Freitag, 27. April 2012

Neil Young & Takamine: Angriff der japanischen Martin-Klone

Neil Young 1982 - (c) Wolfgang Gürster
www.rock-shot.com
Neil Youngs Trans-Tour im Jahr 1982 gehört zu den bemerkenswertesten Tourneen in der langen Karriere des Kanadiers. Es war die erste nach einer vierjährigen Tourneepause – der bislang längsten Pause überhaupt. Grund war die Geburt von Sohn Ben, der mit zerebraler Lähmung zu Welt kam. 

Auch der erstmalige Einsatz von Synthesizer, Vocoder und Samples auf der Bühne macht die Trans-Tour zu einem Meilenstein in Neil Youngs Tourneegeschichte. Die Mischung aus Songklassikern und den neuen, elektronisch angereicherten Stücken hat vielen Fans aber missfallen. Der riesige Aufwand und technische Probleme führten zudem zu hohen finanziellen Verlusten.

Auch die Stimmung innerhalb der Trans-Band war von Spannungen geprägt. Vor allem Bassist Bruce Palmer, den Neil Young erstmals seit alten „Buffalo Springfield“-Tagen wieder auf die Bühne holte, sorgte mit Drogeneskapaden für Probleme. Die europäische Trans-Tour endete nach 31 Stationen am 19. Oktober 1982 in der Berliner Deutschlandhalle mit dem musikalischen Hilferuf „After Berlin“, einem nur einmal gespielten Song.

Die Trans-Tour bot aber auch in Bezug auf Neil Youngs Gitarren Besonderheiten: Das akustische Set bestritt er mit zwei Martin-Klonen der japanischen Firma Takamine. Die 6-saitige Takamine F-360S und die 12-saitige Takamine F-400S gehören damit zu der überschaubaren Anzahl kurzlebiger Exoten, die Neil Young gelegentlich live benutzt.

Es ist nicht bekannt, warum Neil Young 1982 nicht erneut zu seinem altbewährten akustischen Standardbesteck griff. Noch auf der vorangegangenen Live-Rust-Tour 1978 hatte er seine „echten“ Martin 6-Saiter in Gebrauch. Als 12-Saitige kam damals erstmals seine Taylor 855 zum Einsatz, die auch heute noch sein Standard-„Zwölfender“ ist.

12-string Takamine auf Bootleg Cover
Der Einsatz der Martin-Nachbauten der Firma Takamine begann auch nicht erst in Europa. Auch den kurzen US-Teil der Tour bestritt Neil Young mit den beiden Japanern. Die Angst, im Ausland teure Gitarren zu verlieren, kann also nicht der Grund gewesen sein. Zumal er vorher und nachher sogar echte Schätze wie die Vorkriegs D-28 „Hank“ im Ausland dabei hatte.

Andererseits sind die beiden Takamine Gitarren zwar japanische Kopien aus einer Zeit, als die fernöstlichen Gitarrenbauer dreist klassische amerikanische Originale von Martin, Gibson oder Fender klonten. Minderwertige Instrumente sind sie aber keineswegs. Sowohl die F-360S, als auch die 12-saitige F-400S sind hochwertig verarbeitete Gitarren aus guten Tonhölzern. Das 1962 gegründete Unternehmen, das übersetzt “Hoher Berg” heißt und nach einem Berg nahe des Unternehmensitzes benannt wurde, war unter anderem für seine hochwertigen Konzertgitarren des japanischen Meistergitarrenbauers Mass Hirade bekannt.

Lawsuit Ära

Takamine, deren bekanntester Spieler heute Bruce Springsteen ist, hatte sich bei Westerngitarren damals bis in kleinste Details an Herstellern wie Guild oder Martin orientiert. Auf der nach dem Original gestalteten Kopfplatte der F-360S und F-400S hatte man beim Logo den Namen „Takamine“ sogar so kunstvoll verschnörkelt, dass man aus der Entfernung durchaus auch „C.F. Martin“ lesen könnte.

Erst als sich die US-Hersteller Anfang der 80er Jahre juristisch gegen die Flut der Japan-Kopien wehrten, ging auch Takamine dazu über, eine noch bis heute gültige eigene Kopfplattenform zu verwenden. Die Gitarren aus der Zeit des Klonens werden wegen der rechtlichen Aspekte daher auch als „lawsuit era guitars“ bezeichnet.

