Samstag, 9. November 2013

Dunkle Geheimnisse: 10 Keller in Neil Youngs Karriere

Neil Young's 10 Cellar Doors
Am 6. Dezember erscheint in Deutschland Neil Youngs Archivalbum Nr. 2.5 "Live at The Cellar Door 1970" mit Aufnahmen eines Solo-Auftritts in dem berühmten Club mit der Kellertür in Washington D.C. Dieser Veranstaltungsort ist aber beileibe nicht der einzige Keller und die einzige Kellertür in Neil Youngs Karriere. Tatsächlich spielen eine ganze Reihe von Kellern in Neil Youngs frühem Musikerleben eine nicht unwichtige Rolle.

Am naheliegendsten ist natürlich die Assoziation mit der berühmten "Cellar Door", an der "Crazy Horse"-Gitarrist Danny Whitten in Neil Youngs Songklassiker "The Needle And The Damage Done" klopfte - bevor er an einer Überdosis starb. Dabei handelt es sich aber wohl eher um eine Metapher. Welche Kellertür Neil Young tatsächlich meinte, darüber lässt sich nur spekulieren.

Keine Spekulation sind dagegen die in dieser Übersicht vorgestellten 10 dunklen Keller. Sie hatten alle Anteil an der Weltkarriere Neil Youngs. Wer weiß, wie sein musikalischer Weg verlaufen wäre, hätte er diese 10 Kellertüren nicht geöffnet. Zum bevorstehenden Release von "Live at The Cellar Door" präsentiert "Rusted Moon" Neil Young als "Kellerkind". [Weiter zu einer Reise durch 8 berühmte Neil-Young-Keller ...]


1. "The Cellar" in Winnipeg

Tür des "The Cellar", Winnipeg
Auch die Tür des Clubs "The Cellar" in Winnipeg taucht in Rückblicken immer wieder auf, wenn es bei Neil Young um Kellertüren geht. "The Cellar" war ein dunkler Musikclub in einer Seitengasse der Fort Street in Winnipeg, in der Neil Young mit seiner Band "The Squires" 1963 und 1964 spielte. Der Kellerschuppen war so etwas wie das rauhe Gegenstück zu den gesitteten "Community Clubs" an Winnipegs Schulen und Kirchen, in denen die damaligen Bands zu braven Teenager-Tanztees aufspielten. Im "The Cellar" dagegen ging nicht nur musikalisch die Post ab. Sogar Schießereien sind verbürgt.

Die Tür zum "The Cellar" in Winnipeg war sozusagen der erste Eingang für Neil Young in die dunkle Welt des Rock'n'Roll. Diese Tür des "Cellar" wurde beim Abriss des Gebäudes von Musikliebhabern gerettet und wird heute in Winnipeg in einer Ausstellung über die bewegte Musikgeschichte der Stadt gezeigt.

2. Jack Harpers Keller

In Jack Harpers Keller - Dezember 1962
In Winnipeg befanden sich aber noch andere Keller, die in Neil Youngs früher Karriere eine gewisse Rolle spielten. Einer der wichtigsten dürfte wohl der Keller der Familie Harper gewesen sein, in dem die "Squires" gegründet wurden und in dem sie zu Anfang auch probten.

Jack Harper, der Sohn des Hauses, war der erste Schlagzeuger der Band. Ein Foto in den "Neil Young Archives #1" zeigt eine der ersten Proben von Neil Youngs erster echter Band in Jack Harpers Keller. Zu sehen sind Neil Young mit seiner "Les Paul Jr." und Allan Bates mit seiner deutschen "Framus Hollywood"-Gitarre. Beide sind in einen merkwürdigen Selbstbau-Verstärker mit offen liegenden Röhren eingestöpselt. Dritter "Squire" im Keller der Harpers ist Ken Koblun mit einem Danelectro-Bass.

3. Ken Smyths Keller

Als Drummer Jack Harper die "Squires" schon nach ein paar Wochen wieder verließ, um mehr Zeit für Hockey zu haben, verlagerte sich das Geschehen ein paar Straßen weiter in den Keller der Familie Smyth in die Waterloo Street. Deren Sohn Ken übernahm das Schlagzeug von Neil Youngs Band.

