Freitag, 3. Januar 2014

New York, New York - Neil Young und der "Big Apple"

Neil Young Statue
Neil Young als Freiheitsstatue
Mit den vier Solo-Shows vom 6. bis zum 10. Januar in der New Yorker "Carnegie Hall", rückt "The Big Apple" in den Fokus der Neil-Young-Fans. Neil Young hat in seiner langen Karriere oft in New York City gespielt: 126 Shows weist die Datenbank von sugarmtn.org seit 1968 auf - und dabei sind die neun Auftritte mit "Buffalo Springfield" in der New Yorker Discothek "Ondine's" im Januar 1967 noch nicht mit eingerechnet.

Neil Young und New York - das sind zwar zwei Mal die gleichen Initialen, aber nicht gleich Liebe auf den ersten Blick. Dabei war der Weg in die Stadt, die niemals schläft, schon früh vorgezeichnet. Laut Biographie "Shakey" hörte Neil Young, als er anfing die Musik zu entdecken,  besonders gerne den Bluesmusiker Jimmy Reed. Seine erste eigene Schallplatte war Reeds "Going to New York". Nur wenige Jahre später ging Neil Young dann selber.

Die ersten Erlebnisse des gebürtigen Kanadiers in der US-Metropole waren aber zunächst nur Fehlschläge. Den ersten davon erlebte Neil Young in den ersten Novembertagen 1965. Damals reiste er mit Freund und Bassist Ken Koblun nach einem missglückten Auftritt in einem Skigebiet in Vermont mit dem Bus nach New York City weiter. Die beiden letzten verbliebenen "Squires" wollten dort Stephen Stills besuchen, den sie im April 1965 in Fort William, Kanada, kennengelernt hatten. Stills war damals mit der Band "The Company" in Kanada auf Tour und hatte Neil Young seine Adresse im New Yorker Studentenviertel Greenwich Village gegeben.

Dort wohnte er zusammen mit Mitgliedern der kurzlebigen Folkgruppe "The Au Go-Go Singers", aus deren Resten sich "The Company" gebildet hatte. Die "Au Go-Go Singers" hatten bereits 1964 ein wenig erfolgreiches Album aufgenommen, auf dem Stephen Stills ein Cover von "High Flyin' Bird" sang. Den Song hatte auch "The Company" in Fort William im Repertoire und Neil Young war davon so beeindruckt, dass er seine "Squires" kurzfristig in "The High Flyin' Birds" umbenannte und den Song fünf Jahrzehnte später auf "Americana" mit "Crazy Horse" coverte. [Weiter mit 12 wichtigen Stationen Neil Youngs in New York ...]

Ein Mitglied der ursprünglich neun "Au Go-Go Singers" war auch Richie Furay, der damals aber die Kanada-Tour der in "The Company" umbenannten Truppe nicht mitgemacht hatte. Der Freund von Stephen Stills und spätere Bandkollege bei "Buffalo Springfield" nahm statt dessen einen Job bei einem Hersteller für Flugzeugtriebwerke an. An den Wochenenden kam er aber weiterhin nach New York, um bei Hootenanny-Abenden im Greenwich Village Musik zu machen. Dann wohnte er noch immer in einem der beiden Apartments, die er und andere Mitglieder der "Au Go-Go Singers" im Village angemietet hatten. Stephen Stills war da bereits seit August 1965 nach Kalifornien abgewandert.


Richie allein zu Haus

171 Thompson Street
171 Thompson Street
In seinem Buch "Pickin' Up the Pieces: The Heart and Soul of Country Rock Pioneer Richie Furay" nennt Richie Furay die Adresse der beiden Apartments: 171 und 173 Thompson Street, New York City. Das 6-stöckige rote Backsteingebäude aus der Zeit um 1900 steht dort - nahezu unverändert - noch heute. Es beherbergt, aktuellen Immobilienanzeigen zufolge, 30 Apartments zu Monatsmieten bis zu 5.000 Dollar. Jean Gurney und Michael Scott, Mitglieder der "Au Go-Go Singers" und "The Company" dürften als damalige Mieter der Nr. 171 erheblich weniger gezahlt haben, als sich Richie Furay, Neil Young und Ken Koblun in den ersten drei Novembertagen 1965 dort trafen.

