Freitag, 2. Dezember 2011

Deutsche Gitarre beeinflusste Neil Youngs Karriere

Framus 9-stringDas Jahr 1965 gehört eindeutig zu den wichtigsten Jahren in der Karriere von Neil Young. Viele Weichenstellungen, die die Entwicklung des damals 20-jährigen Gitarristen, Sängers und Songschreibers beeinflussten, erfolgten 1965. Es war das erste Jahr, in dem sich Neil Young als professioneller Musiker durchschlug.

Erst wenige Monate zuvor, im Sommer 1964, fasste er den Entschluss, die Schule in Winnipeg zu schmeißen und sich ausschließlich der Musik zu widmen. Nach einem ersten Versuch mit Auftritten im „Flamingo“ Club in Fort William, kehrte Neil Young mit seiner damaligen Band „The Squires“ im April 1965 in die Industriestadt am Lake Superior zurück, um endgültig ein Leben als Rockmusiker zu führen. Im Verlauf des Jahres 1965 sollte er später mit Stephen Stills und Joni Mitchell auch anderen Musikern begegnen, die seine künstlerische Entwicklung und ein weiteres Leben maßgeblich prägten.
Terry Erickson und Neil Young
Terry Erickson und Neil Young 1983 

Dieses Leben bestand zunächst aus profanen Auftritten im örtlichen „4-D Coffehouse“, in anderen Kneipen oder bei Tanzveranstaltungen an High Schools. Gewohnt wurde in billigen Hotels oder in Jugendclubheimen, das Essen war oft nicht mehr als eine Handvoll Cracker. Zur Band gehörten damals neben Neil Young, der Bassist Ken Koblun, Schlagzeuger Bob Clark und zeitweilig ein gewisser Terry Erickson aus Fort William (heute Thunder Bay), der Gitarre und Bass spielen konnte und auch beide Instrumente sowie einen Verstärker besaß.

Über eines dieser Instrumente, eine 9-saitige deutsche Framus Gitarre, gibt es eine erstaunliche Geschichte zu erzählen:


Terry Erickson - "Teilzeit-Squier"

Ode an den Leichenwagen -
Terry Erickson war mit an Bord
Erickson freundete sich mit den „Squires“ an und spielte gelegentlich mit. Zeitweilig nannte sich die Band um in „The High Flying Birds“. Den letzten Auftritt in Fort William hatte die Band am 16. Juni 1965 im „4-D Coffeehouse“. Danach überredete Terry Erickson Neil Young, ihn mit seinem Leichenwagen „Mort“, einem 1948er Buick, zu einem Auftritt nach Sudbury zu fahren – etwa 1.000 Kilometer östlich.

Die Gesichte, die folgte, ist hinlänglich bekannt. Neil Young selber hat sie 1976 im Song „Long May You Run“ besungen: Auf halber Strecke bleib der Wagen wegen eines Getriebeschadens in Blind River, Ontario liegen. Drei der Mitreisenden, Schlagzeuger Bob Clark sowie Tom Horricks und Donny Brown von der befreundeten Band „The Bonnvilles“ trampten zurück nach Fort William. Neil Young und Terry Errickson fuhren per Motorrad mit Zwischenhalt in Sudbury weiter nach Toronto.

Dort stellte Neil Young die Band als „Four To Go“ neu auf, ohne damit großen Erfolg zu haben. Nach einem Zwischenspiel als Folk-Solist und eine Gastspiel bei den „Mynah Birds“ reiste er nach Kalifornien, wo Neil Youngs Karriere dann richtig durchstartete.

Rückblickend betrachtet war es wohl jenem Terry Erickson zu verdanken, dass Neil Young heute auf fast 50 Jahre Erfolg zurückblicken kann.

Hätte Erickson ihn nicht dazu überredet, die „Squires“ trotz eines bereits gebuchten Auftritts in Fort William für den Trip nach Sudbury zu verlassen, wäre die Geschichte wohl ganz anderes verlaufen. Auch nach dem unfreiwilligen Aufenthalt in Blind River, als man tagelang vergeblich auf ein Ersatzgetriebe wartete, sorgte Terry Erickson und sein Motorrad für das Weiterkommen. Statt wie die anderen zurück in die Provinz nach Fort William zu trampen, fuhr Neil Young auf Terrys Motorrad den verlockenden Lichtern der Großstadt Toronto entgegen. Schon zuvor hatte Terry Erickson mit seinen Englandplänen bei Kumpel Neil Young das Feuer der Veränderung entfacht.

