Freitag, 11. Mai 2012

"Americana", "High Flyin' Bird" und der Leichenwagen-Blues

1948 Buick Hearse
Die Folksongs des kommenden Albums „Americana“ sind eng mit Neil Youngs musikalischer Frühzeit in Winnipeg und Fort William verknüpft. Mit seiner damaligen Band „The Squires“ hatte Neil Young in den Jahren 1964 und 1965 viele der Songs auf den kleine Bühnen der lokalen Clubs und Coffeehouses gespielt. Das Album ist auf seine Art also auch eine „Journey through the Past“. 

„Under The Rusted Moon“ hat bereits über den Song „Oh Susannah und seine Verbindungen zur Periode der „Squires“ berichtet. Im Artikel „Clementine – Requiem für Danny Whitten“ ging es sogar um eine Spur, die über die kanadische Zeit mit den „Squires“ hinaus nach Kalifornien führt. In „High Flyin‘ Bird – Neil Young hebt ab“ stand ein Song im Mittelpunkt, der die Verbindung zu Stephen Stills herstellt. Neil Young hatte den Song nämlich im April 1965 in Fort William von Stephen Stills damaliger Band gehört.

Tom Horricks
Tom Horricks
High Flyin‘ Bird“ bildet aber auch noch eine andere Brücke in Neil Youngs frühe kanadischen Jahre: Der Song steht ebenfalls in enger Verbindung mit einer weiteren Legende jener Zeit: dem 1948er Buick Leichenwagen „Mort“ und dessen Zusammenbruch in Ironbridge nahe dem Ort Blind River. Neil Young hat diese Episode später im Song „Long May You Run“ musikalisch verarbeitet.

Damals war auch ein Passagier an Bord von Mort, der nur ein Jahr später - im Sommer 1966 - den Song "High Flyin' Bird" als Single aufnahm: Tom Horricks.

Hier nun alles über den geheimnisvollen Passagier und die erstaunlichen Verbindungen zu Neil Young, den "Squires" und dem Song auf "Americana":

High Flyin' in Fort William

Fort William 1964
Fort William 1964
Die tatsächliche Episode spielte sich im Juni 1965 ab. Neil Young hat im Song daraus - vermutlich wegen des besseren Reims - 1962 gemacht. „Neil Young and The Squires“ waren damals seit April 1965 in Fort William, einer Industriestadt am Lake Superior, die heute Thunder Bay heißt. Dort traten sie im örtlichen „4-D Coffeehouse“ auf, einer Schwesterfiliale des „4-D“ in Winnipeg. Gordy Crompton, der Betreiber des „4-D“ besaß auch das „Sea Vue“ Motel, in dem die Band zeitweilig wohnte.

Schon im Oktober und November 1964 hatten die Squires in Fort William gespielt. Damals wurde die Band vom „Flamingo Club“ gebucht, spielte aber auch schon ein paar Gigs im „4-D“. Während dieses Aufenthaltes hatte der damals 19-jährige Neil Young im Victoria Hotel sein berühmtes "Sugar Mountain" geschrieben. Der örtliche Radiomoderator "Ray Dee" produzierte mit den "Squires" sogar eine Plattenaufnahme.

Die drei damaligen Mitglieder der „Squires“ – Neil Young, Bassist Ken Koblun und Drummer Bob Clark – machten während ihre drei Aufenthalte in Fort William viele Bekanntschaften. Neben Stephen Stills, der im April 1965 gleich zu Anfang ihres dritten Aufenthalts mit „The Company“ für einen Abend in Fort William gastierte, freundete man sich auch mit örtlichen Musikern an.

Terry Erickson mit Framus 9-string
Terry Erickson
Dazu zählte Terry Erickson, der neben Bass auch eine markante 9-saitige deutsche Framus Gitarre spielte und der Band mit seinem Vox-Verstärker aushalf. Terry Erickson jammte in Fort William mit Neil Young und den "Squires" und wurde wenige Monate später in Toronto für kurze Zeit sogar offizielles Mitglied der Band, die sich dann in „Four To Go“ umbenannte. 