Die Adresse 171 Thompson Street, New York City war aber nicht nur die erste Anlaufstelle überhaupt für Neil Young im "Big Apple" - das Apartment war auch ein wichtiger Wegpunkt für Neil Youngs weitere Karriere. Die dort erhaltene Nachricht vom Wegzug Stephen Stills nach Kalifornien bestärkte auch Neil Youngs Pläne, wenig später ebenfalls sein musikalisches Glück an der US-Westküste zu suchen. Dort gründeten er, Stephen Stills und Richie Furay bekanntlich kein halbes Jahr später "Buffalo Springfield". Deren erste Single war im August 1966 "Nowadays Clancy Can't Even Sing". Genau diesen Song hatte Neil Young seinem New Yorker Gastgeber Richie Furay im November 1965 in dem Apartment in der 171 Thompson Street vorgespielt.


Der zweite Fehlschlag

Nachdem Neil Young von diesem ersten Besuch New Yorks nach Toronto zurückgekehrt war, fuhr er laut Biograph John Einarson bereits wenige Wochen später erneut hin, um Probeaufnahmen für eine Plattenfirma zu machen. Neil Young selber schreibt in seiner Biographie, dass die Aufnahmen während seines ersten Besuchs gemacht wurden. Welche Version auch immer stimmt, im Gepäck hatte er auf jeden Fall seine orangefarbene Gretsch 6120 Gitarre und einen Verstärker. Als er mit dem sperrigen Gepäck im New Yorker Port Authority Busbahnhof ankam, schreibt Neil Young weiter, bat er jemanden, ihm zu helfen. Der antwortete in der rauhen Art der New Yorker: "Du bist jetzt im 'Big Apple', Kleiner - trag dein Zeug selber!"

Mit seinem Verstärker und der E-Gitarre spielte er dann in einem schäbigen Lagerraum für Tonbänder der Plattenfirma ELEKTRA Records Probeaufnahmen von sieben seiner Eigenkompositionen ein, darunter die ersten Aufnahmen von "Sugar Mountain" und "Clancy". In ein richtiges Studio ließ man ihn nicht. Die Räume von ELEKTRA befanden sich damals an der New Yorker Adresse 361 Bleecker Street im Greenwich Village. Die New Yorker ELEKTRA-Session im Dezember 1965 war für Neil Young ein herber Karriererückschlag. Es fing schon damit an, dass er wegen eines defekten Kabels seinen Verstärker nur als Sitzbank nutzen konnte und die Gitarre unverstärkt spielte. Am Ende zeigte ihm ELEKTRA-Boss Jac Holzman die kalte Schulter. Die Bänder wanderten unveröffentlicht ins Archiv. Neil Youngs frühe Solokarriere als Solo-Folkmusiker war spätestens an diesem Tag in New York gescheitert.


Neil Youngs Clubs im Greenwich Village

Bitter End 1968
Bitter End 1968
Wenig später, als Neil Youngs Karriere an der amerikanischen Westküste mit "Buffalo Springfield", "CSNY", "Crazy Horse" und auch als Solo-Künstler doch noch zündete, spielten die kleinen Clubs im Greenwich Village, in unmittelbarer Nachbarschaft der 171 Thompson Street, wieder eine wichtige Rolle.

