Dienstag, 13. September 2011

"Ich war gut, aber am falschen Ort" - Toronto feiert Premiere von "Neil Young Journeys"

Young und Demme vor der Premiere
(Clip aus canoe.tv, Toronto Sun)
Gefeierte Weltpremiere von „Neil Young Journeys“, dem dritten Konzertfilm und – zusammen mit „The Complex Session“ – insgesamt vierten Film von Regisseur Jonathan Demme über Neil Young. Das „Toronto International Film Festival“ (TIFF) zeigte den Streifen am Montag im „Princess of Wales Theatre“. Regisseur und Hauptdarsteller stellten sich im Anschluss den Fragen von TIFF-Programmdirector Thom Powers und dem Publikum.

Der Film dokumentiert die beiden Abschlusskonzerte von Neil Youngs „Twisted Road“ Solo-Tour von Mai 2011 in Torontos „Massey Hall“. Die Konzerte waren allerdings weit mehr als ein üblicher Tourneeabschluss. Sie spannen vielmehr einen Bogen zu Youngs berühmtem Konzert in der „Massey Hall“, dass er fast genau 40 Jahre vorher an gleicher Stelle gab. Das später auch auf CD erschienene Konzert vom Januar 1971 präsentierte erstmals viele der berühmten Songs, die Neil Young wenig später unter anderem für sein erfolgreiches Album „Harvest“ aufnahm.

Drei dieser Songs erklingen jetzt auch im Film über die beiden Konzerte, die zudem in Neil Youngs Geburtsstadt stattfanden. Auch Daniel Lanois, Produzent von Neil Youngs letztem Album „Le Noise“ und hauptverantwortlich für den außergewöhnlichen Sound von Solo-Tour und Album, stammt aus Toronto.

Die von Demme gefilmten Konzerte in der „Massey Hall“ 2011 dokumentieren also sowohl den Schritt in die soundtechnisch neuen Gefilde der „Le Noise“-Phase, bieten gleichzeitig Anklänge an die erfolgreiche Anfangsphase der Karriere in den frühen 70er Jahren und zeigen die Rückkehr in die Welt von Neil Youngs Kindheit und Jugend – sozusagen ein thematischer Dreiklang im dritten Film von Demmes Konzerttrilogie.

Ausschnitte aus Preview-Clip
Jonathan Demme nutzt die Gelegenheit und stellt die Konzertausschnitte in eine Rahmenhandlung, in der Neil Young mit einem alten Ford aus dem Jahr 1956 durch Ontario fährt und an Orten seiner Kindheit Erinnerungen und Anekdoten zum Besten gibt.

Der knapp 90-minütige Film enthält insgesamt 14 der 17 Songs, die Neil Young in den beiden Shows am 10 und 11. Mai jeweils spielte. Jonathan Demme hat aber die Reihenfolge umgestellt und präsentiert sie, mit Ausnahme von drei Liedern, nicht chronologisch.

Tracklist des Films:
Peaceful Valley Boulevard / Ohio / Down by the River / Sign of Love / Rumbling / Love and War / Leia / After the Gold Rush / I Believe in You / My, My, Hey, Hey (Out of the Blue) / You Never Call / Hitchhiker / Walk With Me / Helpless. (Thanks to Sharry Wilson for posting!).

Poster Neil Young JourneysIm anschließenden Interview auf der Bühne des „Princess of Wales Theatre“ erzählte Jonathan Demme laut „Hollywood Reporter“, dass er mit Neil Young seit dessen Mitarbeit an „Philadelphia“ befreundet sei. Damals habe er zunächst Youngs „Southern Man“ als Eröffnungslied des Films ausgewählt. Demme wollte für seinen Film über die AIDS-Problematik auch die Zielgruppe der „jungen, weißen Schwulen-Hasser“ erreichen. Nachdem er eine Schnittfassung an Young geschickt hatte, habe dieser aber den Song „Philadelphia“ geschrieben und ihm zurück geschickt. Der später für den Oskar nominierte Song habe dann wunderbar als Zusammenfassung am Ende des Films gepasst. Für den Einstiegssong sei er dann an Bruce Springsteen herangetreten.