Enge Kontakte pflegten „Neil Young and The Squires“ auch mit den Mitgliedern der örtlichen Band „Donny B and The Bonnvilles“. Es war die Hausband des „Flamingo Clubs“ und so etwas wie der musikalische Platzhirsch von Fort William. Namensgeber war Sänger und Gitarrist Donny Brown. Zu den weiteren Mitgliedern gehörten damals Saxophonist und Sänger Tom Horricks, Pianist Joel Stapansky, Bassist George Stevenson und Drummer Lyn McEachern.

Auch Tom Horricks jammte mit Neil Young und den "Squires". Nach Horricks Darstellung entstand die Textzeile  "Big Birds flying across the sky" aus Neil Youngs Song "Helpless" während einer gemeinsamen Session im obersten Stock des alten Gebäudes von "Twin City Gas" in Fort William. Neil Young habe von dort oben startende Flugzeuge auf dem nahe gelegenen Flughafen gesehen und sich zu der Textzeile inspirieren lassen.


Gestrandet in Blind River

Im Juni 1965 ging die Zeit der „Squires“ in Fort William dann zu Ende. Neil Young und Terry Erickson begannen, Pläne für eine Englandreise zu schmieden. Beiden war wohl klar, dass ihre musikalische Zukunft nicht in der kanadischen Provinz lag. Am 16. Juni 1965 gaben die „Squires“ ihr letztes Konzert im „4-D“. Neil Young, Ken Koblun, Bob Clark und Terry Erickson ließen sich zuvor noch von Don Baxter, dem Barkeeper der Bar „Blue Swan" auf dem Güterbahnhof hinter dem „4-D“ fotografieren. Eines der Fotos der „High Flyin‘ Birds“, wie sich die Band in Anspielung an den von Stephen Stills gelernten Song nun nannte, ist in Neil Youngs Archive Book abgebildet. 

Long May You Run
Das Lied über den Trip mit Mort
Danach verließen Neil Young und Terry Erickson Fort William. Terry Erickson hatte Neil Young dazu überredet, ihn mit Leichenwagen „Mort“ nach Sudbury zu fahren, wo er einen Auftritt hatte. Ob Neil Young je die Absicht hatte, wieder nach Fort William zurückzukehren, ist unklar. Sehr wahrscheinlich aber war es nicht, denn er nahm seine Instrumente und Verstärker mit auf die Reise. Terry Erickson legte sogar sein Motorrad in den Kofferraum des Buick.

Bassist Ken Koblun blieb einsam in Fort William zurück. Im Leichenwagen „Mort“ saßen neben Neil Young, Bob Clark und Terry Erickson auch zwei Musiker der befreundeten Bonnvilles – Tom Horricks und Donny Brown“. 

Die fünfköpfige Truppe strandete bekanntlich in Blind River, wo der alte Buick mit Getriebeschaden liegen blieb. Ein paar Tage wartete man in einem Motel gemeinsam auf Ersatzteile, ehe Bob Clark und die beiden „Bonnvilles“ wieder zurück nach Fort William trampten. Ihr restliches Geld hatten sie zuvor Neil Young gegeben, der zusammen mit Terry Erickson noch die Reparatur abwarten wollte. Als aber klar war, dass die benötigten Ersatzteile so schnell nicht aufzutreiben waren, machten sie sich auf Terry Ericksons Motorrad auf nach Sudbury, später nach Toronto.


Tom Horricks und die Plattenfirmen

Auch wenn sich die Wege von Neil Young und Tom Horricks von den „Bonnvilles“ damals in Blind River trennten, so ergibt sich 47 Jahre später über das Album „Americana“ nun doch wieder eine Verbindung – und dazu noch einige, im Rückblick erstaunliche, Parallelen:

"The Plague" auf The Gaiety Records Story
Kompilation von Gaiety Records
Aus den Fort Williams „Bonnvilles“ wurden damals nämlich zunächst „The Plague“. Die Band hatte die gleiche Besetzung wie der Vorgänger. „The Plague“ schafften es sogar, in Kalifornien einige Songs für das Label „Gaiety Records“ aufzunehmen. „Gaiety Records“ war 1961 in Fort William von Don Grashey and Lloyd Palmer gegründet worden. Der Name geht auf das Kino "Gaiety Theatre" in Winnipeg zurück, das Lloyd Palmer geleitet hatte.

