Montag, 21. Januar 2013

"Flying on the V was wrong" - Neil Youngs Fehlgriff von 1973

3 Varianten von Youngs Flying V
Zu den ungewöhnlichsten Gitarren, die Neil Young je auf der Bühne gespielt hat, gehört zweifellos seine 1958er Gibson "Flying V". Die pfeilförmige Gitarre kam vor genau 40 Jahren auf der "Time Fades Away"-Tour bei 62 Shows von Januar bis April 1973 zum Einsatz - und wurde danach nie mehr gesehen. Für viele Fans war diese Gitarre einer von mehreren Faktoren für die desaströsen Umstände dieser Tour. Im Anschluss an Neil Youngs Erfolgsalbum  "Harvest" - und mit denselben Musikern, mit denen er dieses Album aufgenommen hatte - sollte die Tour der Beginn der "dunklen Jahre" in seiner Karriere werden.

Alles auf die Gibson "Flying V" zu schieben, wäre sicher übertrieben. Dennoch ist die Auswahl genau dieser Gitarre, ihr mysteriöser Umbau  und der Grund, warum sie damals überhaupt "Old Black" ersetzten musste, eine gründliche Betrachtung wert. "Rusted Moon" geht der "Flying V" daher aus Anlass des 40. Jubiläums ihres Auftauchens einmal näher auf den Grund:


"Old Black" außer Betrieb

Neil Youngs Old Black 1970 mit Dynasonic
Old Black 1970 mit Dynasonic
Auf den ersten Blick war der Grund für den Gitarrenwechsel relativ simpel: Neil Youngs 1953er Gibson Les Paul "Old Black" stand nicht zu Verfügung. Für diejenigen Songs, die er auf der Tour weder akustisch noch elektrisch auf seiner "Gretsch White Falcon" spielen wollte, musste also Ersatz her.

Zum Schicksal von "Old Black" in jener Zeit gibt es unterschiedliche Darstellungen: So soll die Gitarre Anfang der 1970er Jahre sogar komplett verschwunden gewesen sein, nachdem Neil Young sie zur Reparatur eines Pickups in einen Gitarrenladen in Los Angeles brachte. Als er sie dort wieder abholen wollte, existierte der Laden nicht mehr. Auch Larry Cragg, Neil Youngs damaliger Gitarrentechniker hat in Interviews diese Variante der Story erzählt.

Neil Young selber gab mehrfach an, damals nur den Pickup  in dem Laden abgegeben zu haben. In seinen jetzt erschienen Memoiren "Waging Heavy Peace" (deutsch: "Ein Hippie-Traum") stellt Neil Young die Geschehnisse etwas detaillierter dar: Nach dieser Version habe er nur den Bridge-Pickup zum Laden gebracht, um dessen Drahtspule neu wickeln zu lassen. Grund: Der Pickup habe ein zu starken Brummen erzeugt. Die Gitarre sei dadurch nur in bestimmten Abständen zu Störquellen einsetzbar gewesen. Als der Laden dann mitsamt Pickup verschwunden war, klaffte in "Old Black" ein hässliches Loch. Die Gitarre war danach lange nicht brauchbar, bis Neil Young schließlich einen Gretsch-Pickup als Ersatz einbaute.

1969: Old Black mit B3 und Dynasomic
1969: mit B3 und Dynasomic
Fotos belegen, dass Neil Youngs "Old Black" schon 1969 einen aus einer Gretsch-Gitarre stammenden DeArmond-"Dynasonic" Singlecoil-Pickup am Steg eingebaut hatte. Auf dem Foto einer Zeitungsanzeige, mit der Lautsprecherhersteller Altec Lensing mit Neil Young und Crazy Horse warb, ist der charakteristische "Dynasonic" mit der schwarzen Innenfläche gut zu erkennen. Vermutlich war dieser Pickup sogar schon vorhanden, als Neil Young die Les Paul im Sommer 1968 von Jim Messina im Tausch gegen eine Gretsch 6120 bekam.

Die einspuligen DeArmond-"Dynasonics" neigten - wie konstruktionsbedingt übrigens alle Singlecoils - zum Brummen. Die "Dynasonics" wurden wegen dieses Brummens daher schon im Jahr 1958 von Gretsch ausgemustert und gegen zweispulige, brummfreie Pickups mit der Bezeichnung "Filtertron" ausgewechselt.