Neil Young ging laut der Zeitung „Winnipeg Free Press“ zunächst auf seine Geburtsstadt Toronto ein, die es ihm sehr schwer gemacht habe. „Wir versuchten es und versuchten es, aber wir bekamen keine Arbeit“, sagte er in Anspielung auf das Scheitern mit seiner Band im Jahr 1965. Für seine Soloauftritte habe er dann auch noch „schreckliche Kritiken“ in Toronto bekommen. Selbstzweifel habe das bei ihm aber nicht ausgelöst: „Ich wusste, ich war gut. Ich war einfach nur am falschen Ort“.

Neil Young mit Popcorn
Neil Young während der Fragerunde
(Foto: Beverley Barnett Graham)
Toronto scheint ihm das aber nicht übel genommen zu haben. Wie die Zeitung weiter berichtet, sei die Premiere voller ehemaliger Weggefährten gewesen. Mary-Ellen, eine Kinderliebe Neil Youngs aus der 4. Schulklasse, meldete sich ebenso zu Wort wie Verwandte von „Goof“ aus Omemee, der im Film von Neil Young als Urheber vieler skurriler Streiche genannt wird.

Wie die Nachrichtenagentur AP berichtet, haben Young und Demme auch eine kleine Kamera angesprochen, die auf dem Mikrofonständer steckte. "Das Ding hat mir eine Höllenangst eingejagt", sagte Neil Young. Obwohl das Objektiv schnell durch einen Speichelfleck verschmutzt war, habe Regisseur Jonathan Demme dennoch Aufnahmen der Spezialkamera im Film verwendet. Die leicht psychodelische Optik durch den Fleck wirke letztlich wie ein "Hunderttausend-Dollar-Spezialeffekt", so Demme

Auch zu seinem aktuellen Buchprojekt nahm Neil Young Stellung. Laut „Toronto Star“ habe er sogar schon Band 1 fertig geschrieben. Es gebe aber noch keinen Erscheinungstermin. An Band 2 schreibe er derzeit.

UPDATE2: Die Zeitung "The Globe And Mail" berichtet von einem Dinner im Anschluss an die Premiere. Im Restaurant Canoe im 54. Stock über Toronto habe Neil Young mit Ehefrau Pegi, Jonathan Demme, Manager Elliot Roberts sowie Filmcrew und Freunden relaxt gefeiert. Die Zeitung zitiert Neil Young, er habe "Urlaub von der Musik" genommen, um sich auf das Schreiben einiger biographischer Sachen zu konzentrieren. Ein erstes Buch mit 105.000 Wörtern sei schon fertig. Es trage den vorläufigen Titel "Cars I Have Known" (Autos, die ich gekannt habe). Einen Verleger habe er noch nicht.

UPDATE: Spinner.com berichtet von der Premiere, das Young und Demme dem Sound des Films viel Aufmerksamkeit schenkten. Der als pedantischer Soundfetischist bekannte Neil Young habe darauf bestanden, eine bis dahin beim Film nicht gekannte Soundqualität zu liefern. Statt der für Musikfilme sonst üblichen Abtastrate von 48 kHz setzte der Musiker 96 kHz durch. Mit Hilfe der Torontoer Festivalmacher und einem Lieferanten von Lautsprechern wurde das "Princess of Wales Theatre" eigens für diese Soundtechnik umgerüstet. Der Sound war dann auch so realistisch, dass das Premierenpublikum nach jedem Song applaudierte, als wäre live gespielt worden. "Das ist das erste Mal, dass ein Film mit so einem Soundsystem vorgeführt wurde", sagte Demme.

„Wenn zwei leidenschaftliche Künstler mit im Geiste verwandten Visionen kollidieren, ist das Ergebnis ein magisches Stück des Filmemachens - Kunst um der Kunst willen.“
David McPherson in American Songwriter

Video vom YouTube-Kanal Red Carpet Diary:



Link:
Toronto Star Interview mit Neil Young und Jonathan Demme auf CANOE.TV: TIFF Red Carpet: Neil Young Life


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