Terry Erickson, ohne den es den Weltstar Neil Young vermutlich nie gegeben hätte, reiste im Sommer 1965 dann wirklich von Toronto aus nach England, wo er in der Beat-Metropole Liverpool spielte. Im Gespräch mit „Rusted Moon“ erzählte Terry, er habe damals seinen Fender Jazz Bass, einen Vox-Verstärker und eine Gibson J 45 Akustikgitarre mit über den „großen Teich“ genommen. Sein damaliges Markenzeichen, eine ungewöhnliche 9-saitige Framus E-Gitarre, hat er in Toronto verkauft oder verschenkt.


Die Framus-Sensation

Framus 9-Saiter heute
Diese wunderliche Gitarre deutscher Produktion ist auf Fotos zu sehen, die Don Baxter, Barkeeper der Bar „Blue Swan“ in Fort William am Tag des letzten Auftritt von „Neil Young and the Squires“ alias „The High Fying Birds“ gemacht hatte. Sie sind in Neil Youngs Archives #1 auf DVD/Blu-Ray und im Buch enthalten.

Erstaunlicherweise existiert vermutlich genau diese Gitarre noch heute. Und sie befindet sich nach 46 Jahren offenbar immer noch genau da, wo sie Terry Ercikson 1966 zurückließ – in Toronto!

Der heutige mutmaßliche Besitzer, ein Musiker und Inhaber eines Musikverlags für christliche Musik, kaufte sie vor 20 Jahren in einer Pfandleihe. Das ungewöhnliche Stück mit seinen neun Saiten sieht für sein Alter noch recht passabel aus, nur der Tremoloarm fehlt.

Terry Erickson hat die Gitarre auf Fotos schnell wiedererkannt und erinnert sich „Rusted Moon“ gegenüber wehmütig an das Equipment, das man damals leichtfertig verschenkte und versetzte – nicht ahnend, welchen Wert solche alten Instrumente einmal haben würden. Dabei dürfte der materielle Wert der Framus 9-String im Vergleich zu alten Fender- oder Gibson-Modellen jener Zeit eher bescheiden sein. Musikhistorisch ist Terry Ericksons damalige Gitarre aber allemal eine kleine Sensation:

Vergleich: Ericksons Framus 1965 und heute
Zum einen sicher schon deshalb, weil sie in einer Band von Neil Young zum Einsatz kam. Außer dem Auftritt am 16. Juni, dem letzten in Fort William, den Bassist Ken Koblun in seiner akribisch geführten Auftrittsliste vermerkt hat, spielte Erickson die Gitarre auch in Toronto. Damals als „echtes Mitglied“ der Band.

In John Einarsons Buch „Don’t Be Denied“ über Neil Youngs Zeit in Kanada, gibt es eine Episode über diese Framus: Weil Ken Koblun sich einen Finger brach und nur noch halbwegs Bass spielen konnte, soll Erickson die Framus mit ihren drei normalen Bass-Saiten und den doppelten Diskantseiten benutzt haben, um den Sound zu füllen und Ken Kobluns Zweifinger-Bassspiel zu stützen.

Modell "Strato Melodie"

Framus Strato Melodie
Framus 5/159
Terry Ericksons Gitarre ist aber auch für Framus-Liebhaber von besonderem Interesse, weil es sich um einen ganz seltenen Prototyp handelt, den selbst die Fachleute vom Framus-Museum im Markneukirchen überraschte. Als Framus 9-Saiter war bislang nämlich nur das Modell „Strato Melodie 5/159“ bekannt. Diese Gitarre kam Anfang der 60er Jahre auf den Markt und fiel durch ihre ungewöhnliche Kopfplatte auf. Um die neun Mechaniken unterzubringen, waren auf der linken Seite sechs und auf der rechten Seite drei Reihen Mechaniken angebracht.

Diese Anordnung ermöglichte zwei unterschiedliche Varianten: Bei der einen waren die drei Basssaiten als Paar gespannt. Dabei wurde die umwickelte Basssaite mit einer blanken Saite kombiniert, die um eine Oktave höher gestimmt war. Bei der zweiten Variante waren dagegen die unteren drei Diskantsaiten als Paar gespannt, wobei beide Saiten gleich gestimmt waren. Für beide Varianten waren unterschiedlich gekerbte Sättel notwenig. Framus bestätigte auf Anfrage, dass damals ab Werk beide Varianten angeboten wurden.