Einen solchen Gretsch-"Filtertron" Pickup, der auch bei allen von Neil Young benutzten eigenen Gretsch-Gitarren verwendet wird, hat Neil Young dann auch anstelle des verschwundenen DeArmond-"Dynasonic" eingebaut. Mit dem Sound des "Filtertron" war er aber so unzufrieden, dass er ihn wenig später von Larry Cragg gegen einen Gibson "Firebird"-Pickup austauschen ließ. Jener Mitte 1973 einbaute "Firebird"-Pickup steckt bis heute in Neil Youngs "Old Black". Larry Cragg tauschte 1973 auch das ursprünglich eingebaute Bisby B3 Tremolo gegen ein B7 Modell mit Niederdruckrolle aus.

Es bleibt also rätselhaft, ob "Old Black" nun zeitweilig ganz verschwunden war, oder nur der DeArmond-"Dynasonic" Tonabnehmer. Oder ob Neil Young der ersatzweise eingebaute "Filteron"-Pickup klanglich nicht gut genug für die anstehende Tournee war. Eigenartig ist auch, warum er den verschwundenen "Dynasonic" nicht einfach sofort durch einen anderen "Dynasonic" oder einen ebenfalls einpuligen Gibson P90 ersetzt hat. Schließlich ist ein P90 auch als Neck-Pickup eingebaut. Er war bei bei 1953 Les Pauls ohnehin auch der Gibson Standard-Pickup für die Bridge-Position.

Fest steht jedenfalls, dass "Old Black" nach der  Tour mit Crazy Horse 1970 nicht mehr in Erscheinung trat. Erst zur "Tonight's The Night"-Tour in der zweiten Hälfte des Jahres 1973 tauchte die Gitarre mit dem erwähnten neuen "Firebird"-Pickup und einem neuem B7-Bigsby wieder aus der Versenkung auf. Für die Vorbereitung der anstehenden "Time Fades Away"-Tournee im Herbst 1972 musste Neil Young daher eine andere Solidbody E-Gitarre auswählen.


Warum ausgerechnet eine Flying V?

Lonnie Mack mit Flying V
Lonnie Mack mit Flying V
Die Wahl fiel schließlich auf eine Gibson "Flying V". Neil Young gibt als Grund an,  dass er den Gitarristen Lonnie Mack und dessen Sound sehr mochte. Lonnie Mack war neben Albert King einer der wenigen Gitarristen, die eine "Flying V" als Hauptinstrument spielten. Ansonsten wurde diese ungewöhnliche Gitarre von Gitarristen weitgehend ignoriert oder nur hin und wieder - etwas von Jimi Hendrix - als Exot eingesetzt.

Lonnie Mack dagegen, hatte schon 1958 das siebte von Gibson hergestellte Exemplar erworben. Der Country- und Bluesrock-Gitarrist und Sänger spielte seine "Nummer 7", wie er der die Gitarre nannte, während seiner gesamten Karriere. Diese begann er in den 1950er Jahren zunächst als Studiomusiker. Danach folgten Anfang der 1960er Jahre eigene Singles wie "Memphis", "Wham" oder "Chicken Pickin'".

Ende der der 1960er Jahre nahm Mack auch drei eigene Alben auf. Daneben arbeitete er weiter als Studiomusiker. So nahm er unter anderem 1970 mit "The Doors" deren berühmtes Album "Morrison Hotel" auf. Womöglich hat genau dieser Gitarrensound Neil Young gefallen und zur "Flying V" inspiriert.

Doors - Morrison Hotel
Album mit Lonnie Mack
Lonnie Mack rüstete seine 1958er "Flying V" mit der Serienummer 7 auch schon früh mit einem Bigsby-Tremolo nach. Dazu verwendete er ein eigentlich viel zu großes Bisby B7, wie es Neil Young auch auf seiner Les Paul benutzt. Macks Bigsby wurde von Metallwinkeln gehalten., die er zwischen die beiden Schenkel der V-förmigen Gitarre schraubte. Mit dieser ungewöhnliche Konstruktion wurde Macks "Flying V" eine der bekanntesten Gitarren der Rockgeschichte.

Es ist nicht genau bekannt, woher Neil Young seine "Flying V" damals bekam. Erste Fotos zeigen die Gitarre im Herbst 1972 auf Neil Youngs Ranch während der Vorbereitung der "Times Fades Away"-Tour. Zu dieser Zeit ereignete sich auch der tragische Tod von "Crazy Horse"-Gitarrist Danny Whitten, der ursprünglich mit auf Tour gehen sollte, dann aber von Neil Young wegen dessen Drogenproblemen weggeschickt wurde.


