Samstag, 26. September 2015

Neil Young und 'Alabama': Cadillac wieder im Graben

Alabama: Cadillac in the ditch
Neil Young trägt bekanntlich den Spitznamen "Shakey" (auf deutsch: der Schwankende). Und das nicht nur wegen der schwankenden Kameraführung des passionierten Filmemachers. Auch in seinen Meinungen und seinem Handeln schwankt der Musiker oft überraschend zwischen meist gegensätzlichen Polen. Beim Farm Aid-Konzert am 19. September hat der ewig Schwankende wieder einmal ein Beispiel für eine seiner abrupten 180-Grad-Schwenks abgeliefert: nach vier Jahrzehnten kramte er seinen Südstaatensong "Alabama" aus der Versenkung und brachte ihn mit seiner neuen Band "Promise of the Real" auf die Bühne in Chicago.

"Alabama" gehört nicht nur wegen des Scharmützels mit den Südstaaten-Rockern "Lynyrd Skynyrd" zu Neil Youngs kontroversesten Songs. Der von den Medien stets übertrieben dargestellte angebliche Streit mit Skynyrd-Frontman und Neil Young-Fan Ronnie Van Zant, der 1974 mit "Sweet Home Alabama" eine Replik auf den Youngs Alabama-Anklage schrieb, war dabei nur ein Aspekt. Biograph Jimmy McDonough zitiert in "Shakey" auch den Songwriter Randy Newman, der "Alabama" für zu schlicht hält und meint, dass Neil Young zu wenig über den Süden wisse."

Auch Neil Young selbst hatte sich schon sehr früh von seinem Song distanziert, der neben "Southern Man" vom zwei Jahre eher erschienenen Album "After The Gold Rush" den Rassismus in den amerikanischen Südstaaten thematisiert. Nachdem "Lynyrd Skynyrd" 1974 ihre Replik veröffentlichen, strich Young den Song aus dem Repertoir. Nur 1977 spielte er ihn noch einmal - spontan als Teil eines Medleys zusammen mit "Sweet Home Alabama". Anlass war der plötzliche Tod Ronnie Van Zants und weiterer Mitglieder von "Lynyrd Skynyrd" bei einem Flugzeugabsturz. Seitdem schlummerte "Alabama" in Youngs Werkkatalog. [Weiter mit 'Alabama' ...]


Young hatte sich schon distanziert


Noch 2011 äußerte sich Young kritisch zu dem Song. In einem Interview mit John Jurgensen vom Wallstreet Journal sagte er: "Und die Plattenfirmen sagten, das Radio würde nie Neil Young als Country-Künstler spielen und dass ich mit "Southern Man" und "Ohio" und "Alabama" zu viele Brücken hinter mir verbrannte hatte. (...) Ich hatte einige Songs über den Süden geschrieben. Einige von ihnen waren naiv und ich hätte sie nicht schreiben sollen. Und andere, hinter denen ich immer noch stehe. Ich liebe 'Southern Man'. Ich denke, es hat gute und starke Bilder."

Ein Jahr später, 2012, legte er in seinen Memoiren "Waging Heavy Peace" noch einmal nach: "'Alabama' hat sich den Schuss vor den Bug, den 'Lynyrd Skynyrd' mir  mit ihrer großartigen Platte gaben, redlich verdient. Ich mag meine Worte nicht, wenn ich sie heute höre. Sie sind anklagend und herablassend, nicht voll durchdacht, zu leicht misszuverstehen."

2010 und 2012 hatte Neil Young zudem seinen jahrzehntelang bestehenden Boykott des südlichen Bundesstaates beendet. Nachdem er seit 1973 stets einen Bogen um das von ihm kritisierte Alabama gemacht hatte, trat er dort im Herbst 2010 in Mobile und 2012 mit "Crazy Horse" in Toscaloosa auf. Es schien, als hätte er seinen Frieden mit dem Staat gemacht.

Um so überraschender nun die Kehrtwende bei Farm Aid. Über die Gründe, warum er den Song wieder hervorholte, kann man nur spekulieren, dazu geäußert hat sich der Musiker wie immer nicht. Klar ist aber, dass Neil Young seine Setlist noch nie dem Zufall überlassen hat. Wenn er einen bestimmten Song spielt, dann weil er ihn spielen will oder meint, ihn spielen zu müssen.


Motiv wie bei 'Thrasher'?


