Mittwoch, 25. Januar 2012

Sugar Mountain - Ein Folk-Klassiker mit Grillgeruch

Victoria Hotel Fort William
Leuchtreklame
Sugar Mountain“, der Song über das Ende der Kindheit und die Probleme des Erwachsenwerdens, gehört ohne Zweifel zu den zentralen Werken Neil Youngs. Auch wenn es der Song nie auf ein reguläres Album geschafft hat. Nach mehren B-Seiten auf verschiedenen Singles seit 1969 erschien „Sugar Mountain“ 1977 auf der Compilation-LP „Decade“ sowie auf den Live-Alben „Live Rust“ und „Live at Canterbury House“ der Achives Performance Serie.

Teller aus Victoria Hotel Fort William
Wappen auf Teller des Victoria
Die Bedeutung dieses Songs liegt zum einen am Zeitpunkt seines Entstehens. Neil Young schrieb ihn im November 1964 in Fort William während seines ersten großen Engagements als professioneller Musiker. Zuvor hatte er die High School geschmissen, seine Band „The Squires“ umformiert und war mit seiner Gretsch-Gitarre von Winnipeg aus „in die Welt“ gezogen. Weitere Bedeutung erhielt der Song, weil er eine erste künstlerische Rückkoppelung mit Kanadas zweiten Mega-Star der Rockgeschichte, Joni Mitchell, zur Folge hatte.

Diesen Teil der Geschichte um „Sugar Mountain“ hat „Under The Rusted Moon“ im Artikel „Spielende Kinder – Neil Young, Joni Mitchell & die Stellas“ ausführlich erzählt. Diesmal geht es um den historischen Ort, an dem der Song am 12.November 1964 entstand: Im alten Victoria Hotel & Grill in Fort William, Ontario.

Rückblende

Flamingo Club Fort William
Streichholzheft des Flamingo Clubs
„Neil Young and the Squires“ hatten im November ein zweites Engagement im Flamingo Club von Fort William ergattert. Bereits im Oktober hatte die Band eine Woche in dem Ort am Lake Superior verbracht und im Flamingo gespielt. Die damals noch unbekannte junge Nachwuchsband aus Winnipeg hatte dabei offenbar so überzeugt, dass sie im November gleich für zwei Wochen und zu deutlich besseren Konditionen gebucht wurde.

Neben freier Verpflegung und kostenloser Unterkunft im örtlichen Victoria Hotel & Grill gab es diesmal sogar eine um 25 Dollar höhere Wochegage. 350 Dollar je Woche spendierte Scott Shields, der Besitzer des Flamingo Clubs, für die 12 Auftritte vom 02. bis zum 14. November 1964.

In örtlichen Zeitungsanzeigen wurde die Band als "Swingin Neil Young and The Squires" und als "recordings stars under the 'Vee' label" angekündigt. Damit war ihre Single "Sultan b/w Aurora" gemeint, die sie ein Jahr zuvor in Winnipeg für das Label "V-Records" in Winnipeg aufgenommen hatten.

Telefonbucheintrag des Flamingo
Die Squires, die zu der Zeit aus Neil Young, Bassist Ken Koblun und Schlagzeuger Bill Edmondson bestanden, verlängerten ihren Aufenthalt in Fort William durch drei Nachmittags-Gigs im örtlichen „4-D Coffeehouse“. Ken Kobluns Liste verzeichnet dafür je zwei Mal 15 Dollar und einmal freies Essen als Gage.

Das Fort Williams 4-D war neben den Coffeehouses gleichen Namens in Regina und Winnipeg Teil einer Kette. In Winnipegs 4-D hatten Neil Young und die Squires bereits zahlreich Auftritte absolviert. Gut möglich, dass die Wahl von Fort William als Startbasis für ihre überregionale Karriere durch einen Kontakt über die 4-D-Kette zustande kam.

Am 23. November 1964 nahmen die Squires dann im Studio von Fort Williams Radiosender CJLX eine Reihe von Songs auf. Das Studio befand sich damals im Gebäude eines ehemaligen Kinos in 409 Victoria Avenue. CJLX-DJ Ray Dee war auf Neil Young und seine Band aufmerksam geworden und schickte seine Aufnahmen von ihnen an die Plattenfirma Capitol in Winnipeg – allerdings ohne Erfolg.

Am 12. Dezember – mehr als einen Monat nach ihrer Ankunft beendeten die Squires ihren Aufenthalt in Fort William mit einem Auftritt als zusammen mit der örtlichen Band „The Bonnvilles“ im "Fort William Colisseum", dem heutigen "Lakehead Exhibition Coliseum". Danach ging es zurück ins heimische Winnipeg, bevor die Band im darauf folgenden April bis Juni 1965 ein letztes Mal vor ihrer Auflösung in die Industriestadt am Lake Superior kommen sollten.

