Freitag, 29. Mai 2015

Das Kino 'Teatro' - Neil Youngs Anti-Monsanto-Hauptquartier

Neil Young - Teatro in Oxnard
Neil Young und Promise of the Real mit Lukas und Micah Nelson haben "The Monsanto Years" in einem alten Kino in der 200.000-Einwohner-Stadt Oxnard in Südkalifornien aufgenommen. In dem durch Obstanbau und Militär geprägten Ort im Venture County, etwa 50 Kilometer westlich von Los Angeles, entstand das Album in etwa sechs Wochen im ehemaligen Kino "Teatro" am Oxnard Boulevard.

Neil Young knüpft mit der Wahl dieses Aufnahmeorts gleich an mehrere musikalische Linien an, die das alte Kino mit seinem musikalischen Leben und dem der Nelson-Brüder verbinden. Trotzdem war die Wahl überraschend, denn in der Branche spielt das "Teatro" schon seit vielen Jahren keine Rolle mehr. Aber vielleicht setzen Neil Young + The Promise of the Real ja ein Revival in Gang.

Das "Teatro" wurde 1929 als "The Boulevard Theatre" im Art Deco Stil der 1920er Jahre als Kino eröffnet. Später wurde es dann als "El Teatro" für viele Jahrzehnte zu einem vielbesuchten Kino für Filme in spanischer Sprache. Vor allem die vielen Immigranten und Einwohner mit mexikanischen Wurzeln aus der gesamten Gegend füllten die 750 Plätze des Kinosaals in Oxnard, bis dann der Einzug von Kabelfernsehen und Videorecorder in die heimischen Wohnzimmern zu einem Besucherschwund führten. 1993 schloss das "Teatro" als Kino, um 1995 als Tonstudio für die Rockmusik wieder aufzuerstehen. [Weiter: Alles über das Teatro ...]

"Man muss selbstgenügsam sein"


Teatro in Oxnard, um 1940
Das Teatro in den 1940er Jahren
(c) Oxnard Public Library
Verantwortlich dafür waren Produzent Daniel Lanois und sein langjähriger Toningeneur Mark Howard. Die kanadischen Landsmänner, sie stammen wie Neil Young beide aus Ontario, hatten seit Lanois eigenem Soloalbum "Arcadie" von 1989 zusammen gearbeitet und eigene Tonstudios in New Orleans und San Fransisco eröffnet. Dort produzierten sie unter anderem bekannte Alben wie "Yellow Moon" für die Neville Brothers, Bob Dylans "Oh Mercy" und "Automatic for the People" von "R.E.M.". 1994 nahmen die beiden mit Emmylou Harris deren Album "Wrecking Ball" auf, für das Neil Young nicht nur den Titelsong schrieb, sondern auch Backgroundgesang beisteuerte.

Im Jahr darauf, 1995 begannen Lanois und Howard in Oxnard mit dem Ausbau des "Teatro" zu einem Tonstudio. In seiner Biographie "Soul Mining" beschreibt Daniel Lanois wie er nach intimen Aufnahmeorten abseits der Großstadthektik von San Fransisco und Los Angeles suchte. Als er an der Leuchtreklame des alten Kinos den Schriftzug "zu vermieten" las, schlug er zu. "Weit weg von L.A. in Oxnard waren zufällige Begegnungen quasi ausgeschlossen. Man muss selbstgenügsam sein -  technologisch als auch emotional", erklärt Lanois. Ein weiterer Vorteil des "Teatro" sei der große, fensterlose Kinosaal. Den könne man mit einer großen PA-Anlage beschallen und so echte Clubatmosphäre schaffen. Wegen des fehlenden Tageslichts bliebe die mit künstlicher Beleuchtung erzeugte Stimmung zeitlich unbeschränkt erhalten. Auch der fehlende Kontrollraum - Mischpult und Aufnahmeequipment standen mitten im Saal - trugen zur kreativ-produktiven Arbeitsumgebung bei.