Star des Labels war der aus Fort William stammende Rockebilly-Musiker Jerry Palmer. „Gaiety Records“ war dann um 1966 von Fort William nach Kalifornien umgezogen, wo Don Grashey und sein neuer Partner Chuck Williams weitere Singles Jerry Palmer produzierten und auch einige weitere kanadische Bands unter Vertrag nahmen. Aus vertrags- und lizenzrechtlichen Gründen erschienen viele der Aufnahmen aber auf anderen Labels. Die Aufnahmen entstanden überwiegend in den "Gold Star Studios" in Hollywood, in dem später auch Neil Young mit "Buffalo Springfield" Platten aufnahmen. Don Grashey zog mit seinem Label 1968 wieder zurück nach Fort William, das nach der Fusion mit Port Arthur inzwischen Thunder Bay hieß. 

"The Plague" aud Crusader Records
Erste Single von "The Plague"
Zu den Bands, deren Aufnahmen „Gaiety Records“ auf anderen Labels veröffentlichte, gehörten auch „The Plague“. Deren erste Single, "The Face Of Time", erschien im September  1966 bei "Crusader Records" mit dem Aufdruck "Prod. By Gaiety Productions". "Crusader Records" ging noch im gleichen Jahr Pleite. Eine geplante zweite Single konnte nicht mehr erscheinen.

"The Face Of Time" weist neben Tom Horricks übrigens auch Ray Dee als Urheber aus. Ray Dee war Radiomoderator beim Sender CLJX in Fort William und hatte 1964 Plattenaufnahmen mit "Neil Young and The Squires" gemacht. Später managte Ray Dee die "Squires" und besorgte ihnen Aufritte in der Umgebung von Fort William. "Rusted Moon" hatte in "Neil Young and The Squires - Das geimnisvolle Poster" über einen der Aufritte geschrieben.

R.Dee und Gaiety
Nach der Pleite von "Crusader Records" zogen die Musiker um Tom Horricks zurück nach Kanada. Dort waren sie Teil der rührigen Yorkville-Musikszene von Toronto. Und dort erschien dann 1966 zunächst noch einmal die Single "The Face Of Time". 1967 kam schließlich auch noch die zweite Single heraus. Beide Singles erschienen auf dem kanadischen Label „Reo Records“, einem Unterlabel von „Quality Records". Auch "Reo" druckte den Hinweis „By Arrangement with Gaiety Records USA“ auf die Platten. 

"High Flyin' Bird" auf Reo
Als B-Seite der Single „Love and Obey“ veröffentlichte „Reo Records“ tatsächlich auch „The Plagues“ Version von „High Flyin‘ Bird“. Den Song, den Neil Young und Tom Horricks im April 1965 beim Gastspiel von Stephen Stills in Fort Williams hörten. Er war inzwischen noch von vielen anderen Künstlern und Bands wie "Jefferson Airplane" eingespielt worden. 

Es gehört zu den vielen erstaunlichen Zufällen in der Karriere von Neil Young, dass dieser Song von der Band aus Fort William für ein Label aufgenommen wurde, das nach einem Kinotheater in Winnipeg benannt wurde – dem Ausgangsort von Neil Youngs Musikkarriere. Und dieses Label musste anschließend die Rechte an ein Label aus Toronto abgeben, Neil Youngs Geburtsstadt. "High Flyin' Bird" wurde zudem in genau dem Jahr aufgenommen, als Neil Young, der zuvor selber von Fort William nach Toronto ging, von Toronto nach Kalifornien zog. Dorthin, wo Tom Horricks, der Passagier aus dem Leichenwagen Mort, mit „The Plague“ seine  Fassung von „High Flyin’ Bird“ aufgenommen hatte.

Fast scheint es so, als werden alle Stationen von Neil Youngs früher Karriere in der Entstehungsgeschichte von „The Plagues“ Version von „High Flyin’ Bird“ auf einmal sichtbar. 


