Montag, 23. Dezember 2013

Eine Weihnachtsgeschichte von Neil Youngs Vater

Neil Youngs Vater Scott Young war Sportreporter und Schriftsteller. Unter den 45 Büchern, die er geschrieben hat, findet sich auch "Home For Christmas and Other Stories". Der 1989 erschienene Band enthält 12 Kurzgeschichten, die auf unterschiedliche Weise mit Weihnachten und der Familie Young zu tun haben.

Eine dieser Kurzgeschichten geht besonders zu Herzen. Scott Young schildert darin das Weihnachtsfest in Winnipeg des Jahres 1933. Neil Youngs Vater war damals 15 Jahre alt und ging in die Kelvin High School - dieselbe Schule, die auch sein Sohn Neil Young 60 Jahre später besuchte. Die Schilderung der Armut der Familie Young, die trotz aller Not dem Sohn eine Weihnachtsüberraschung macht, rührt zutiefst an. Sie zeichnet darüber ein Gesellschaftsbild aus dem Kanada jener Jahre, das später auch Neil Young noch prägen sollte. 


Scott Youngs Buch ist am 10. Dezember als E-Book in englischer Sprache neu erschienen. Es ist bei iTunes, Amazon Kindle, Google PlayBook und anderen Anbietern erhältlich und jedem Fan von Neil Young ans Herz zu legen. Der Download ist auch an den Feiertagen möglich.

Zu den Weihnachtsfeiertagen hat "Rusted Moon" Scott Youngs Geschichte von Weihnachten in Winnipeg 1933 ins Deutsche übersetzt und nacherzählt. "Rusted Moon" wünscht allen Lesern und Freunden ein frohes und friedliches Weihnachtsfest 2014. [Weiter zu Scott Youngs Weihnachtsgeschichte ...]


Weihnachten eines Prairie-Jungen, 1933

Ich nehme Sie mit auf einen Spaziergang zu einem wichtigen Moment für mich - Weihnachten 1933. Ich war damals fünfzehn, ging auf die Kelvin Technical High School in Winnipeg und absolvierte recht ordentlich die elfte Klasse. Nur, dass ich sehr viel log  und von Zeit zu Zeit auch stahl. Ich habe mich immer daran erinnert, wenn ich über Andere urteile, dass ich log und stahl, als ich arm war. Das Stehlen kann ich besser nachvollziehen, als das Lügen. Aber vielleicht hätte ich beides nicht getan, wenn ich in eine andere Schule als Kelvin gegangen wäre. Ich fand es schwierig, neben meinen überwiegend wohlhabenden Mitschülern immer ehrlich zu bleiben. Meine Mutter tat alles, was sie konnte. Es war heroisch, selbst aus heutiger Sicht. Als wir von der Fürsorge lebten, wohnten meine Mutter, mein Bruder und meine Schwester und ich in einem gemieteten Zimmer mit einer Kochplatte und zwei Sofas, die man zu Betten umklappen konnte. Sie überredete drei Bankangestellte, Untermieter bei ihr zu werden, als sie eine Wohnung mieten wollte. Im Sommer 1932 fand sie eine in der Stradbrook Avenue im Stadtteil Fort Rouge.


Die Bankkassierer bezahlten jeder 35 Dollar im Monat für Zimmer, Verpflegung und Wäsche. Die drei schliefen in dem einem kleinen Schlafzimmer. Meine Mutter, Schwester und ich schliefen in dem anderen, noch kleineren. Mein Bruder schlief auf dem Chesterfield-Sofa im Wohnzimmer. Wir sieben lebten von den 105 Dollar im Monat, die die Untermieter zahlten. Von Anfang an ging es langsam in die Verschuldung. Es wurde immer schwerer, die Miete zu bezahlen und immer noch gutes Essen für uns und die Untermieter auf den Tisch zu bringen. Ich kann mich an die vielen Nächte erinnern, in denen die Mutter mit dem Vermieter über die Miete sprechen musste. Der lebte in einer anderen Wohnung auf dem Flur in dem kleinen zweistöckigen Gebäude. Sie kam immer blass zurück, aber erfolgreich. Er muss ein guter Mensch gewesen sein. Mein Vater war nicht bei uns. Er hatte mit seiner eigenen Apotheke in einer kleinen Stadt, Glenboro, Pleite gemacht, und hatte dann in der Drogerieabteilung des Hudson Bay Company Kaufhauses in Winnipeg gearbeitet, bevor er diesen Job Anfang 1931 verlor.