Der Keller der Smyths wurde dann für lange Zeit der angestammte Probenraum der "Squires" in Winnipeg. Hier startete Neil Young auch seine ersten Gesangsversuche. Biograph Jimmy McDonough zitiert in seinem Buch "Shakey" Ken Smyth: "Meine Mutter war Musiklehrerin und sie dachte immer, dass wir ziemlich gut klangen da unten ... dann begann Neil zu singen." Der Keller wurde auch zum Treffpunkt für Jugendliche der Nachbarschaft und andere junge Musiker aus Winnipeg. Neil Youngs Mutter Rassy erkundigte sich laut Autor John Einarson in seinem Buch "Don't Be Denied", ob den Smyths das Ganze auch nicht zu laut wurde.

Die Keller der Familien Harper und Smyth waren aber nicht die einzigen in Winnipeg, in denen Neil Young probte. Mit seiner allerersten Band "The Jades" hatte er mindestens einmal im Keller von Shirley Lord geprobt, bevor er mit dieser sehr kurzlebige Band am 6. Januar 1961 seinen allerersten Auftritt hatte. Später kamen die "Squires" auch im Keller der Familie Nentwig in der Fleet Avenue unter, mit deren beiden Zwillingstöchter Neil Young zeitweise romantisch verbunden war.

Übrigens gibt es einen handfesten Grund, warum die Bands in Winnipeg fast alle "Kellerbands" waren - und keine "Garagenbands", wie anderen Gegenden. In den langen Wintern in Kanada wären Garagen schlicht zu kalt für Bandproben gewesen.

4. Neue Gitarre im Kirchenkeller

Die Bands im Winnipeg der frühen 1960er Jahre probten aber nicht nur im Keller, oft traten sie dort auch auf. Viele der sogenannten "Community Clubs", in denen sich die Jugendlichen des Viertels trafen, waren in Kellern von Schulen oder Kirchengemeinden untergebracht. Am 20. September 1963 trat Neil Young mit den "Squires" zum Beispiel im Keller der "St. Mary Church" in Winnipeg auf. Dort hatte die katholische Jugendorganisation CYO einen Tanznachmittag veranstaltet.

An diesem Tag spielte Neil Young zum ersten Mal seine orangefarbene "Gretsch 6120" auf der Bühne. Die Gitarre hatte er kurz zuvor mit eine Finanzspritze der Mutter und vom Verkaufserlös seiner Golfschläger gebraucht gekauft. Im Kirchenkeller der St. Marys Gemeinde kam dieses Gitarrenmodell, das Neil Young übrigens bis heute spielt, zum ersten Mal zum öffentlichen Einsatz.

5. Kellerstudio von "Mickey and Bunny"

Mickey and Bunny LP
Die "Squires" nahmen im September 1963 in einem Radiostudio in Winnipeg ihre erste Single "The Sultan" auf - als Instrumental ohne Gesang von Neil Young. Sie erschien auf dem obskuren Label "V-Records", das sonst vor allem ukrainische Volksmusik veröffentlichte. Im März 1965 gab es noch eine weitere Plattenaufnahme für "V-Records" - in einem Kellerstudio in Winnipegs Stadtteil East Kildonan. Dort gaben sich sonst die skurrilen ukrainischen Volksmusiker die Klinke in die Hand, deren Platten bei V-Records erschienen.

Das Studio gehörte dem Ehepaar Olga und Modest  Sklepowich aus Winnipeg, das in Kanada unter dem Künstlernamen "Mickey and Bunny" regionale Berühmtheit erlangte. Das Studio nannte sich hochtrabend "Studio Star" und war im Keller ihres privaten Bungalows untergebracht. Die Tontechnik bediente Modest "Mickey" Sklepowich höchstpersönlich. Oben im Wohnzimmer des Bungalows entstanden die oft haarsträubend skurrilen Plattencover von "V-Records". "Neil Young and The Squires" nahmen in dem Kellerstudio von "Mickey and Bunny"die beiden Songs “(I’m a Man and) I Can’t Cry” und “I Wonder” auf. Eine zweite V-Single ist aber nie erschienen.


