Samstag, 22. Januar 2011

Blue Notes for You - Neil Young und der Jazz

Jazz und Neil Young, das ist keine Verbindung, die sich einem sofort aufdrängt. Von den vielen musikalischen Genres, die der Kanadier in den fast 50 Jahren seiner Karriere beackert hat, gehört Jazz eher zu den Randerscheinungen – auch wenn Neil Young 1988 auf seinem Album "This Note's For You" beachtliche bluesig-jazzige Töne auf der Gitarre zauberte.

"The Bluenotes"
Songs wie „Coupe de Ville“, „Can't Believe Your Lyin'“ oder „One Thing“ lassen aber durchaus erahnen, dass er in seinen kanadischen Teenagerjahren mit dem in Winnipeg lebenden Lenny Breau einen veritablen Jazzgitarristen als Inspiration hatte. Allan Bates, Bandkollege Youngs bei den „Squires“ berichtete, dass sie seinerzeit in Winnipegs Coffehouses am gleichen Abend wie Lenny Breau aufspielten. Der von Neil Young damals verehrte Winnipeg-Gitarrist Randy Bachman sei auch ein großer Fan von Breau gewesen und habe sich bei ihm manches abgeschaut. Auf diese Weise hat Lenny Breau, erklärt Bates, mit Umweg über Randy Bachman auch einen gewissen Einfluss auf Neil Young ausgeübt.

TV aus Winnipeg
Der Gitarrist Lenny Breau war Anfang der 1960er Jahre eine feste Größe in der kanadischen Jazz-Szene und auch als Studiomusiker für den Rundfunk aktiv. Im kanadischen Fernsehen hatte er mit der „Lenny Breau Show“ sogar eine eigene Sendung. Später nahm er in den USA eine Reihe von Jazz-Alben auf. Der in Musikerkreisen hoch geachtete Gitarrist hatte zeitlebens mit Drogenproblemen zu kämpfen. Er starb 1984 unter nicht geklärten Umständen im Swimmingpool seines Hauses in Los Angeles. Um den musikalischen Nachlass Breaus hat sich übrigens Randy Bachman gekümmert und posthum einige Aufnahmen veröffentlicht. Ein YouTube-Video einer kanadischen Fernsehshow aus dem CBC Studio Winnipeg von Anfang der 60er Jahre (siehe unten) zeigt Lenny Breau zunächst mit zwei anderen Gitarristen und anschließend Solo. Nicht ausgeschlossen, dass damals auch der Teenager Neil Young zuschaute – watching his mama’s tv und auf die „Grand Canyon Rescue Episode“ wartend.

1970: Miles Davis als
Vorgruppe von Neil Young
Neil Young selbst nannte vor allem den Jazz-Saxophonisten John Coltrane, aber auch Trompeter Miles Davis als musikalischen Einfluss. In einen Interview mit dem englischen MOJO-Magazine sagte Young 1995:

"Miles und Coltrane, ja sie sind zwei meiner Favoriten. Meine Gitarrenimprovisationen mit Crazy Horse sind sehr, sehr von Coltrane beeinflusst. Vor allem durch Arbeiten wie 'Equinox' und 'My Favourite Things'. Miles liebe ich besonders wegen seiner generellen Haltung zum Konzept des 'Schaffens', das ein Konzept des ständigen Wandels ist. Es gibt keinen Grund, irgendwo zu bleiben, sobald man es geschafft hat. Man könnte für den Rest des Lebens bleiben - und es würde zu einen regulären Job werden."

So selten Neil Youngs Ausflüge in den Jazz waren, so stellten umgekehrt Neil Youngs Lieder nie sonderlich begehrte Vorlagen für jazzige Coverversionen dar. Die oft simple Harmonik und der Countryeinschlag machen Youngs Musik auch nicht gerade zur idealen Grundlage für myxolydische Improvisationen oder komplizierte Bebop-Linien. Die Coverversionen aus dem Jazzbereich sind daher ebenfalls recht überschaubar – aber es gibt sie. Hier ein kleiner Überblick mit Bildern und Videos:

Den Anfang machte schon 1971 der Studiogitarrist und Sessionmusiker David T. Walker, der auf seinem nach ihm selber benannten Debut-Album Neil Youngs „Only Love can break your Heart“ coverte. Richtiger Jazz war das damals nicht, auch wenn Walker im seinerzeit angesagten George-Benson-Fahrstuhl-Sound ein paar schöne Linien auf seiner Gibson Archtop zauberte. Im Vordergrund der Aufnahme stehen eher schwülstige Streicher und Chöre. Wobei vor allem der stöhnende Männerchor heraus sticht. Da hört man viele gebrochene Herzen ganz tief seufzen.

Herz und unerfüllte Liebe stehen auch im Mittelpunkt von Carla Cooks Jazz-Coverversion von „Heart of Gold“. Die Aufnahme des Klassikers stammt von Cooks Debüt-Album „It's All About Love“ aus dem Jahr 1999. Eine schöne, elegante Vocal-Jazz-Version der Sängerin aus Detroit und damit Vorreiter für eine ganze Reihe weiblicher Jazz-Interpretationen von Neil-Young-Songs. Das Album brachte Carla Cook 1999 eine Grammy-Nominierung in der Kategorie „Best Jazz Vocal Performance“ ein.