Das mysteriöse Tremolo

Neil Young's Flying V mit Tremolo
Neil Youngs Flying V mit Tremolo
(Klick ins Bild zum Vergrößern)
Betrachtet man die im Herbst 1972 auf der Ranch entstandenen Fotos genauer, fällt ein entscheidender Unterschied zu den späteren Fotos von 1973 auf: Neil Young hatte auf seiner "Flying V" anfangs ein Tremolo-System installiert!

Möglicherweise war dieser Umbau vom Sound Lonnie Macks beeinflusst, den Neil Young ja nachempfinden wollte. Denkbar ist aber auch, dass der Umbau bereits vom Vorbesitzer durchgeführt wurde. Alle 1958 und 1959 gebauten "Flying V" waren jedenfalls werksseitig nur ohne Tremolo ausgeliefert worden. Das Tremolo war also definitiv nicht serienmäßig.

Erst die 1967 neu aufgelegte zweite Serie dieses Gibson-Modells war auch ab Werk mit Tremolo erhältlich. Diese späteren Modelle hatten aber noch weitere Modifikationen wie ein anderes Schlagbrett. Außerdem verwendete Gibson kein Korina-Holz mehr. Neil Youngs Modell ist aber auf keinen Fall aus dieser späteren zweiten Serie. Seine "Flying V" ist deutlich als eine der seltenen, 1958 gebauten Gitarren zu erkennen.

Gibson Maestro Werbung
Gibson Werbung von 1962
Ein weitere mögliche Erklärung für das Tremolo ist, dass Neil Young das System nicht wegen Lonnie Mack installierte, sondern weil er seit seiner Jugendband "The Squires" im Herbst 1963 selber ausschließlich Gitarren mit Tremolo spielte - und seine Spielweise also darauf abgestimmt war.

Das 1972 auf Neil Youngs "Flying V" installierte Tremolo sieht aus wie ein "Gibson Maestro Short Vibrola". Das System gab es in mehreren Ausführungen und war ursprünglich für Gibsons Gitarren mit flachem, nicht gewölbten Korpus wie die Gibson SG oder die Les Paul Junior gedacht.

Gibson Maestro Short Vibrola
Gibson Maestro Short Vibrola
Das "Maestro Vibrola" konnte mit drei Schrauben anstelle des Saitenhalters ("Tailpiece") auf die Gitarre geschraubt werden. Die charakteristischen beiden Löcher am Ansatz des Tremoloarms dieser Maestro-Variante sind auf Neil Youngs "Flying V"-Fotos vom Herbst 1972 gut zu erkennen. Auch die hohe, gewölbte Saitenaufhängung dieses Tremolo-Typs kann man auf einem der Fotos erkennen.

Eine spätere, etwas abgeänderte Variante des "Maestro Short Vibrola" mit einem Kunststoffgriff bot Gibson ab 1967 werkseitig als Extra für die zweite Serie der "Flying V".


Die merkwürdige Metallplatte

Irgendetwas muss Neil Young dann aber an dem nachgerüsteten Tremolo gestört haben. Denn als die Tour im Januar 1973 schließlich begann, war das Tremolo plötzlich wieder verschwunden. Alle bekannten Fotos der Tour zeigen eine 1958er Gibson "Flying V", bei der wie bei allen Serienmodellen, die Saiten hinter der Brücke durch Löcher in einer eine V-förmige Metallplatte in den Korpus geführt wurden. Vom Tremolo keine Spur.

Was noch auffällt: Diese Metallplatte ist kein serienmäßiges Teil von Gibson. Die Platte auf Neil Youngs "Flying V" ist viel breiter und dicker als die Standardplatte von Gibson. Ganz offenkundig wurde diese Metallplatte nachträglich mit anderem Maßen angefertigt, um die in den Korpus gebohrten Löcher zu verdecken, die nach der Demontage des Maestro-Tremolos sichtbar blieben. Die ungewöhnliche Größe der Platte hatte also vor allem kosmetische Gründe.

