Montag, 24. Dezember 2012

Neil Young und Jonis Mitchells Weihnachtsgeschichte

"Es begab sich aber zu der Zeit ..." - So beginnt bekanntlich die biblische Weihnachtsgeschichte. Das Bild des umherwandernden, einsames Paares, das allein in der Fremde Unterkunft und Hilfe sucht, gehört seither ebenso zu den klassischen Weihnachsmythen, wie der selbstlose Helfer, der einsamen Menschen Herberge und Essen gibt.

Ein solche rührende Geschichte findet sich überraschend auch in Neil Youngs kanadischer Vergangenheit. Noch dazu verbindet ihn diese Weihnachtsgeschichte mit einem anderen kanadischen Star der Musikgeschichte: Joni Mitchell. Die Geschichte ereignete sich Mitte der 1960er Jahre im verschneiten weihnachtlichen Winnipeg:


"Sie und Neil hielten sporadisch Kontakt seit Weihnachten 1963, als sie und ihr erster Ehemann, Chuck, in einem winzigen Club in Winnipegs Main Street gespielt haben. Neil, gerade 18 geworden, traf sie dort und fand heraus, dass sie kein Heim hatten, wo sie Weihnachten verbringen konnten. So wanderten die drei südlich durch den Schnee über die Norwood Bridge zu Neils Tante Vinia (Toots) und deren Ehemann Neil, den groß gewachsenen, schweigsamen Künstler, nach dem Neil benannt wurde. Toots kochte ihnen ein großes Abendessen."
(Scott Young in seinem Buch "Neil and Me" - aus dem Englischen übersetzt)

Eine zu Herzen gehende, fast schon klischeehafte Weihnachtsgeschichte, die Neil Youngs Vater Scott da erzählt: Neil Young gabelt Joni Mitchell und deren Ehemann Chuck am Weihnachtsfeiertag auf, stapft mit ihnen durch den Schnee im kalten Winnipeg, um anschließend bei Tante und Onkel ein weihnachtliches Festmal zu genießen.

Einiges ist jedoch unklar an der Story: Da ist vor allem das Jahr. Hier hat sich Neils Vater Scott offenbar um zwei Jahre geirrt. Joni und Chuck Mitchell heirateten erst im Juni 1965 in Detroit und traten seit dem zusammen auf.

Die Weihnachtsgeschichte kann sich so also nicht 1963 abgespielt haben. Realistisch ist aber das Jahr 1965. Das wird auch durch ein Interview bestätigt, das Joni Mitchell dem "Rolling Stone" gab. Es erschien am 26. Juli 1979 und wurde von Cameron Crowe geführt. Angesprochen auf Neil Young erinnert sich Joni Mitchell an diese weihnachtliche Episode im Jahr 1965:
"Ich war zu der Zeit mit Chuck Mitchell verheiratet. Wir kamen nach Winnipeg, als wir den Fourth Dimension Folk Cucuit spielten. Wir waren dort über Weihnachten. Ich erinnere mich, den Weihnachtsbaum in unserem Hotelzimmer aufgestellt zu haben. Neil, weißt Du, war dieser Rock & Roller, der über Bob Dylan zum Folk gekommen ist. Wie sonst. Wie auch immer, Neil kam raus zu dem Club und wir mochten ihn sofort."
(Cameron Crowe "Joni Mitchell - First Interview in Ten Years", Rolling Stone, 26. Juni 1979. Aus dem Englischen übersetzt)


Hochzeitsfoto von Joni
und Chuck Mitchell
Joni Mitchells Archiv auf ihrer Webseite verzeichnet zwar nicht den Auftritt in Winnipegs 4D, wohl aber einen zu Silvester 1965 im Fourth Dimension (4D) von Regina. Vor Weihnachten sind zudem Auftritte in Detroit vermerkt. Winnipeg lag also auf dem Reiseweg.

Rätselhaft bleiben aber der Auftrittsort und der genaue Weg der abendlichen Schneewanderung der drei jungen Musiker zum Haus von Neil Tante Toots in Winnipegs Stadtteil Norwood. Dieses Haus lag nämlich auf der anderen Seite des Red  Rivers, am Beechwood Place Nr. 14. Dorthin waren Toots - die Schwester von Neils Mutter Rassy - und ihr Mann 1953 gezogen, wie Neil-Biographin Sharry Wilson bestätigt.

Das Problem: Um vom 4D Coffehouse am Pembina Highway über die Brücke auf die andere Flussseite zu Tante Toots zu gelangen, hätten Neil Young, Joni und Chuck Mitchell fast 12 Kilometer durch den kalten Schnee stapfen müssen (roter Weg auf Karte unten). Das klingt selbst für eine Weihnachtsgeschichte zu unwahrscheinlich.

Weg vom 4D in rot, Weg von
der Main Street in blau
(Click to enlarge)
Joni Mitchells Erinnerung an das 4D ist daher vermutlich nicht ganz richtig. Stimmiger ist in diesem Punkt wiederum Scott Youngs Erinnerung, der in seinem Buch von einem "winzigen Club in Winnipegs Main Street" sprach. Die Main Street liegt in der unmittelbaren Verlängerung der Norwood Bride, die unmittelbar in den Stadtteil mit Tante Toots Haus führt.

Von der Main Street wären es nur etwa 3 Kilometer (blauer Weg in Karte). Eine realistische Entfernung für drei junge Musiker zu Fuß - zumal Joni und Chuck Mitchell sicher auch ihre Gitarren nach dem Auftritt dabei hatten.

Welchen genauen Weg die drei an Weihnachten 1965 in Winnipeg auch immer gingen: Neils Tante Toots wird ihnen danach sicher einen warmen, gemütlichen Platz und ein köstliches Weihnachtsessen geboten haben.

Und wer weiß: vielleicht haben Neil Young, Tante Toots, Onkel Neil Hoogstraten, Joni Mitchell und Ehemann Chuck an diesem denkwürdigen Abend auch ein paar Weihnachtslieder zur Gitarre gesungen.

"Rusted Moon" wünscht allen Lesern Frohe Weihnachten!


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