2003 legte mit Cassandra Willson sogar eine Grand-Dame des Jazz eine „Harvest Moon“-Version nach. Sie erschien auf ihrem Album „New Moon Daughter“ und später noch auf ihrem Pop-Coveralbum „Closer to You: the Pop Sides“. Cassandra Willsons tiefe Stimme, das langsame Tempo und das minimalistische Arrangement, einschließlich Grillenzirpen und Bass-Drone, machen ihre Version zu einem Gänsehaut-Hörerlebnis. Dunkler war ein Harvest Moon wohl nie. Die CD erschien übrigens beim „Blue Note“-Label, was Neil Youngs Komposition gewissermaßen in den Jazz-Adelsstand erhebt

2005 komplettierte Lizz Wright das Trio der weiblichen Neil-Young-Jazz-Interpretationen auf ihrem zweiten Album „Dreaming Wide Awake“. Dafür suchte sich die junge Sängerin aus dem US-Bundesstaat Georgia ausgerechnet „Old Man“ aus, das sie als Jazz-Country-Pop-Fusion im Stil von Norah Jones präsentiert. Das erfolgreiche Album wurde Nummer Eins in den US-Billboard-Charts für zeitgenössischen Jazz. Die Modewelle mit sanftem weiblichen Vocal-Jazz war gerade auf dem Höhepunkt und Alben von Norah Jones, Jane Monheit oder Diane Krall verkauften sich millionenfach. Auch Lizz Wrights Album wurde Nummer Eins in den US-Billboard-Charts für zeitgenössischen Jazz. Zu den Studiomusikern gehörte übrigens auch der Jazz-Gitarrist Bill Frisell, der auf seinem Album "Nashville" von 1997 selber Neil Youngs "One of these Days" gecovert hatte.

Natürlich kam auch die männliche Jazz-Szene nicht an Neil Youngs „Old Man“ vorbei. Im Jahr 2000 steuerte der amerikanische Jazzpianist Brad Mehldau mit seinem Trio eine Version des „Harvest“-Klassikers zum Soundtrack des Spielfilms „Space Cowboys“ bei. „Old Man“ ist ein durchaus passender Song für einen Film, in dem alte Männer wie Clint Eastwood, James Garner und Donald Sutherland pensionierte Astronauten spielen, die noch einmal ins All geschickt werden, um einen veralteten Satelliten zu reparieren. Mehldau selber war damals übrigens erst 30 Jahre alt.

Eine musikalisch interessante Variante steuerte 2005 das „The Jazz Mandolin Project“ um Mandolinist Jamie Masefiel zur Gattung der Neil-Young-Jazz-Cover bei. Auf dem Album „The Jazz Mandolin Project“ ist neben dem Titeltrack auch das mit Pianist Gil Goldstein und Bassist Greg Cohen deutlich jazziger eingespielte „Winterlong“ enthalten. Selten hat man eine Mandoline in einem solchen musikalischen Umfeld gehört.

Ebenfalls 2005 erschien mit „The Sameness Of Difference“ das zweite Album der Jazz Gruppe „Jacob Fred Jazz Odyssey“ aus Tulsa, Oclahoma. Die Musiker aus dem mittleren Westen der USA nutzen unter anderem eine Lap Steel, ein für den Jazz genauso ungewöhnliches Instrument wie die Mandoline. Das Album enthält eine Version von „Don’t Let It Bring You Down“ von Neil Youngs Album „After the Gold Rush“ von 1970.

Mit eher klassischeren Jazz-Tönen interpretierte das „Upper Left Trio“ den gleichen Song im Jahr 2007. Die drei Musiker aus Portland, Oregon, um Pianist Clay Giberson präsentieren „Don’t Let It Bring You Down“ auf ihrem Album „Three“. Dabei fällt neben dem an Oscar Peterson orientierten Pianospiel Gibersons vor allem das melodiöse Bassspiel von Jeff Leonard auf. Ein YouTube-Video präsentiert beide mit Neil Youngs Song ohne Schlagzeuger Charlie Doggett.

In die gleiche Richtung gingen schon 1998 die italienischen Jazz-Musiker Enzo Pietropaoli (Bass) Danilo Rea (Piano) und Fabrizio Sferra (Drums). Das Trio "Doctor 3" interpretierte auf dem Album „The Tales of Doctor 3“ Pop-Klassiker unter anderem von Elton John und Simon & Garfunkel. Auch Neil Youngs „Harvest“ haben die drei Italienier“eingejazzt“. Seine wunderschönen Pianolinien begleitet Pianist Danilo Rea dabei mit summender Stimme, wie weiland Keith Jarrett sein Köln-Concert. Ein tolles Cover – nicht nur für Jazzfans.

Von „Harvest“ wieder zurück zu „Harvest Moon“, das der in Nashville geborene Flügelhornist Dmitri Matheny 1996 für sein Album „Penumbra“ aufnahm. Hätte Cassandra Willson ihre Version nicht erst 2003 präsentiert, könnt man meinen, eine Kopie zu hören. Nur das Willsons Stimme durch das Flügelhorn Mathenys ersetzt wurde. Ansonsten ist die Stimmung des Songs genauso schön dunkel wie bei Willson. Das richtige Stück, um in Sommervollmandnächten mit einem Glas Whiskey auf der Veranda zu sitzen. Man muss ja nicht immer Neil Young im Original hören.














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