Der geheimnisvolle Prototyp

Terry Erickson mit Framus
Terry Erickson 1965 mit Prototyp
Terry Ericksons Framus weist aber deutliche Unterschiede zur „Strato Melodie“ auf. Der obere Pickup wurde schräg eingebaut, das Pickguard ist größer und auch die Elektrik sieht anders aus. Größter Unterschied ist aber die Kopfplatte, deren Größe der einer normalen 6-saitigen Framus Strato entspricht. Außerdem befinden sich die sechsfache und die dreifache Mechanikreihe auf jeweils anderen Seiten der Kopfplatte im Vergleich zum Melodie-Modell.

Zunächst könnte man annehmen, dass einer 6-saitigen Gitarre einfach drei zusätzliche Mechaniken hinzugefügt wurden. Platz genug war auf der Kopfplatte vorhanden. Wegen des großen Booms der 12-saitigen Gitarren Anfang der 60er Jahre – ausgelöst durch die Beatles und die Byrds – könnten der Framus-Importeur oder der Gitarrist auf die Idee gekommen sein, eine Art „12-Saitige für Arme“ zu basteln.

2 Serienmodelle, Schema Prototyp (r.)
Die Aussagen Ericksons, er habe die Gitarre als 9-Saiter neu gekauft und die professionelle Ausführung der Kopfplatte, die auf Fotos gut zu erkennen ist, sprechen aber eher für eine Arbeit ab Werk.

Konfrontiert mit den "Squires"-Fotos von 1965 bestätigt auch Framus, dass es vor Markteinführung des regulären 9-saitigen Modells „Strato Melodie 5/159“ offenbar eine Vorserie gegeben haben muss, die auf Basis einer 6-saitigen Framus „Strato 5/155“ gebaut wurde. Näheres über diese rätselhafte Serie war nicht in Erfahrung zu bringen. Viele Unterlagen sind beim Konkurs von Framus Ende der 70er Jahre abhanden gekommen.

Festzuhalten sind dennoch drei Sensationen:
  • Eine 9-saitige deutsche Framus-Gitarre wurde in einer Band von Neil Young gespielt.
  • Diese Gitarre ist ausgerechnet eines jener seltenen Prototypen.
  • Sie ist nach 46 Jahren wieder aufgetaucht.

Hinzu kommt der ungewöhnliche Unstand, dass es diese seltsame Framus-Gitarre damals überhaupt bis in die tiefste Provinz Kanadas geschafft hat - es dürften nämlich wohl nur ganz wenige Exemplare dieser Serie jemals im bayrischen Bubenreuth gebaut worden sein.


Neues und Altes von Framus

Alte Framus Strato Modelle
Framus ist die Abkürzung für "Fränkische Musikinstru-mentenerzeugung Fred A. Wilfer K.G.“. Die Firma wurde 1946 in der Nähe von Erlangen in Bayern gegründet und produzierte ab 1954 in Bubenreuth.

Framus war zeitweilig sogar der größte Gitarrenbauer in Europa. Bis zum Konkurs der Firma Ende der 70er Jahre wurden unzählige Varianten akustischer und elektrischer Gitarren gebaut. Die Produktion von Framus war über die gesamte Zeit von einer Vielzahl von unterschiedlichen Modellen aller Preislagen mit unüberschaubaren Ausstattungsvarianten geprägt.

Dabei wurden die Produkte auch von vielen namhaften Künstlern der unterschiedlichsten Genres wie John Lennon, Bill Wyman oder Jan Akkerman gespielt. Die wohl bekannteste Framus-Gitarre ist die bis heute gebaute Hollowbody-Gitarre AZ 10, die durch den Jazz-Gitarristen Attila Zoller berühmt wurde.

Framus Museum
Bemerkenswert ist auch die langjährige Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Willi Lorenz Stich, der unter dem Künstlernahmen „Billy Lorento“ in den 50er Jahren berühmt wurde. Später ging Stich/Lorento in die USA, wo er sich dann Bill Lawrence nannte. Unter diesem Namen war er unter anderem für Gibson entscheidend an der Weiterentwicklung der Pickups für E-Gitarren beteiligt.

Heute hat die 1995 wiederbelebte Firma Framus ihren Sitz in Markneukirchen, im Musikwinkel des Vogtlandes am Fuße des Erzgebirges. Mit neuen, aber auch mit an die alte Tradition anknüpfenden Modellen ist Framus wieder gut am Markt vertreten. In einem Museum am Firmensitz werden alte Framus-Gitarren und ihre Geschichte präsentiert, in der – über Terry Erickson – nun auch Neil Young ihren Platz hat.

Vielleicht taucht dessen alte Framus-Gitarre auch eines Tages im Museum auf. Oder besser: Framus baut eine neue Serie dieser ungewöhnlichen 9-saitigen Strato. Neil Young würde bestimmt eine kaufen …


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