Das Victoria Hotel & Grill

Victoria Hotel 1913
Als Neil Young und seine Squires 1964 in dem Hotel logierten, waren dessen bessere Zeiten längst vorbei. Das Victoria Hotel lag zentral in der Innenstadt von Fort William an der Ecke Victoria Ave/Syndicate Street. Es war ein zweistöckiges Ziegelsteingebäude mit Fensterfronten zu beiden Straßenseiten. Während im ersten Stock die Zimmer lagen, waren im Erdgeschoss die Gastronomie sowie Ladengeschäfte untergebracht.

Eine bebilderte Zeitungsanzeige von 1913 bewirbt das Hotel als „Commercial Hotel“ im typischen Stil der Zeit. Man kann sich beim Blick auf die alten Fotos gut die Geschäftsreisenden im eleganten Speiseraum vorstellen, die in der Industrie- und Hafenstadt Fort William ihrem Business nachgingen.

Victoria Hotel 1941
Ein weiteres Foto aus den 1940er Jahren zeigt schon ein anderes Bild. Neben einem Optiker und einem Barbier, hat im Erdgeschoss das "Death Valley Scotty's", ein „Western Bar-B-Q“ eröffnet, das auf trinkfreudige Kundschaft wartet. Vor dem Eingang steht sogar ein Balken zum Anbinden von Pferden. Und ein Schild am Eingang rät dazu, die Gewehre lieber draußen zu parken. Was sich heutzutage „Erlebnisgastronomie“ nennt, dürfte damals wohl eher Zeichen des Niedergangs eines renommierten Hotels gewesen sein.

Victoria Hotel 1959
In den wirtschaftlich wieder etwas besseren 1950er Jahren verschwand der seltsame Westernsaloon wieder und machte Platz für einen seriösen Tea Room. Eine kolorierte Postkarte von 1959 zeigt, wie die Ecke Victoria Ave/Syndicate Street mit dem Hotel damals aussah. Das nannte sich nun "Victoria Grill and Tea Room".

Scott Shields als Eigentümer
Als Neil Young, Ken Koblun und Bill Edmondson im November 1964 dort für zwei Wochen wohnten, war das Victoria Hotel & Grill im Besitz von eben jenem Scott Shields, dem auch der Flamingo Club gehörte. Dieser Umstand erklärt, warum es für die "Squires" Essen und Unterkunft zur Gage gratis dazu gab. Autor John Einarson, beschreibt in seinem Buch „Don’t Be Denied“, dass auch Scott Shields Flamingo Club zu der Zeit seine besten Tage schon hinter sich hatte. Neben Live-Musik seien Schlägereien an der Tagesordnung gewesen.

Auch Dave Cano, der einen tollen Internetblog namens „Hotrods and Jalopies“ mit unzähligen Fotos und Geschichten über Thunder Bay (heutiger Name von Fort William) betreibt, erinnert sich an den Flamingo Club. Der Laden habe seit den 60er Jahren einen steten Niedergang erlebt und wurde dann in den 80er Jahren abgerissen. Mit Dave Canos freundlicher Genehmigung stammen übrigens alle Fotos in diesem Artikel aus seinem Blog.

Teller Victoria Hotel Fort William
Aßen die Squires von diesem Teller?
Der Flamingo Club in 341 North May Street (Google Streetview) war übrigens nur etwa 800 Meter vom Victoria Hotel (Google Streetview) entfernt. Zum 4-D Coffeehouse an der Ecke Simpson Street/George Street (Google Streetview) war der Weg noch viel kürzer. Und das CJLX-Aufnahmestudio von Ray Dee in Gebäude 409 Victoria Avenue (Google Streetview) lag quasi um die Ecke. Etwas außerhalb, aber immerhin noch bequem erreichbar, lag das Fort William Colisseum. (Google Streetview)

Ebenso wie der Flamingo Club und das 4-D Coffeehouse steht das Victoria Hotel & Grill heute nicht mehr. 1980 wurde ein Teil der Innenstadt von Thunder Bay - wie Fort William nach der Fusion mit Port Arthur nun heißt - in einen überdachten Fußgängerbereich umgewandelt. Teilweise ließ man die Außenwände oder einzelne Fassadenteile einiger älterer Gebäude stehen. Sie wurden teilweise in das neue VictoriaVille-Centre integriert. Vom alten Victoria Hotel & Grill blieb aber nichts übrig. An seiner Stelle steht heute eine Geschäftsbank innerhalb der Mall.