Als sich die "Squires" dann im Herbst 1965 in Toronto zunächst in "Four To Go" umbenannten und dann auflösten, kamen weitere Keller ins Spiel:

6. "The Cellar" in Toronto

(c) City of Toronto Archives
"The Cellar" und Esso-Tankstelle
Avenue Rd./Ecke Davenport Rd
"The Cellar" nannte sich ein Coffehouse in Toronto. Der Laden, in dem Schach gespielt sowie Jazz- und Folkmusik gemacht wurde, war so etwas wie Neil Youngs zweites Zuhause während seiner erfolglosen "old folky days" in Toronto.

Das düstere Kellerlokal in Torontos Avenue Road wurde unter anderem von Tannis Neiman, Jeannine Hollingshead und Bev Davis betrieben - alle drei Mitglieder der damaligen Folkszene Torontos. Neil Young und Bruce Palmer, mit dem er später bei den "Mynah Birds" spielte, traten dort gelegentlich als akustisches Folkduo auf.

The Cellar - ZeitungsanzeigeAls Neil Young und Bev Davis im März 1966 das Equipment der aufgelösten "Mynah Birds" verscherbelten, um von dem Geld einen alten Leichenwagen zu kaufen und nach Los Angeles aufzubrechen, rückte der "Cellar" Club in den Mittelpunkt des Geschehens: Dort verabredete man sich für die Abreise und stellte die Fahrgemeinschaft zusammen. Mit Tannis Neiman, Jeannine Hollingshead und Bev Davis wollte Neil Young gleich die ganze Thekenbesetzung des "Cellar" mit nach Los Angeles nehmen. Als sich dann aber herausstellte, dass ein weiterer Interessent mehr Benzingeld zahlen konnte, ließ der stets praktisch denkende Neil Young die mittellose Bev Davis am nächsten Morgen kurzerhand im "Cellar" zurück.

Bev Davis, die heute in Seattle lebt, erzählte "Rusted Moon" vom "Cellar" in Toronto: Das Kellerlokal befand sich in der Nähe von "Webster's Restaurant", einem beliebten Treffpunkt in Torontos Studentenbezirk Yorkville. Zwischen dem "Cellar" und dem "Webster's" lag damals eine Esso-Tankstelle, auf deren Parkplatz Neil Young seinen Wagen parkte. Über eine Hintertür gelangte man vom "Cellar" direkt auf den Parkplatz.

Etwas schräg gegenüber auf der Avenue Road im Haus Mr. 102 befand sich das "Night Owl Coffeehouse". In dem Apartment über diesem Lokal  wohnte Neil Young zeitweise bei der Folksängerin Vicky Taylor. Auch Joni Mitchell kam 1965 bei ihr unter. Ebenso John Kay, Sänger und Gitarrist bei "Steppenwolf", der sich dort mit Neil Young über Musik austauschte.

7. Im Keller eines Buchhändlers

Coles Bookstore Toronto
Neil Young hatte nur einmal eine richtige Arbeit: Im September 1965. Damals nahm er auf Drängen seines Vaters einen Job in Coles Buchhandlung in Toronto an. Vater Scott Young hatte seinem Sohn einen Kredit über 400 Dollar verschafft. Die Rückzahlung gestaltete sich schwierig, Einnahmen als Musiker hatte Neil Young in Toronto erst einmal keine. Die Arbeit als Lagerarbeiter im Keller der Buchhandlung in der Yonge Street sollte dem jungen Musiker aus der Klemme helfen.

Glücklich war Neil Young dort unten im Bücherkeller nicht. Die Bücherkisten waren schwer, und eine Tagesschicht nach durchgemachter Nacht in den Kellerlokalen wie dem Cellar" zehrte an der Substanz. Wie immer, wusste sich Neil Young zu helfen. "Ich erinnere mich an Neil wie er im Keller sitzt und raucht, während ich damit beschäftigt war, die Arbeit für ihn zu machen", erzählte später sein Freund Ken Koblun, der Neil Young einmal im Keller der Buchhandlung besuchte. Die Arbeitsstelle hatte Neil Young nur ein paar Wochen, dann wurde er krank, ging nicht mehr hin und verlor den Job.

