Freitag, 12. Dezember 2014

Buch: Neil Youngs "Harvest" - Ablästern auf der Toilette

Die Aufnahmen zu Neil Youngs aktuellem Album "Storytone" waren bekanntlich nicht die ersten mit einem großem Symphonieorchester. Schon 1971 nahm Neil Young mit dem London Symphony Orchestra (LSO) zwei Songs für sein Album "Harvest" auf. Damals hatte Jack Nitzsche die Orchesterarrangements geschrieben und wollte den weltberühmten Londoner Klangkörper eigentlich auch dirigieren. Die Credits zum Album weisen aber David Meecham als Dirigenten aus.

in English
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Der britische Produzent und Toningenieur Glyn Johns, der damals am Mischpult saß und der mit vielen berühmten Bands arbeitete, enthüllte jetzt einige interessante Details der Orchester-Session für "Harvest" in der Londoner Barking Town Hall. Im November ist gerade seine Autobiografie "Glyn Johns - Sound Man" im Verlag "Blue Rider Press" erschienen - dem gleichen Verlag, der auch Neil Youngs Memoiren veröffentlichte. Glyn Johns schildert darin, warum am Ende nicht Jack Nitzsche, sondern der unbekannte Geiger Meecham aus der zweiten Reihe des Londoner Orchesters am Dirigentenpult stand und die beiden Songs "A Man Needs a Maid" und "There's A World" dirigierte.

"Rusted Moon" hat die Passage zu "Harvest" ins Deutsche übersetzt. Dabei kann man auch Nachlesen, welche Rolle ein Gespräch während einer Pinkelpause auf der Herrentoilette spielte: [Weiter zur Buchpassage ...]


Jack Nitzsche
"Ich genoss die Arbeit mit Graham, war wirklich beeindruckt von seinen Solo-Bemühungen und lernte ihn viel besser kennen in den drei Tagen, die es brauchte, um sein Album abzumischen. Und es war ein absoluter Zufall, dass ich am nächsten Tag zur Barking Town Hall in London ging, um "A Man Needs a Maid" und "There's a World" mit Neil Young und dem London Symphony Orchestra für das aufzunehmen, was das 'Harvest'-Album wurde.

Wir benutzten die mobile Aufnahmeeinheit der Stones, oder den 'Stones Truck', wie er genannt wurde. Dies war eine der wenigen Gelegenheiten, ein Sinfonieorchester aufzunehmen, nachdem ich bei der Ausbildung bei vielen Gelegenheiten mit dabei war. Ich bin mir nicht ganz sicher, was das Orchester über den zerzausten, ein wenig ungepflegten Charakter dachte, der sich da um zehn Uhr morgens ans Klavier setzte. Bei einem Besuch auf der Herrentoilette während der  ersten Gewerkschaftspause konnte ich einige abfällige Bemerkungen von zwei Mitgliedern des Orchesters belauschen, als sie am Urinal standen.

Glyn Johns
Glyn Johns am Mischpult
Jack Nitzsche, der amerikanische Produzent, Arrangeur, Musiker und Songwriter hatte die Arrangements erarbeitet, und während des ersten Durchlaufs von "A Man needs a Maid" zeigte sich, dass das Dirigieren eines Sinfonieorchesters nicht zu seinen vielen Talenten gehörte. Es war ein Chaos, war doch Jacks Methode völlig asynchron zu diesen klassischen Jungs. Und als der letzte Akkord verklang, war der Raum mit einem ominösen, etwas verstimmten Murmeln aus den Reihen des Orchesters gefüllt. Ein männlicher Geiger aus der Zweiten Reihe hob seine Hand und fragte Jack höflich, ob er nach vorne kommen dürfe.

Ich sprang aus dem Wagen, lief in die Halle und erreichte das Dirigentenpult in dem Moment, als der Mann dort ankam. Ich dachte, ich könnte schlichten, falls es notwendig würde. Der Mann war charmant, höflich und flüsterte zu Jack, es sei offensichtlich, dass er keine Erfahrung im Dirigieren eines Sinfonieorchesters habe. Er bot an, zu übernehmen, da er Dirigent sei. Jack stimmte bereitwillig zu, trat mit viel Erleichterung herunter und gab den Taktstock weiter an den Geiger. Von da an lief die Session wie ein Traum, das Ergebnis war für alle zu hören. Es war eine fabelhafte Erfahrung und die verbesserte noch die Zusammenarbeit mit Neil und die beiden wunderbaren Lieder, die er geschrieben hatte."




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