So hatte er zum Beispiel im letzten Jahr mit "Thrasher" überraschend einen Song ins Programm genommen, der ebenfalls vier Jahrzehnte nicht mehr live zu hören war. 1978 kippte Neil Young diese musikalische Aufarbeitung der CSN&Y-Periode nach eigener Aussage wegen einer ignoranten Zeitungskritik aus seiner Setlist. Dass er "Thrasher" 2014 dann ausgerechnet in Los Angeles wieder ausgrub, war ganz offensichtlich eine Botschaft an seine alten Kumpel Crosby, Stills und Nash, die auf eine Wiedervereinigung der Band gehofft hatten. Nach David Crosbys verbalem Ausfall gegen Neil Youngs neue Lebensgefährtin Daryl Hannah war das Thema für ihn aber wohl endgültig durch.

Außerdem scheint Young lieber mit jungen Leuten wie den Nelson-Brüdern spartanisch im Tourbus von Ort zu Ort zu tingeln, als es sich wie CSN auf Tour eher bequem zu machen. Die drei waren zuletzt sogar mit mehreren Shows an Bord eines Kreuzfahrtschiffs aufgetreten. Diese gegensätzlichen Berufsauffassungen gehörten schon zu den zentralen Botschaften im Songtext von "Thrasher" (The Motel of lost companions waits with heated pool and bar").


Rassismus immer noch aktuell


Auch im Fall von "Alabama" könnte Neil Young zu der Erkenntnis gelangt sein, dass sich an den Gründen für die Entstehung des Songs in über 40 Jahren eigentlich nichts geändert hat. Denn auch heute noch gehört der Rassismus in den Bundesstaaten des amerikanischen Südens zur Tagesordnung. Die Ausschreitungen im Zusammenhang mit den tödlichen Schüssen weißer Polizisten auf schwarze Bürger, der Mordanschlag auf Kirchgänger in Charleston oder die jüngsten Straßenschlachten in zahlreichen Städten des Südens aus Protest gegen den Rassismus machen den Protestsong erneut relevant. Alabamas Cadillac, so Neil Youngs mögliche Überlegung zur zentralen Metapher des Songs, steht immer noch mit zwei Rädern im Straßengraben. "Alabama" zu spielen, ist also eine "Reise durch die Vergangenheit". In dem gleichnamigen Film Neil Youngs und dem dazu gehörigen Soundtrack-Album von Ende 1972 war der Song auch enthalten - und inspirierte das Coverfoto mit den Reitern des Ku-Kux-Klans.

Hinzu kommt: Die Kritik an der angeblichen Schlichtheit und Naivität der Lyrics hat sich seit "The Monsanto Years" weitgehend erledigt. Schließlich hat der alte Haudegen gerade ein ganzes Album mit Songs veröffentlicht, deren Texte die Direktheit und schlichten Metaphern von "Alabama" sogar noch in den Schatten stellen. Neil Young befindet sich derzeit im Protestmodus. Da greift er eben lieber zum schweren Säbel statt zum eleganten Florett. Davon abgesehen: Der Farm Aid-Auftritt zeigte auch noch einmal, dass "Alabama" ein idealer Song für Neil Youngs "White Falcon"-Gitarre ist, deren hölzernes Knarrzen und Aufheulen selten so songdienlich rüber kommt, wie auf Klassikern wie "Words", "Southern Man" und eben "Alabama". Der am 1. Oktober beginnende zweite Teil der "Rebel Content Tour" wird zeigen, ob "Alabama" weiter im Repertoire der Band bleibt.


Neil Young als Alabama-Spinne


Es gibt übrigens noch eine kuriose Verbindung zwischen Neil Young und Alabama: Im Jahr 2008 fand man in Alabama eine bis dahin unbekannte Spinnenart. Der Wissenschaftler, der die neue Art entdeckt hatte, benannte sie zu Ehren des kanadischen Musikers "Myrmekiaphila Neilyoungi". Auch das führte zu Protesten in Alabama. Noch in diesem April fragte eine örtliche Zeitung, warum man keine Spinne nach dem aus Alabama stammenden Nat "King" Cole benennt, anstatt den Alabama-kritischen Kanadier zu ehren.


Videos:


Neil Young & Stray Gators - Alabama, "Harvest" Barn-Session 1971




Neil Young Medley aus "Alabama" und "Sweet Home Alabama", 1977




Neil Young + Promise of the Real - "Alabama" - Farm Aid 2015




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