Was danach kam

The Plague - rechts: Tom Horricks
Mehr als regionalen Erfolg hatten „The Plague“ mit ihrer Single damals allerdings nicht. Die Band formierte sich um und hieß dann „Lexington Avenue“. Von "The Plague" waren nur noch Horricks, Brown and Stapansky dabei. "Lexington Avenue" nahmen 1968 sogar noch den Song „Farmer John“ auf, den "Neil Young and The Squires“ im "4-D" in Fort William ebenfalls gespielt hatten. Später erschien "Farmer John" noch einmal auf dem Album „Ragged Glory“ mit "Crazy Horse". 

Tom Horricks spielte danach noch in zahlreichen anderen Bands und Projekten. Er legte sich das Pseudonym Tom Milestone zu und gründete die "Jarvis Street Revue", mit der er eine LP und einige Singles veröffentlichte. Auf seiner Internetseite bezeichnet sich Tom "Milestone" Horricks als  den am längsten aktiven Musiker von Thunder Bay (Fort William).

In den 1990er Jahren kam es auch noch zum Projekt "Fish On The Wall" in Goa, Indien. Dabei standen Tom Horricks und Terry Erickson wieder gemeinsam auf der Bühne. Sie spielten auch eine CD gleichen Namens ein.


Terry Erickson und der "Long May You Run"-Blues

Crayons mit Terry Erickson (rechts)
Terry Erickson, in Fort William Mitglied der kurzlebigen Band „High Flyin‘ Birds“, war nicht nur zusammen mit Tom Horricks Passagier in Neil Youngs legendärer Fahrt im Leichenwagen nach Blind River. Er hat auch Neil Youngs erste Schritte in Toronto begleitet, ehe er für einige Zeit nach England ins Mekka der damaligen Beat-Szene ging.


Zurück in Kanda spielte Erickson in einigen Bands wie den "Crayons", machte unter dem Namen "Doc Tibbles" aber auch Soloprojekte und reiste als Musiker um die Welt. Irgendwann in den 1960er Jahren nahm Terry Erickson sogar einen Vorläufer von Neil Youngs "Long May You Run" auf. Im Gespräch mit "Rusted Moon" erinnert er sich an eine Aufnahme in einem Studio in der South Cumberland Street von Port Arthur, das mit Fort William inzwischen zu der neuen Stadt Thunder Bay verschmolzen war. Aufnahmeingenieur war Don Grashey persönlich, Terry Erickson begleitete sich selbst auf der Gitarre.

Der Song im Stil eines Talking Blues hieß "Blind River Blues". Er handelte von der Fahrt in Neil Youngs Leichenwagen und den gemeinsamen Erlebnissen rund um die Reise. Die Aufnahme ist nie veröffentlicht worden, ein Band existiert nicht mehr. Angesprochen auf den Song erinnert sich Terry Erickson aber an Textfragmente:
"Rolling down the highway in a big black hearse
Things could be better things could be worse
All of a sudden I had a sneaky suspicion
There was something wrong with the Buick transmission

Found the town of Blind River in a bad situation
There wasn't one transmission in the whole population

I got the Blind River Blues ..."
Mit der Aufarbeitung der legendären Autopanne ist Terry Erickson damit seinem damaligen Mitfahrer Neil Young um ein paar Jahre voraus gewesen.

Neben dem Inhalt des Liedes fasziniert aber auch der Aufnahmeort des "Blind River Blues". Terry Erickson hat es bei Don Grashey im DMG Studio von "Golden Eagle Records" aufgenommen. Das Country-orientierte Label hatte Grashey parallel zu dem eher auf Beat und Rock spezialisierten Label "Gaiety Records" gegründet, nachdem er von Hollywood nach Thunder Bay zurückgekehrt war - dorthin, wo einst die Fahrt im Leichenwagen Mort startete. "Blind River Blues" entstand also im Studio des Plattenbosses, der auch schon Tom Horricks Version von "High Flyin' Bird" aufgenommen hatte. It's all one song ...


"The Plague" - High Flyin' Bird - recorded 1966



"Lexington Avenue" - "Farmer John" - 1968






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