Er ging dann in den Norden nach Flin Flon, um nach Arbeit zu suchen. Dort fuhr er eine Zeit lang einen Wasserwagen, verkaufte Wasser eimerweise an Hausfrauen in den steinigen, hügeligen Straßen. Er konnte nicht viel nach Hause schicken, auch als er später einen Job für zwanzig Dollar pro Woche in einem Lebensmittelgeschäft bekam. Ein Monat, in dem er zehn Dollar schickte, war ein großer Monat. Aber es gab keine Bitterkeit. Er hatte seine eigenen Probleme. Er schrieb nur selten. Lügen ist einfach, wenn man den Dreh einmal raus hat. Die Wahrheit ist, dass ich in dieser High-School-Gesellschaft log, um mich in ein besseres Licht zu stellen. Wenn ich stahl, war es grundsätzlich aus dem gleichen Grund. Ich konkurrierte mit meinen besser gestellten Klassenkameraden um Mädchen. Es ist eine Sache, in die Schule zu gehen mit einem Paar Zwei-Dollar-Hosen aus dem Sonderangebot bei Eaton‘s, einem Flanellhemd und einer Jacke von einem der Bankangestellten, der sie mir nur gab, weil sie für ihn schon zu durchscheinend war, um sie zur Arbeit zu tragen. Aber es ist eine andere Sache, zu versuchen, sich für einen besonderen Anlass zu kleiden. Ich hatte, was man einen Mackinaw-Wollmantel nannte. Die meisten anderen Kinder hatten gute Mäntel und trugen in der Schule Anzüge, die ihnen selber gehörten, oder richtig geschneiderte Hosen und schöne Pullover. Ich hätte mich nicht schämen müssen mit diesem Mackinaw-Mantel, aber ich tat es.


Einmal, als ich bei frostigem Wetter ein Mädchen ins Kino ausführte, trug ich nur einen geliehenen Anzug von einem der Bankkassierer. Keinen Mantel. Mit war nicht kalt, nein schlimmer, ich war halb erfroren. Ich kann mich noch an die Vorhaltungen des Vaters des Mädchens erinnern, aber ich behauptete, der Mantel würde im Kino nur eine Menge Umstände machen. Das Geld für den Film bekam ich zusammen, indem ich für meine Mutter einkaufen ging, die meisten Lebensmittel stahl und das Geld behielt. Ich erzähle das Alles nicht, um mich zu entschuldigen. Ich sage nur wie es war - bevor ich wenig später beim Stehlen erwischt wurde, beim Jugendgericht erscheinen musste und eine solche Angst bekam, dass ich in meinem Leben nie wieder gestohlen habe. Ich hoffe, jetzt wird klar, was zu diesem Weihnachten von 1933 führte. Es ist nicht so, dass es die Absicht meiner Klassenkameraden war, dass ich mich schlecht fühlte. Ich erinnere mich sogar an einige von ihnen mit Zuneigung. So an einen Jungen, der für mich mehrmals bei einer Klassensprecherwahl gewählt hat. Ich hatte sie gewonnen - bis jemand merkte, dass es mehr Stimmen als Wähler gab (Aber ich selber habe nur einmal abgestimmt, und das für meinen Gegner).


Aber wenn sich ein Junge minderwertig fühlt, bekommen Dinge wie Kleidung eine viel größere Bedeutung, als sie es verdienen. Wenn ich von Dingen träumte, die ich in jenen Tagen haben wollte, träumte ich oft davon, in einem Anzug in die Schule zu kommen, der so gut sitzt und so gut geschneidert ist, dass die anderen sagen würden: " Hey, Young, ... das ist wirklich ein toller Anzug." In einer Weise, die ich noch nicht einmal jetzt richtig erklären kann, wollte ich einen Satz guter Kleidung, der die anderen dazu brachte, jedenfalls für eine Weile, mir Zugang zu ermöglichen zu ihren Kreisen des wöchentlichen Taschengeldes, Nutzung des Familienautos, neue Schlittschuhe, wenn man sie brauchte, und all dem anderen, was den Wohlhabenden diese Bequemlichkeiten bietet, die ich so bewunderte.