Heutiges Einkaufszentrum VictoriaVille
Hier stand einst das Victoria Hotel

Sugar Mountain

Neil Young schrieb „Sugar Mountain“ an seinem 19. Geburtstag am 12. November 1964 im Victoria Hotel & Grill. Angeblich allein in seinem Zimmer im 1. Stock auf seiner damaligen Gitarre, der orangefarbenen Gretsch 6120 Chet Atkins. Es war für Neil Young der erste Geburtstag, den er nicht zu Hause mit seiner Mutter feierte. Noch ein Jahr zuvor hatte ihm Mutter Rassy die Gretsch zum Geburtstag geschenkt. Zwei Jahre zuvor, im November 1962, gab es von ihr einen Verstärker, 1961 eine Gibson Les Paul Junior. Jetzt saß Neil Young allein, ohne Mutter und Geschenk, in dem schon etwas heruntergekommen Hotel über einem Grill-Restaurant und reflektiert über das Ende seiner Kindheit:
"Now you say you're leaving home 'cos you want to be alone / Ain't it funny how you feel when you're finding out it's real."
Obwohl Neil Young und seine Squires nach einer von den "Shadows" beeinflussten Instrumental-Phase im Flamingo Club zum Rock’n Roll fanden, und im 4-D Coffeehouse in Richtung Folk wechselten, kam der neu geschriebene Folk-Song nicht ins Repertoire der Band. Zu persönlich und zu intim waren die Lyrics. Erst knapp ein Jahr später in Toronto, als Neil Young für kurze Zeit vollends zu Folk und Akustikgitarre fand, sollte er „Sugar Mountain“ öffentlich spielen. Und ziemlich genau ein Jahr später, nahm er den Song sogar erstmals auf – während einer erfolglosen Demoaufnahme beim ELEKTRA-Plattenlabel in New York. Diese erste Aufnahme ist in den Archives #1 zu hören.

Auch wenn diese erste Fassung musikalisch noch unfertig und Neil Youngs Stimme sehr unsicher wirkt, die Faszination des Songs ist schon spürbar. Die Stärken von "Sugar Mountain" liegen in der zentralen Methaper des Zuckerbergs als Synonym für die Kindheit und Jugend. Die Sprachbilder, die Neil Young um diese zentrale Metapher gruppiert, beziehen sich mit ihrem Jahrmarktscharakter perfekt auf dieses zentrale Leitbild und spiegeln zugleich das Leben an der Schwelle zum Erwachsenwerden wider: Die erste Zigarette, die erste Freundin. Zugleich kommt die Furcht, diese Idylle früher als gedacht verlassen zu müssen, eindringlich zum Ausdruck.

Sicher, Lieder zu diesem Thema gibt es viele. Aber wie Neil Young sprachlich mit dem Thema umgeht und es in den Aufbau eines perfekten Folksong integriert, ist für einen damals gerade 19-jährigen schon beachtliches Songwriting. Es ist also kein Zufall, dass eine ebenso geniale Songwriterin wie Joni Mitchell von Anfang an so fasziniert war, dass sie den Song ins eigene Repertoire übernahm und mit "Circle Game" sogar einen Antwortsong schrieb.

Moderne Neubauten in Fort William
(City of Thunder Bay Archives)
Erstaunlich sind zwei weitere Dinge:
  1. Neil Young schrieb den Song an seinem 19. Geburtstag. Der Text drückt aber aus, erst mit 20 Jahren den "Sugar Mountain" - die süßen Jugendjahre - hinter sich lassen zu müssen. Das grenzt schon an Prophetie. Tatsächlich nämlich enden seine Jugendjahre, als er mit 20 Jahren seine sieben Sachen packte und von Toronto nach Los Angeles reiste.

    Die einjährige Karenzzeit, die sich der 19-jährige Songschreiber Neil Young in "Sugar Mountain" als Verlängerung bis zum 20. Geburtstag gönnte, war noch mit allerlei Abenteuer in Churchill, Winnipeg und Fort William gefüllt. Richtig erwachsen wurde er wirklich erst mit 20 Jahren, als er ohne Geld in Toronto gestrandet war. Er musste dann sogar seine geliebte Gretsch verkaufen, auf der er "Sugar Mountain" schrieb.

  2. Auch das Victoria Hotel, in dem der Song im November 1964 entstand, symbolisiert zu dieser Zeit einen Übergang. Wie alle Städte in den 1960er Jahren, war Fort William im Umbruch begriffen. Moderne Betonbauten, Einkaufszentren auf der grünen Wiese - die städtebaulichen Sünden des damaligen Zeit wirkten sich auch auf die alte Innenstadt von Fort William aus. Ein Stadtprospekt von 1964 zeigt moderne Hotels wie das Ramada oder das Uptown Hotel sowie ein neues Rathaus. Alte Kästen wie das Victoria Hotel & Grill waren längst nicht mehr gefragt.

    Wie durch Zufall kommen auch genau in jenem Jahr 1964 die ersten politische Überlegungen auf, die beiden Städte Fort William und Port Arthur zu einer einzigen Stadt mit neuem Namen zu verschmelzen  - Thunder Bay. Was wenig später dann auch tatsächlich geschah.

    Gab es also einen perfekteren Ort, um einen Song wie "Sugar Mountain" zu schreiben, als ein in die Jahre gekommenes altes Hotel, das später einer Shopping-Mall weichen sollte? In einer Stadt, deren eigenständige Geschichte gerade zu Ende ging, die Neuem und Größerem Platz machen musste?

    "Sugar Mountain" handelt also von mehr, als nur von Neil Youngs Jugendzeit. Auch der Geist vom alten Victoria Hotel & Grill weht durch den Song. Der Geschmack von Zuckerwatte und Grillgeruch vermischen sich ...

Video: Sugar Mountain, Fassung von 1965



Links:
Dave Cano's Thunder Bay Blog „Hotrods and Jalopies“ (Thanks for the photos, Dave!)


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