Donnerstag, 11. April 2013

Wikileaks enthüllt: Kalter Diplomatenkrieg wegen Neil Young

Henry Kissinger gegen Neil Young
Henry Kissinger gegen Neil Young
Die Plattform Wikileaks hat vor zwei Tagen Hunderttausende Dokumente der US-Regierung aus den siebziger Jahren veröffentlicht. Unter der Bezeichnung "Kissinger Cables" sind auch Schriftwechsel des US-Außenministeriums und der amerikanischen Botschafter aus der Zeit zwischen 1973 und 1976 ins Netz gestellt worden. 

Die Dokumente der "Kissinger Cables" sollen unmittelbar mit dem Büro des damaligen US-Außenministers Henry Kissinger im Zusammenhang stehen und zum Teil als "geheim" eingestuft worden sein. Wikileaks-Gründer Assange will mit der Veröffentlichung den Einfluss belegen, den die USA damals in der Welt ausgeübt hätten.  Im Gegensatz zu anderen Veröffentlichung waren diese Dokumente Wikileaks aber nicht geheim zugespielt worden. Sie  lagen bereits vorher öffentlich zugänglich in US-Archiven. Wikileaks hat den Datenbestand nun aber so aufbereitet, dass von jedermann darin recherchiert werden kann.

Moskauer Kreml: Kein Neil Young  
Englische Zeitungen wie "The Telegraph" oder die "The Sun" hatten daraufhin gestern über Dokumente berichtet, die den Einsatz von Rockmusikern als Waffe gegen den Kommunismus belegen sollen. Zu den genannten Musikern sollen unter anderem Bob Dylan, Joni Mitchell und Neil Young gehört haben. Ziel der US-Regierung war es, durch Tourneen amerikanischer Künstler in der damaligen UDSSR den westlichen Lebensstil unter den Jugendlichen zu verbreiten. Als besonders geeignet hatten die US-Strategen für 1975 „Soft-Rock“ und „später für 1976“ Country-Musik auserkoren. 

Die jetzt veröffentlichten Dokumente belegen aber auch einen bizarren diplomatischen Kleinkrieg zwischen der US-Botschaft in Moskau und dem Außenministerium in Washington. Am Ende musste Henry Kissinger sogar persönlich mit der Faust auf den Tisch hauen, um die Sache zu klären. Grund für diesen ungewöhnlichen Diplomatenkrieg von 1975: Neil Young. [Weiter ...]


Botschafter will Neil Young nach Russland holen

Tatsächlich findet sich in den "Kissinger Cables" ein kurioser Schriftwechsel, den der damalige US-Botschafter in Moskau, Walter John Stoessel jr., mit dem US-Außenministerium führte. Darin zeigte sich Botschafter Stoessel im Mai 1975 zunächst ganz begeistert von einer UDSSR-Tournee Neil Youngs.


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In einem Telegramm vom 3. Mai 1975 heißt es: 
“EMBASSY WHOLEHEARTEDLY ACCEPTS POSSIBLE USSR TOUR BY NEIL YOUNG WITH SEVEN-MEMBER BACK-UP COMBO PER REFTEL.” 
“Botschaft akzeptiert von ganzem Herzen mögliche UDSSR Tour von Neil Young mit 7-köpfiger Begleitband durch Reftel (Anm.: Referenz Telegramm)“


Warum nicht gleich CSN&Y?

Zwei Wochen später, am 16. Mai 1975, kabelte die Moskauer US-Botschaft dann erneut ans Außenministerium. Mit Bezug auf zwei Schreiben aus Washington merkte Botschafter Stoessel an: 
“PREVIOUS COUNTRY MUSIC EFFORTS (I.E. "COUNTRY MUSIC USA" AND VISIT OF GEORGE HAMILTON IV) HAVE SUCCEEDED IN ESTABLISHING ACCEPTABILITY OF THIS GENRE AND WE BELIVE TIME IS RIGHT TO EXPAND MUSICAL HORIZONS EVEN FURTHER. SOFT ROCK GROUP OR ARTIST IS LOGICAL NEXT STEP, WITH POSSIBILITY OF COUNTRY MUSIC GROUP FOR 1976.” 
“Vorangegangene Bemühungen zur Country-Musik (z.B. „Country Music USA“ und Besuch von George Hamilton IV) haben erfolgreich Akzeptanz für diese Genre herbeigeführt und wir glauben es ist an der Zeit, den musikalischen Horizont noch weiter zu spannen. Soft-Rock-Gruppen oder –Künstler wäre der nächste logische Schritt, bis hin zu Country-Musik-Gruppen für 1976.“ 
Weiter heißt es in dem Schreiben von Walter John Stoessel: 
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“IN ADDITION TO EXAMPLES OFFERED REFTEL (DYLAN, JAMES TAYLOR, DON MCLEAN, JONI MITCHELL), POST WISHES TO SUGGEST THE FOLLOWING: NEIL YOUNG (OR WHOLE GROUP, CROSBY, STILLS, NASH AND YOUNG), LEO KOTTKE, CARLY SIMON, CAROLE KING OR JUDY COLLINS, ALL WITH APPROPRIATE BACK-UP GROUPS.” 
“Zusätzlich zu den im Referenz Telegramm angebotenen (Dylan, James Taylor, Don McLean, Joni Mitchell) schlägt der Unterzeichner die folgenden vor: Neil Young (oder ganze Gruppe Crosby, Still, Nash and Young), Leo Kottke, Carly Simon, Carole King oder Judy Collins, alle mit entsprechenden Begleitbands.“ 