Aber auch dann fing er in New York erst einmal wieder klein an: Im Club "The Bitter End", nur etwa 100 Meter um die Ecke in der Bleecker Street, trat Neil Young Ende Oktober 1968 als Opening Act für seine damals noch bekanntere kanadische Kollegin Joni Mitchell auf. Es war ein akustischer Soloauftritt, nachdem sich ein paar Monate zuvor "Buffalo Springfield" aufgelöst hatten. Nach dem Ende der Band trat er also nur 100 Meter entfernt von genau jenem Apartment auf, in dem drei Jahre zuvor die Weichen für "Buffalo Springfield" gestellt wurden. Im "Bitter End" sang übrigens nach eigenen Angaben auch Richie Furay 1965 mehrmals das ihm von Neil Young beigebrachte "Nowadays Clancy Can't Even Sing" erfolglos beim Vorspielen für Engagements.

Im Februar 1969 war das "Bitter End" in New York dann auch die erste Station der allerersten Tour mit Neil Youngs damals neuer Band "Crazy Horse". Es war der Beginn einer bis heute andauernden Erfolgsgeschichte. Auch für Neil Young & Crazy Horse gilt also: "If I can make it there, I'll make it anywhere, It's up to you, New York, New York."

Schon sieben Monate später war Neil Young wieder zurück im Greenwich Village: Im September 1969 gastierte er mit "CSN&Y" für vier Shows im New Yorker "Fillmore East", das ebenfalls nur etwa 800 Meter Luftlinie von der Thompson Street in der 2nd Avenue in Manhattan lag. Ein weiteres halbes Jahr später war das "Fillmore East" erneut die Bühne für vier Shows in Folge. Diesmal aber wieder mit "Crazy Horse". Diese New Yorker Shows am 6. und 7. März 1970 erschienen 2006 als CD in der "Archive Performance Serie" und sollten ursprünglich sogar schon 1971 als Live-LP herauskommen.

Auch das "Cafe Au Go-Go", Namensgeber der "Au Go-Go Singers" und gleich gegenüber vom "Bitter End" in der Bleecker Street gelegen, war Schauplatz einer typischen Neil-Young-Geschichte aus den frühen Tagen seiner Karriere: Dort fanden sich im Sommer 1969 Crosby, Stills, Nash & Young zu Proben mit Bruce Palmer und Drummer Dallas Taylor ein. Neil Youngs Kumpel Palmer, Bassist bei "Buffalo Springfield" und zuvor für ein paar Wochen mit Young in Toronto bei den "Mynah Birds", stieß vor allem bei David Crosby und Graham Nash auf Argwohn. Die beiden befürchteten, dass sie bei CSN&Y gegen die drei Ex-Buffalos Young, Stills und Palmer den Kürzeren ziehen würden. Palmer schaffte es nicht in die Band. Statt dessen kam Bassist Greg Reeves, eine Empfehlung vom ehemaligen Sänger der "Mynah Birds", Rick James.

After The Gold Rush - Sullivan Street
Zaun an der Sullivan Street
Ganz in der Nähe, in der Sullivan Street/Ecke 3rd Street , befindet sich auch der berühmte Metallgitterzaun, vor dem Fotograf Joel Bernstein das mit Solarisationseffekt verfremdete Foto von Neil Young und einer alten Frau schoss. Das Foto, auf dessen Original auch noch Graham Nash zu sehen war, war dann im August 1970 das Cover von Neil Youngs drittem Soloalbum "After The Gold Rush". 

Die Zeiten, als Neil Young in den kleinen Clubs des New Yorker Greenwich Village auftrat, endeten endgültig am 16. Mai 1974. Nach der "Tonight's The Night Tour" von 1973 - und vor der großen "Crosby, Stills, Nash and Young Reunion Tour" - spielte Neil Young ein legendäres, einstündiges Solokonzert im kleinen Club "The Bottom Line" in der 15 West Fourth Street. Von den elf Songs, kamen nicht weniger als fünf zum allerersten Mal live zu Gehör, darunter "Long May You Run" und "On The Beach". Der Club "The Bottom Line" lag nur ein paar Blocks entfernt vom "Cafe Au Go-Go", dem "Bitter End", dem "Fillmore East" und Richie Furays Apartment in der 171 Thompson Street. Sehr weit herumgekommen ist Neil Young in seiner frühen New Yorker Zeit also nicht. Immerhin ein Vorteil für alle, die heute als Touristen auf Neil Youngs Spuren im Greenwich Village wandeln wollen: Alles ist bequem zu Fuß zu erreichen.

