Montag, 23. September 2013

Quo Vadis Neil Young? Die Zeitmaschine dreht sich wieder

Neil Young, Phil Ochs, Bob Dylan, Pete Seeger, Tim Hardin
Von links: Phil Ochs, Bob Dylan, Pete Seeger, Tim Hardin
"In den Anfangstagen, als ich auf der High School war, versuchte ich herauszufinden, was ich wollte ... Ich dachte, vielleicht möchte ich einer dieser Rocker sein, die die Gitarrensaiten dehnen können und ich gehe runter in die Knie und mache sowas in der Art, dass die Leute ausrasten. Und dann wollte ich aber auch dieser andere Typ sein - einfach ein wenig Gitarre spielen, so ein paar Lieder singen, über Dinge singen, die ich wahrhaftig in mir selber fühle und über Dinge, die um mich herum geschehen.

Und dann sah ich Bob Dylan, dann sah ich viele andere, Phil Ochs, Tim Hardin, Pete Seeger, und es fing an, sich alles für mich zu fügen - aber ich konnte das mit dem anderen Typen mit der Gitarre, der herum sprang, noch nicht vergessen ... Ich sah, was ich mit meinem Leben machen wollte."

(Neil Young in seiner Rede zur Einführung von Woody Guthrie in die Rock and Roll Hall of Fame, 1988)

Genau 25 Jahre später steht Neil Young auf der Bühne des FarmAid 2013 Benefizkonzerts: Zuerst steht Pete Seeger neben ihm und sie singen gemeinsam Woody Guthries "This Land is Your Land". Danach spielt Neil Young Songs von Bob Dylan, Phil Ochs und Tim Hardin. [Weiter zum Kommentar ...]



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Rusted Hoon meint:

Neil Young hat am Samstag wohl nicht zufällig ein akustisches Set gespielt, das wie eine Hommage an die seit der Jugend verehrten Singer-/Songwriter wirkte. Es waren wohl auch nicht zufällig genau jene Künstler, die er 25 Jahre zuvor in seiner Rede zu Woody Guthries Einführung in die Ruhmeshalle der Rockmusik aufzählte. Vielmehr scheint es so, als wäre Neil Youngs Zeitmaschine - die Beschäftigung mit seinem eigenen Werk und seiner fast 50-Jährigen Karriere - nach dem einjährigen Alchemy-Intermezzo mit "Crazy Horse" wieder in Betrieb gegangen - "Neil is Driftin' Back". 

Zur Erinnerung: Im Sommer 2011 brach sich Neil Young einen Zeh, was bekanntlich zum Schreiben seiner Memoiren "Waging Heavy Peace" führte, statt zur eigentlich geplanten "Buffalo Springfield"-Tournee. Diese literarische Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit, mit der Musik seiner Jugendjahre, führte noch im gleichen Jahr zu einem sonderbaren Auftritt beim "Bridge School Benefit 2011": Zusammen mit Dave Matthews spielte er damals den alten Folk-Klassiker "Oh Susannah" in einer Fassung, wie er ihn mit seiner Schülerband "The Squires" im Jahr 1965 gespielt hatte.

Dieses Projekt nahm sofort größere Dimensionen an. Er rief seine alten Kumpels von "Crazy Horse" zusammen und nahm Ende 2011 weitere Songs wie "Tom Dooley" auf, die er schon fast 50 Jahre zuvor als jugendlicher Musiker im Repertoire hatte. Das Ergebnis war das Album "Americana" mit rockigen Folk-Coverversionen, deren Hintergründe und Geschichten Neil Young zudem sorgsam recherchierte und dokumentierte. Für einige Songs, wie bei der 1965 vom frühen Stephen Stills übernommenen Ballade "High Flyin' Bird", wurde sogar das Originalarrangement verwendet. Vieles über diese Zeit ist ausführlich in den Memoiren nachzulesen.

Wie so häufig bei Neil Young, kam es dann aber anders, als geplant. Die Vermarktung von "Americana", die mit den vielen aufwändigen Begleitaktionen wie Gemälden von Shephard Fairey, Bildbänden und Stummfilm auffallend groß geplant war, geriet wegen der zeitgleichen Ankündigung eines zweiten "Crazy Horse"-Albums völlig in den Hintergrund. Neil Young hatte beim Einspielen des Albums ganz offensichtlich "Blut geleckt" und erkannt, dass er "Crazy Horse" noch längst nicht zu Ende geritten hatte.

Rusted Hoon Pill
Das großartige Meisterwerk "Psychedelic Pill", zweites Album im Jahr 2012, wurde direkt im Anschluss an "Americana" aufgenommen und stellte das Folk-Album völlig in den Schatten. Die "Alchemy-Tour" 2012 und 2013 in den USA, Australien und Europa, die das zweite Album bewarb, geriet zum Triumphzug - bis ein Handbruch von "Poncho" Sampedro zu einem vorzeitigen Ende der Tour führte.

Die nun freie Zeit nutze Neil Young für sein Pono- und sein LincVolt-Projekt - und beschäftigte sich offenbar auch wieder mit seiner Vergangenheit. Dazu gehörte auch die Produktion eines Live-Albums von 1970, das zeitweise aus seiner unmittelbaren Umgebung schon angekündigt und in Online-Shops bereits beworben wurde. Von der für Anfang September geplanten Veröffentlichung ist nun aber keine Rede mehr. Die meisten Onlinehändler haben die Ankündigung von ihren Webseiten wieder entfernt. "Live At Cellar Door 1970" sollte ein Live-Set aus Neil Youngs damaliger Solo-Tour enthalten und in der Reihe ähnlicher Alben wie "Live At The Riverboat 1969" oder "Massey Hall 1971" erscheinen. Die historischen Hintergründe der "Cellar Door"-Aufnahme hatte Neil Young ebenfalls in seinen Memoiren beschrieben.

Ganz offensichtlich steht Neil Young wieder einmal vor dem alles überragenden Grundkonflikt seiner Karriere. Jenen Konflikt, den er schon in seiner Jugend lösen musste und den er in seiner Woody-Guthrie-Rede von 1988 auf den Punkt brachte: Will ich der herumspringende Rocker sein, der Alle mit der E-Gitarre in den Wahnsinn treibt? Oder bin ich der Typ mit der kleinen Gitarre und den Songs über das innere Ich? Auf vielen seiner Alben hat er den Konflikt pragmatisch mit einer simplen Mischung gelöst - oft auf unterschiedlichen A- und B-Seiten. Auf der Bühne ist das schwieriger.

Ein Jahr lang - von Sommer 2012 bis Sommer 2013 hat Neil Young mit "Crazy Horse" auf der Bühne den herumspringenden Rocker gegeben. Viele Fans hätten sich sicher gerne auch weiter vom donnernden Sound der Band in den Wahnsinn treiben lassen. Aber der Typ mit ein wenig Gitarre und den sanften Liedern scheint gerade wieder stärker zu werden. Er will mehr, als nur das kurze akustische Set innerhalb der "Alchemy-Tour". 

Das mysteriöse "Celllar Door"-Album, der FarmAid-Auftritt und die erneute Hinwendung zum Folk der 1960er Jahre könnten die Richtung andeuten. Ob die für "Bridge School" Ende Oktober angekündigte CSNY-Reunion in die gleiche Richtung weist, nur ein Intermezzo bleibt oder zu etwas ganz Anderem führt, muss man abwarten. Den Rocker jedenfalls, scheint Neil Young vorerst nur noch in der Band von Ehefrau Pegi zu geben.


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