Außenministerium will Neil Young verhindern


Beim US-Außenministerium schien man über die Auswahl von Neil Young allerdings weniger glücklich. Das Antwortschreiben aus Washington ist nicht unter den Wikileaks-Dokumenten. Aber die Beamten im Ministerium haben sehr wahrscheinlich auf Neil Youngs kanadische Staatsbürgerschaft verwiesen. Da Botschafter Stoessel aber wohl ein ausgesprochener Fan von Neil Young war, kabelte der am 30. Juni 1975 trotzig aus Moskau zurück:
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“1. EMBASSY HAD KNOWN FROM START THAT NEIL YOUNG IS CANADION NATIONAL. THIS ACCEPTABLE TO EMBASSY BECAUSE MUSIC YOUNG PLAYS IS TOTALLY IDENTIFIABLE AS AMERICAN.” 
“1. Botschaft hat von Anfang an gewusst, dass Neil Young kanadischer Nationalität ist. Das ist für Botschaft akzeptabel, weil die von Young gespielte Musik völlig als amerikanische zu identifizieren ist.“ 
Recht direkt und undiplomatisch wies Botschafter Stoessel das Außenministerium außerdem darauf hin, dass dieses auch schon ausländische Tänzer des „New York City Ballets“ akzeptiert hätten: 


Walter John Stoessel
Walter John Stoessel
“A NUMBER OF NON-AMERICAN PRINCIPAL DANCERS, SUCH AS KARIN VON AROLDINGEN, JEAN-PIERRE BONNEFOUS AND PETER MARTINS, PERFORMED HERE WITH NEW YORK CITY BALLET, AND THIS FACT PRESENTED NO PROBLEM TO DEPT OR EMBASSY. THEREFORE DEPT ASKED RECONSIDER YOUNG FOR SOVIET TOUR.” 


"Eine Reihe von nicht-amerikanischen Tänzern, wie Karin von Aroldingen, Jean-Pierre Bonnefous und Peter Martins, traten hier mit dem „New York City Ballet“ auf, und dieser Umstand war für das Ministerium und die Botschaft kein Problem. Daher wird das Ministerium gebeten, Eine Sowiet-Tour Youngs zu überdenken.“

Botschafter Stoessel setzte das Außenministerium in dem Schreiben sogar noch weiter unter Druck: 
“2. IF THIS NOT POSSIBLE, EMB WOULD HOPE DEPT CAN NOMINATE ASAP TOP FLIGHT PRESTIGIOUS AMERICAN PAG IN SOFT ROCK GENRE OF NO LESS A STATURE THAN NEIL YOUNG. (…) ADVISE IMMEDIATE. STOESSEL“ 
„2. Wenn das nicht möglich ist, hofft der Botschafter, dass das Ministerium so schnell wie möglich als Ersatz eine hochkarätige amerikanische Musikgruppe des Soft-Rock-Genres von nicht geringerer Bedeutung als Neil Young benennen würde. (…) Sofortige Anweisung. Stoessel.“ 


