschlossen. 1996 sollte es sogar abgerissen werden. Nach einer umfangreichen Renovierung wird es heute als "Crown Plaza Palo Alto" aber wieder gerne für Veranstaltungen und Hochzeitsfeiern gebucht. Auch den "Big Room" gibt es noch - renoviert und modernisiert.

Crowne Plaza Palo Alto
Renoviert: Das Hotel heute
Zu den berühmtesten Gästen des alten Cabana in Palo Alto gehörten übrigens die "Beatles". Die Fab-Four übernachteten dort im September 1965, als sie auf ihrer zweiten USA-Tour im nahe gelegenen "Cow Palace", in San Francisco spielten. In jener Nacht soll sich angeblich die Folksängerin Joan Baez an der Security vorbeigeschmuggelt und eine Nacht mit John Lennon im Cabana verbracht haben.

Die "Beatles"-Suite kann auch noch heute in dem Hotel mieten. Wer also bei einem der kommenden Bridge-School-Benefizkonzerte - das Shoreline Amphitheater ist quasi um die Ecke - eine Übernachtungsmöglichkeit mit musikhistorischer Bedeutung sucht, wird hier sicher fündig. Die "Beatles", Joan Baez, Neil Young - mehr kann ein Hotelgast kaum verlangen. "Welcome to the big room."

Link: Das Cabana Palo Alto heute - Webseite des Hotels Crown Plaza

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