Nicht nur wegen des wieder ausgebauten Tremolos bleib die "Flying V" auch während der gesamten Tour eine einzige "Klang-Baustelle". Alle Beteiligten - einschließlich Neil Young selbst - waren mit dem Sound der Gitarre sehr unzufrieden. Einige drückten das nachher sogar in drastischen Worten aus: "The Flying V sounded like shit", wird Joel Bernstein von Biograph Jimmy McDonnough in "Shakey" zitiert.

Neil Young berichtete rückblickend, dass die Gitarre einfach nicht die Stimmung hielt. Stundenlang bastelte er beim Soundcheck an seinem Setup, ohne letztlich irgendeine Verbesserung hinzubekommen. Die unter anderem wegen Geldforderungen ohnehin schon mit Neil Young in Streit geratenen Musiker der "Stray Gators" Band waren dadurch zusätzlich genervt.

Album "Times Fade Away"
Album "Times Fade Away"
Es ist durchaus denkbar, dass die schlechte Stimmbarkeit und der miese Sound dieser speziellen "Flying V" mit dem Ein- und Ausbau des nicht-serienmäßigen Tremolos zusammenhing. Möglicherweise hat auch die nicht den Standardmaßen entsprechende Metallplatte der Saitenhalterung zu den Tonproblemen geführt. Gitarristen wissen, das selbst kleinste Änderungen oder Abweichungen an Material oder Maßen große Auswirkungen auf den Sound haben können.

Neil Young hat sein Live-Album "Time Fades Away", das aus Aufnahmen der Tour besteht, die zwischen Februar und April 1973 gemacht wurden, als sein "schlechtestes Album überhaupt"  bezeichnet. Es ist das einzige Album, das bis heute nicht als CD erschienen ist. Neben den unangenehmen Erinnerungen an die von Streit und Alkohol geprägte Mammuttour mit 62 Auftritten in 12 Wochen, ist Neil Young bis heute auch mit dem Sound des Albums unzufrieden. Es wurde damals mit einem der ersten Digitalpulte aufgenommen, ohne dass ein reguläres 2-Spur-Mastertape für einen herkömmlichen Remix existiert. Eine Ende der 1990er Jahre geplante Wiederauflage als HDCD wurde nach der Pressung von Promotionkopien wieder gestoppt.


Kurze Geschichte der "Flying V"


Mitte der 1950er Jahre versuchte sich der Traditionshersteller Gibson ein moderneres Image zu verpassen. Konkurrent und Neueinsteiger Leo Fender hatte mit seiner Telecaster und später mit der Stratocaster einen großen Marktanteil gewonnen. Um mit frischem Wind werben zu können, entwickelte Gibson eine Reihe von E-Gitarren mit avantgardistischen Korpusformen. Neben der "Explorer" und der "Moderne" gehörte auch die "Flying V" zu dieser "Modernistic" genannten Modellreihe, die auf der Musikmesse im Sommer 1957 präsentiert wurden und Anfang 1958 im Verkaufskatalog auftauchte. Alle Gitarre der Serie waren aus Korina-Holz, einer afrikanischen Mahagoni-Art gefertigt.

Gibsons Flying V Patent
Der Verkaufserfolg der neuen Reihe war allerdings miserabel. Von der "Moderne" gab es nur Prototypen, die "Explorer" wurde bis 1959 nur in ganz geringen Stückzahlen gebaut. Von der "Flying V" lieferte Gibson 1958 nur 81 Exemplaren und 1959 sogar nur 17 Exemplare aus. 1967 kamen noch einmal ein etwas abgewandelte Modelle ins Programm, deren Verkauf aber auch nicht viel besser lief.

Gibsons "Flying V" wies konstruktiv einige Besonderheiten aus. So wurden die Saiten durch V-förmig angeordnete Löcher durch den Korpus gefädelt und nicht – wie sonst bei Gibson üblich – von einem Saitenhalter auf der Decke gehalten. Das Durchfädeln durch den Korpus ist sonst vor allem durch Fenders Telecaster Modell bekannt.

Die "Flying V" war zudem mit einem schwarzen Gumnmistreifen auf der unteren Zarge beklebt. Das Gummi sollte das Abrutschen der ungewöhnlich gebauten Gitarre verhindern, wenn diese im Sitzen gespielt wird. Der schwarze Gummistreifen ist bei Neil Youngs "Flying V" gut zu erkennen.


Video: Neil Youngs Gibson Flying V als 3D-Animation




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Kommentare :

  1. Excellent write up on the "Flying V" - All because "Sound really Matters".

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