Daniel Lanois Gitarren im Teatro
Daniel Lanois Gitarren im Teatro
"Bob Dylan kann die Straße runtergehen und kein Mensch weiß, wer er ist", erklärte Mark Howard 1998 der Los Angeles Times die Vorteile des Studios in der kalifornischen Provinz in Mitten einer Latino-Nachbarschaft. Die Offiziellen der Stadt haben die Anwesenheit von Prominenten in Oxnard auch ganz bewußt nicht an die große Glocke gehängt. Auch das, schreibt die LA Times, habe zum ungestörten Arbeitsklima im "Teatro" beigetragen.

Erstes Projekt in dem ehemaligen Kinosaal war der Soundtrack für Regisseur Billy Bob Thorntons Film "Sling Blade", der einen Oscar bekommen sollte. 1996 erschien dann Bob Dylan im "Teatro" und nahm mit Lanois und Howard in mehreren Sessions Songskizzen für sein Album "Time Out Of Mine" auf, das drei Grammy gewann und Album des Jahres wurde. Lanois und Howard, beide begeisterte Motorradfahrer und -sammler, hatten damals auch ihre Bikes im "Teatro" aufgestellt und damit Dylans Interesse geweckt, schreibt Lanois in "Soul Mining". Bob Dylan brachte seine eigene Harley zur Session mit, ließ sie von den beiden reparieren und machte mit ihnen Spritztouren durch die Umgebung von Oxnard.

Wim Wenders schneller als Bernard Shakey


Teatro in Wenders Film
Teatro in Wenders Film
1997 fanden dann die Aufnahmesessions für ein Album von Willie Nelson in dem alten Kino statt. Daniel Lanois richtete es nach dem Vorbild von alten Tanzsälen aus Willie Nelsons Jugend ein. Mit von der Partie war unter anderem Emmylou Harris. Das Album wurde schließlich sogar nach dem Kino benannt und die Frontseite des "Teatro" schmückte das Cover. Die Aufnahmesessions für Willie Nelsons Album bannte übrigens kein geringerer als der deutsche Kult-Regisseur Wim Wenders auf Zelluloid.

Wenders Filmdokumentation kam, wie auch das Album 1998 als "Willie Nelson At The Teatro" heraus - auch das eine Parallele zu den aktuellen Aufnahmen mit Neil Young und Willie Nelsons beiden Söhnen. Deren Monsanto-Sessions ließ Neil Young von "Shakey Pictures" filmen. Die Filmdokumentation hatte im April in New York Premiere und wird der Deluxe-Version des Albums auf DVD beiliegen. Allerdings kommt die rustikale Wackel-Ästhetik der "Shakey"-Produktion natürlich nicht an die gepflegte Schwarz-Weiß-Optik eines Wim Wenders heran.

Kino war später Kindergarten und Kirche


Neil Young und The Promise of the Real im Teatro
Neil Youngs Aufnahmesession im Teatro
Zu den weiteren Künstlern, mit denen Daniel Lanois und Mark Howard in dem Kino aufnahmen, gehörten unter anderem Marianne Faithfull, die "Red Hot Chilli Peppers" und die irische Band "U2". Deren Album "All That You Can't Leave Behind" war dann 1999 die letzte Produktion im alten "Teatro", ehe Howard und Lanois ihre Aktivitäten im Jahr 2000 nach Los Angeles in ein neues Studio im Silver Lake District verlegten. In der Gegend nahm Lanois dann 2010 mit Neil Young dessen Solo-Album "Le Noise" auf.

Das "Teatro" war nach dem Weggang von Lanois und Howard noch einige Zeit als Probebühne und Übungsraum für Musiker nutzbar. Später wurden die Räume dann als Kindertagesstätte und Kirchenversammlungsraum genutzt. Es gab zahlreiche bauliche Veränderungen, die Kinobestuhlung verschwand und die Fassade begann zu bröckeln. Seit ein paar Jahren bemüht sich ein neuer Besitzer und Inhaber einer Multimediafirma um eine Renovierung und eine kulturelle Nutzung. Neil Youngs Aufnahmesession passt da perfekt ins Bild. Das "Teatro" hat erneut Musikgeschichte geschrieben.


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