Pickup der Takamine 12-String von 1982
Takamine gehörte neben der US-Firma Ovation auch zu den Pionieren der elektro-akustischen Gitarren. Bereits Ende der 70er Jahre baute man Vorverstärker und spezielle Tonabnehmer in die akustischen Gitarren ein. Glenn Frey von den „Eagles“ spielte mit einer elektro-akustischen Takamine EF-360 das berühmte Intro zu “Hotel California” ein. Die Gitarre ist bis heute als Glenn-Frey-Sondermodell im Programm.

Neil Youngs Takamine Gitarren von der Trans-Tour 1982 sind zwar ebenfalls elektrisch verstärkt, gehörten aber nicht zu den elektro-akustischen Modellen. Beide Gitarren gab es nämlich unter der Modellbezeichnung EF-360S und EF-400S auch mit eingebautem “Palathetic” Preamp- und Tonabnehmersystem.

Neil Young griff aber lieber zu den herkömmlichen Modellen und rüstete selber je einen Tonabnehmer im Schallloch nach. Der schwarze Pickup trägt zwar kein Logo, sieht aber nach einem frühen Modell von Larry Fishman aus.


Takamine F-360S

Die 6-saitige F-360S ist ein Nachbau der klassischen Martin D-28. Wie beim Vorbild aus den USA haben die Japaner eine massive Fichtendecke und einen Korpus aus Palisander verbaut. Auch die Perlmutteinlage am geteilten Boden und die Dot-Inlays entsprechen dem Vorbild. Allerdings verfügt die Takamine über ein eingefasstes Griffbrett. 

Neil Young mit Takamine am 07.09.1982 in Verona, Italien
Foto (c) Paolo Brillo
Takamine F-400S

Das 12-saitige Modell F-400S ist eine Kopie der Martin D-12-28. Die hatte übrigens David Crosby während der Frühzeit von CSN&Y bei Martin angeregt. Der Hersteller hatte den Boom der 12-saitigen Gitarren verschlafen und Crosbys Standard-Martin zunächst nur notdürftig umgerüstet. Erst später brachte man dann ein 12-saitiges Serienmodell.

Auch bei der F-400S wurden mit Fichtendecke und Palisanderkorpus die Hölzer des Vorbildes verwendet. Wie bei der F-360 ist aber auch hier das Griffbrett mit einem weißen Binding eingefasst. Im Unterschied zur verchromten 6-saitigen Schwester kommt die F-400S zudem mit vergoldeter Hardware daher.

Neil Youngs 12-string Takamine
Kopfplatte von Neil Youngs Takamine F-400S 

Ohne Koffer in Berlin

Beide Gitarren tauchten nach der Trans-Tour nicht mehr auf der Bühne auf. Bei der 1983er Solo Trans-Tour, die Neil Young nur mit einem akustischen Set bestritt und wegen Krankheit abbrach, kamen wieder seine bekannten Martins und Taylors zum Einsatz.

Neil Youngs Autogramm
Letztlich bleibt unklar, warum Neil Young 1982 auf die beiden japanischen Martin-Nachbauten setzte. Nachträglich betrachtet, passen die Takamine aber sehr gut in die seltsam chaotische Trans-Tour des Jahres 1982.

Die 12-saitige Takamine F-400S ist heute übrigens genau in der Stadt zu bewundern, in der sie am 19. Oktober 1982 zuletzt von Neil Young gespielt wurde: in Berlin

Sie hängt als eines von vielen Memorabilia in der Berliner Filiale der Kette “Hard Rock Cafe” am Ku'Damm. Neil Young hat die Gitarre 2009 während eines Konzertaufenthaltes in Berlin sogar signiert. Auch der schwarze Tonabnehmer steckt noch im Schallloch - ein Indiz dafür, dass Neil Young der Ton von Gitarre oder Pickup nicht gefiel.

Der Verbleib der 6-saitigen Schwester ist dagegen ungeklärt …


Ähnliche Artikel:
  1. Die 12 Saiten des Neil Young - Back in the old folky days
  2. Neil Youngs Martin D-45 - Die "Harvest-Gitarre"
  3. "Harmony Monterey" - Neil Youngs erste Gitarre
  4. 'Checkpoint Shakey' - Neil Young und die Berliner Mauer

1 Kommentar :