Dienstag, 21. Mai 2013

Wie bei Neil Young: Film über Folk-Szene der 60er Jahre

Beim Film-Festival im französischen Cannes haben die Brüder Joel und Ethan Coen ("True Grit", "Fargo") ihren neuen Film "Inside Llewyn Davis" im Wettbewerb um die "Goldene Palme" präsentiert. Der von Publikum und Kritik begeistert aufgenommene Film wird im Dezember in den USA in die Kinos kommen. Der Start in Deutschland ist für den 2. Januar geplant. Für Neil-Young-Fans ein absoluter Pflichttermin. Es ergeben sich nämlich gleich mehrere Verknüpfungspunkte mit der frühen Karriere Neil Youngs.

Die melancholische Filmkomödie im im typischen Stil der Coen-Brüder schildert den vergeblichen Versuch des fiktiven Folkmusikers Llewyn Davis (gespielt von Oscar Isaac), in der Folk- und Songwriter-Ära der frühen 1960er Jahre Erfolg zu haben.

Die Filmhandlung ist rund um die legendären „Coffee Houses“ des Greenwich Village in New York angesiedelt, in denen damals eine bunte Mischung aus Beatnicks, Bürgerrechtsbewegten und studentischer Boheme den angesagten Folkmusikern und Songwritern wie Pete Seeger, Joni Mitchell oder Bob Dylan lauschten. Davis, der tragische Held des Films, schafft es aber trotz großer Anstrengungen nicht, in dieser Szene als Musiker Fuß zu fassen. [Weiter ...]


Auch Neil Young scheiterte als Folk-Sänger

Foto (c) Manfred Buchheit
Neil Young 1965 in Toronto
Der fiktive Llewyn Davis scheitert im Film also ebenso kläglich, wie einst auch der reale Neil Young im Winter 1965 in Toronto als Folkmusiker gescheitert ist. In den „Coffee Houses“ des Torontoer Studentenviertels Yorkville, damals durchaus vergleichbar mit dem New Yorker Greewich Village, versuchte Neil Young mit einem Solo-Folk-Programm auf den Spuren Bob Dylans zu wandeln.

Er hatte dafür im November 1965 eigens seine geliebte elektrische Gretsch-Gitarre gegen eine 12-saitige Gibson-Akustik getauscht und war von der Rockmusik zum Folk gewechselt. Nach einigen wenigen Auftritten und schlechten Zeitungskritiken gab er schließlich auf und schloss sich im Januar 1966 für wenige Monate der Band „The Mynah Birds“ an, bevor er Toronto endgültig in Richtung Los Angeles verließ.

Die Erlebnisse von Llewyn Davis im Film der Coen-Brüder spiegeln also in etwa auch die des jungen Neil Young von 1965 wider. Der Film macht zudem mit authentischen Bildern und authentischer Musik (geschrieben von "Mumford & Sons", produziert von T Bone Burnett) die „Coffee House“-Ära der 1960er Jahre wieder lebendig. Damals konnten noch eine Schrammelgitarre, ein paar Folk-Traditionals und selbstverfasste Protestlieder zu Weltkarrieren führen.

Neil Young hatte diese „Coffe House“-Folk-Welt schon zuvor ab 1963 in Winnipeg kennengelernt, als er Stammgast im „Fourth Dimension Coffee House“ (4-D) war und dort auch mit seiner Band „The Squires“ auftrat. Nach dem Wechsel ins größere Toronto, war diese Szene so etwas wie sein Zuhause. Mit Folkmusikern wie David Rea, Craig Allen und Vickly Taylor war er eng befreundet, wohnte sogar mir ihnen zusammen. Neil YOung trat bei „Hootenanny“-Abenden und auf offenen Bühnen auf, spielte selbst zu „Mynah-Birds“-Zeiten mit Kumpel Bruce Palmer als Gitarren-Duo in den „Coffee Houses“ von Yorkville. Näher als mit dem Film der Coen-Brüder wird man dem Zeitgeist dieser Ära und dem jungen Neil Young nicht kommen können.


Filmheld als Starthilfe für Neil Young

Dave van Ronk
Dave van Ronk
Der Film "Inside Llewyn Davis" hat aber noch andere Berühungspunkte mit Neil Youngs Karriere. Das Drehbuch basiert nämlich auf den Memoiren des Folkmusikers Dave van Ronk. Dessen Buch „The Mayor of Macdougal Street" beschreibt die goldene Ära des Künstlerviertels Greenwich Village, dessen Bewohner, die Coffee Houses und die Auftrittsmöglichkeiten sowie die vielen bekannten und unbekannten Künstler.

Dave van Ronk, nach dem das Greewich Village nach dessen Tod im Jahr 2002 eine Straße benannte, war trotz des eher bescheidenen eigenen Erfolgs ein wichtiger Förderer und Einflussgeber für andere Folk-Größen wie zum Beispiel Bob Dylan und Joni Mitchell. Die bezeichnete einmal van Ronks Version ihres Songs "Both Sides Now" als die beste Fassung überhaupt. Musikkritiker Robert Shelton nannte van Ronk "Bob Dylans ersten Guru".

Zufälligerweise war Dave van Ronk im Mai 1968 auch der von Neil Youngs Manager Elliot Roberts ausgesuchte "Versuchsballon" für Neil Youngs zweiten Versuch als Solo-Künstler. Nach dem Auseinanderbrechen von „Buffalo Springfield“ - und noch vor den neuen Projekten mit „Crazy Horse“ und „Crosby, Stills, Nash & Young“ - war Neil Young bei Elliot Roberts unter Vertrag gekommen. Der war zu dem Zeitpunkt bereits Manager von Joni Mitchell und brachte auch Neil Young beim Label "Reprise" unter.

Dave van Ronk, Bob Dylan
Bob Dylan, Suze Rotolo, Dave
Van Ronk im Greenwich Village
Als Test, ob Neil Young auf der Bühne überhaupt solo zu gebrauchen war, hatte ihm Elliot Roberts einen Gig als „Opening Act“ für Dave van Ronk im "Ice House" im kalifornischen  Pasadena besorgt. Autor Johnny Rogan zitiert Roberts in seinem Buch "Zero to Sixty" mit dem Bekenntnis, er habe eine schlaflose Nacht wegen der Sorge verbracht, dass Neil Young von der Bühne gebuht werden könnte.

In Pasadena trafen im Mai 1968 also der schon einmal gescheiterte Folk-Barde Neil Young und das Vorbild für den Film über einen gescheiterten Folk-Barden, Dave van Ronk, tatsächlich aufeinander. Neil Young wurde in Pasadena übrigens nicht von der Bühne gebuht. Seine Karriere startete seit jenem Auftritt sogar richtig durch. Noch im gleichen Jahr nahm er sein erstes Solo-Album auf. Der Rest ist bekanntlich Musikgeschichte. 


Deutscher Kinotrailer für "Inside Llewyn Davis":



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