Neil Young wird eliminiert

Starke Wortes eines offenkundig großen Neil-Young-Fans. Botschafter Stoessel stieß bei Henry Kissingers Beamten aber auf taube Ohren. Neil Young wurde von Washington einfach nicht akzeptiert. Am 18. Juli 1975 kabelte das Außenministerium nach Moskau an Stoessel: 
„1. WITH ELIMINATION OF NEIL YOUNG, OUR SEARCH FOR PRESTIGIOUS AMERICAN PAG IN SOFT ROCK GENRE HAS PRODUCED FOLLOWING POSSIBILITIES.”
“1. nach der Eliminierung von Neil Young hat unsere Suche nach einer prestigeträchtigen amerikanischen Musikgruppe des Soft-Rock-Genres folgende Möglichkeit ergeben.“ 
Dann folgt ein Vorschlag aus Washington, der den Neil-Young-Fan Stoessel in Moskau wohl vom Botschafterstuhl gehauen haben dürfte:
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“2. DOOBIE BROTHERS AVAILABLE FOR PROGRAMMING FOR TWO-THREE WEEK PERIOD BEGINNING O/A MID-FEBRUARY 1976. COMPANY CONSISTS OF THIRTY MEMBERS; SEVEN DOOBIE BROS; THEIR FIVE BACK-UP MUSICIANS "MEMPHIS HORNS", AND FIFTEEN TECHNICIANS.” 
“2. ‘Doobie Brothers’ stehen für zwei oder drei Wochen zur Verfügung beginnend ab Mitte Februar 1976. Das Unternehmen besteht aus 30 Mitgliedern: Sieben Doobie Bros., ihre 5-köpfige Begleitband ‚Memphis Horns‘ sowie 15 Techniker.“ 
Die "Doobie Brothers" als gleichwertiger Ersatz für Neil Young? Das Außenministerium fuhr schwere Geschütze auf und wollte Botschafter Stoessel offenbar demütigen. Aber es sollte für den Diplomaten noch viel schlimmer kommen:


Kissinger setzt sich durch: Kein Neil Young


Das Schreiben aus Washington listet dann auf den folgenden zwei Seiten umfangreiche Anweisungen in Bezug auf die Technik und Vorkehrungen wegen der Probleme mit einer Winter-Tour in der UDSSR auf. Auf Seite 3 erlaubt sich das Außenministerium dann einen weiteren genüsslichen Seitenhieb gegenüber Botschafter Stoessel: 


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“5. IF ABOVE NOT FEASIBLE, SOFT ROCK GROUP CALLED "AMERICA" IS ONLY OTHER POSSIBLE ALTERNATIVE LEFT (…). “ 


“5. Falls das oben genannte nicht machbar ist, wäre eine “America” genannte Soft-Rock-Gruppe die einzig mögliche Alternative.“ 


Das Schreiben endet dann mit einem Schlag ins Gesicht von Botschafter Stoessel: 
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„8. FYI. RE REFTEL B ON ELIMINATION OF NEIL YOUNG. IT NOT UNUSUAL FOR FOREIGN GROUPS TO INCLUDE IN THEIR REPERTORY MUSIC WHICH IS IDENTIFIABLE AS AMERICAN. NOR IS IT UNUSUAL FOR DEPT TO SPONSOR PAG'S WHICH INCLUDE FOREIGN NATIONALS. WITH EXCEPTION HOWEVER OF CONDUCTORS OF AMERICAN SYMPHONY ORCHESTRAS (A UNIQUELY SPECIAILIZED POSITION) LEADERS OF OTHER PAG'S MUST BE AMERICANS. END FYI. KISSINGER.” 
“8. Zu Ihrer Kenntnis. Bezug: Referenz Telegramm B über die Eliminierung von Neil Young. Es ist für ausländische Gruppen nicht unüblich in ihr Repertoire Musik aufzunehmen, die als amerikanisch zu identifizieren ist. Auch ist es nicht unüblich für das Außenministerium, Musikgruppen zu sponsern, die Ausländischer beinhalten. Mit Ausnahme von Dirigenten amerikanischer Symphonieorchester (eine besondere, einmalige Ausnahmeregel) müssen die Leiter von anderen Musikgruppen Amerikaner sein. Ende "Zu Ihrer Kenntnis". Kissinger.“ 
WOW! Außenminister Henry Kissinger persönlich kanzelt seinen Botschafter Stoessel ab, der es gewagt hatte, stur an einer von den USA bezahlten UDSSR-Tour des Kanadiers Neil Young festzuhalten. Damit war das Thema Neil Young erledigt.

Botschafter Stoessel wurde 1976 von seinem Posten in Moskau abberufen und trat im Oktober 1976 als Botschafter der USA in der Bundesrepublik Deutschland an. Im selben Jahr 1976 trat Neil Young zum ersten Mal live in Deutschland auf – in der Rhein-Neckar-Halle in Eppelheim bei Heidelberg. Die „Doobie Brothers“ oder „America“ als Ersatz blieben den deutschen Neil-Young-Fans erspart. 

Übrigens kam damals keine der geplanten Tourneen durch die UDSSR zustande. Erst 1985 wurde ein amerikanisch-sowietisches Abkommen über kulturellen Austausch unterzeichnet. Die "Doobie Brothers" gingen dann Ende der 1980er Jahre tatsächlich auf Tour in der UDSSR. Neil Young dagegen hat - bis auf Prag mit "Pearl Jam" - nie einen Fuß in die Staaten hinter dem ehemaligen "Eisernen Vorhang" gesetzt.



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