Neil Young & Vater Scott Young
Scott Young mit Sohn Neil
Ich musste jeden Tag einen langen Weg zur Schule zurücklegen. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, wenn man schnell ging. Ich ging westwärts durch die Schneewehen von Stradbrooke oder Wardlaw, bescheidene Bezirke, die allmählich immer besser wurden, je weiter ich ging, bis ich auf Wellington Crescent stieß, wo die wirklich Reichen von Winnipeg lebten. Dort, neben den hohen Zäunen mit den großen, zurückgesetzten Häusern, gehend, stieß ich mit den gut Gekleideten zusammen. Dort kam es vor, dass jemand zu mir sagte: "Hey, Young. Hast Du Dir den Mackinaw selber geflickt?“ Oder: "Hey, Young. Wie kommt es, dass ein Hosenbein länger, als das andere ist?" Es war auch so, auch aufgrund eines Fehlers in Eatons Änderungsschneiderei (sie verschwendeten nicht viel Zeit für Zwei-Dollar-Hosen aus einem Schlussverkauf). Wie auch immer, jeden Tag, wenn ich Kelvin erreichte und mich mit den wohlhabenden Kindern von River Heights westlich der Schule mischte, fühlte ich mich minderwertig - und immer wegen meiner Kleidung. Etwas, was ich nicht abschütteln konnte, sogar als ich Prüfung nach Prüfung besser stand, als alle anderen, außer einem. Als 1933 Weihnachten näher kam, waren wir wieder schrecklich mit der Miete im Rückstand - und bald davor, in eine billigere Kellerwohnung umzuziehen. Wir hatten das Wohnzimmer zu Weihnachten dekoriert, indem wir Bänder aus farbigem Papier an die Wände hängten, von Bild zu Bild. Wir wollten einen Weihnachtsbaum an Heiligabend kaufen, wenn die Preise auf 25 Cent sinken. Ich hatte einen Dollar bekommen, um davon Geschenke für Mutter, Vater, meine Schwester Dorothy, meinen Bruder Bob zu kaufen. Das kann man schaffen. Das Weihnachtsessen würde gut sein, kein Wunder, denn das war ja Teil dessen, wofür die Untermieter zahlten.


Die Schule war für die Feiertage beendet und ich war an einem Nachmittag allein zu Hause. Ich erinnere mich sofort an dieses wichtige Weihnachten 1933, als wäre ich wieder dort. 15 Jahre alt, ein unersättlicher Leser, ein passabler Schlittschuhläufer auf den Freiluftbahnen - und verdammt glücklich, dass die Schule aus war und ich unter meines Gleichen sein konnte, bis die Ferien vorbei waren. Ich hatte an diesem Tag etwas für meine Mutter gebügelt, schob Laken und andere flache Wäscheteile durch die große Mangel im Keller des Häuserblocks und trug sie hoch in die Küche. Als ich dort war, klingelte es an der Tür. Ich ging durch das kleine Esszimmer. Der Flur war dunkel, es war dort immer dunkel, und als ich die Tür öffnete, stand da ein Mann mit einem Paket. Es war an mich adressiert. Es hatte keine Weihnachtsverpackung, kein Schild auf dem stand, dass man es nicht vor Weihnachten aufmachen soll.


Ich wusste nicht, dass in einem der Briefe meiner Mutter an meinen Vater, in dem sie unsere Schwierigkeiten beschrieb, auch erwähnt wurde "Scott braucht dringend einen Anzug." Ich nahm das Paket, öffnete es auf dem Esstisch und nahm den Anzug heraus, den mein Vater geschickt hatte. Es war mein erster neuer Anzug überhaupt. Lange danach erzählte mir mein Vater, dass er in seiner sorgenvollen Lage von der Idee besessen war, dass - selbst, wenn er nicht viel tun konnte - er seinem ältesten Sohn wenigstens seinen ersten neuen Anzug kaufen wollte. Oder was immer meine Mutter ihm auch aufgetragen hätte. Ich erhielt auch ein neues weißes Hemd an diesem Weihnachten und eine Krawatte. Am ersten Tag zurück in der Schule trug ich das alles - unter meinem Mackinaw. Aber man kann nicht alles haben. Als ich an diesem Morgen meinen Mantel im Klassenzimmer aufhing und zu meiner Schulbank ging, musterten mich Bill Hicks und Fraser Beattie und Dwight Coutts und Norm Toothill mit einem Blick. Und dann pfiffen sie und lächelten und scharten sich um mich herum. "Hey, Young", riefen sie, "das ist wirklich ein toller Anzug. Wo hast Du ihn gekauft?" Ich sagte ihnen, mein Vater, der Chemiker, hat ihn mir zu Weihnachten geschickt.


Aus "Home for Christmas and Other Stories" © 1989 by Scott Young and Young & Hogan Publishing
1989 Hogan Book for Macmillan of Canada

Wieder erhältlich als ebook bei
Kindle Edition, iTunes Edition, Googler Play Books und anderen Anbietern
117 Seiten in Englisch
Erschienen am 10.12. 2013 by HarperCollins
ISBN 1443434116 (ISBN13: 9781443434119)


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