Lediglich die "Carnegie Hall" liegt außerhalb von Neil Youngs damaligem Revier. Seine beiden Solokonzerte in dieser renommierten Konzerthalle am 4. und 5. Dezember 1970 waren damals für ihn der vorläufige Höhepunkt seiner Karriere - dafür verlässt man natürlich gerne ausgetretene Wege ...


Noch mehr New York, New York ...

John D'Angelico
John D'Angelico (r.) vor
seiner New Yorker Werkstatt
Mit New York verbindet Neil Young mehr als nur Auftritte. So beschreibt er in seiner Autobiographie "Waging Heavy Peace" (in der New Yorker Verlagsgruppe Penguin erschienen), wie er Ende der 1960er Jahre einem obskuren New Yorker Rechtsanwalt 5.000 Dollar bezahlte, um ihm bei den Behörden eine Arbeitserlaubnis für die USA zu "kaufen". Als kanadischer Staatsbürger hätte er sonst ohne diese "Green Card" nach Auslandsaufenthalten nie wieder legal in seine neue Heimat einreisen dürfen.

Zu den ganz besonderen Gitarren, die Neil Young gelegentlich auf der Bühne verwendet, gehört eine seltene Archtop Jazz-Gitarre aus dem Jahr 1938. Es handelt sich um eine D'Angelico "New Yorker". Die handgefertigten Einzelstücke des berühmten Gitarrenbauers John D’Angelico entstanden in dessen Werkstatt in 37 Kenmare Street, Little Italy, New York City.

Auf der Club-Tour mit den "Bluenotes" im Jahr 1987 spielte Neil Young eine ganze Reihe von Songs, die bis heute nicht auf Album erschienen sind. Darunter war mit "High Heels" auch ein Song, dessen Story in den Straßen von New York City spielt:
"Now, New York City on a friday night / A lot of things happenin, a lot of bright lights. / Saw a pretty woman all dressed in red / She turned to me and this is what she said / She said, honey I got the blues I got the blues from ridin all night in these high heel shoes."

1988 nahm Neil Young im New Yorker Studio "The Hit Factory" in der 130 West 42nd Street ein Album auf, das erst unmittelbar vor der Veröffentlichung wieder zurückgezogen wurde. Außer dem Aufnahmestudio hatte das Album noch gleich zwei weitere Bezüge zu New York City: Das Album sollte "Times Square" heißen und es enthielt eine Coverversion des Klassikers "On Broadway". Neil Youngs Hommage an "Big Apple" ist bis heute unveröffentlicht. Der Song "On Broadway" erschien ein Jahr später auf dem Album "Freedom".

Im Jahr 2005 war New York auch der Schauplatz dramatischer Ereignisse. Nachdem Neil Young Chrissie Hynde von den "Pretenders" in die "Rock and Roll Hall of Fame" eingeführt hatte, bemerkte er in seinem Hotel am Central Park plötzlich Wahrnehmungsstörungen. Sein New Yorker Arzt Dr. Positano stellte daraufhin ein lebensbedrohliches Hirnaneurysma fest, das dann im gleichen Jahr im New Yorker Krankenhaus "Weill Cornell Medical Centre" erfolgreich operiert wurde.

1943 in New York: Elliot Roberts, seit über 40 Jahren Neil Youngs Manager, wird am 25. Februar 1943 im New Yorker Stadtteil Bronx geboren. "Crazy Horse"-Drummer Ralph Molina, geboren am 22. Juni 1943, wuchs in der Lower East Side von New York City, zu Füßen der Brooklyn Bridge auf. Auch Billy Talbot, Bassist von "Crazy Horse"; wurde am 23. Oktober 1943 in New York City geboren.

Karte mit den im Text erwähnten Orten:





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