8. Motown-Kellerstudio in Detroit

Motown Studio in Detroit
Ende 1965 ging es mit Neil Young in Toronto aufwärts. Er schloss sich den "Mynah Birds" von Januar bis März 1966 als Rhythmusgitarrist an. Die Band um den schwarzen Sänger Ricky James Matthews, später als Rick James ein Funk-Star, hatte einen Plattenvertrag bei Motown ergattert. Sie waren die erste überwiegend weiße Band, die von dem Label in Detroit unter Vertrag genommen wurden.

Neil Young, Bruce Palmer und der Rest der Band standen im Februar 1966 für eine Woche im Studio von Motown. "Das Studio war in einem Keller eines Hauses am West Grand Boulevard und Smokey Robinson war der Produzent. Wir waren voll akkreditierte Motown Aufnahmekünstler", erzählte Bruce Palmer dem Autor Johnny Rogan für dessen Neil-Young-Biographie "Zero to Sixty". Mit dem Kellerstudio war das berühmte "Hitsville USA" in 2648 West Grand Boulevard gemeint, dem ersten Hauptquartier von Motown. Es kann heute als Museum besichtigt werden.

9. Das "Riverboat" Coffeehouse im Keller

Riverboat in Toronto
Mit Vicky Taylor, in deren Apartment er zeitweise übernachtete, trat Neil Young  1965 in einem weiteren Kellerlokal in Toronto auf: dem "Riverboat". Das wohl bekannteste Coffehouse der Yorkville-Szene lag  in einem Keller in der Yorkville Avenue. Betreiber war der Ende der 1950er Jahre aus Berlin eingewanderte Bernie C. Fiedler, der das "Riverboat" in den Jahren bis zur Schließung 1978 international bekannt machte. Viele Stars traten in dem kleinen Kellerlokal mit seinen nur 120 Plätzen auf.

Für Neil Young und seine Folkfreunde reichte es 1965 aber nur zu Auftritten im Rahmen der sogenannten "Hootenanny"-Abende am besucherschwachen Montag. Neben Neil Young und Vicky Taylor gehörten noch Donna Warner und Elyse Weinberg zur Folk-Truppe, die sich "Public Futilities" nannte. Neil Young traf Weinberg später in Los Angeles wieder und spielte auf einem ihrer Alben E-Gitarre. Zu der Zeit hatte seine Karriere schon Fahrt aufgenommen. Mit den Erfolgen in den USA im Rücken, kehrte er 1969 nach Toronto zurück, um ein einwöchiges Gastspiel im Keller des "Riverboats" zu geben - diesmal aber als Mainact auf der richtigen Bühne.

10. Das Kellerstudio in Topanga-Canyon

Neil Youngs Haus im Topanga Canyon
Auch Neil Youngs Solo-Karriere begann in einem Kellerstudio. Im Keller seines Hauses im Topanga-Canyon hatte er sich provisorisch ein Studio eingerichtet, um Ende 1969 bis Anfang 1970 den größten Teil seines zweiten Albums "After The Gold Rush" aufzunehmen. Mit im Keller waren CSNY- Bassist Greg Reeves, Drummer Ralph Molina von "Crazy Horse" und der junge Nils Lofgren. Den hatte er - welch ein Zufall - während der Show im "The Cellar Door" in Washington kennen gelernt.

Titel und einige Songs des Albums basieren auf einem Drehbuch von Dean Stockwell und Herb Berman für einen nie gedrehten Film namens "After the Gold Rush". Der gleichnamige Song,  im Topanga-Kellerstudio mit Neil Young am Piano und von Neil Young am Flügelhorn eingespielt, enthält die berühmte Textzeile "Ich lag in einem ausgebrannten Keller" - Mehr Keller als in diesem Album geht also nicht.


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